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Ein Tag im Jobcenter

Es brennt lichterloh!

Von Antonia Baum
 - 18:09
In der Jobcenter-World ist das Leben berechnet und reglementiert, auch wenn es so ungeordnet aussieht. Bild: Kat Menschik, F.A.S.

Das Jobcenter vergibt Lebensmittelgutscheine im Wert von rund achtzehn Euro, und mit diesen Gutscheinen wird, so erklärt die zarte Arbeitsvermittlerin, deren „Team“ für Selbständige zuständig ist und neben der ich einen Tag lang sitzen und ihr beim Gespräch mit den „Kunden“ zusehen darf (immer wichtig beim Amt: positive Formulierung, das heißt, eben nicht Arbeitslose, sondern Kunden, nicht Amt, sondern Jobcenter sagen), mit diesen Gutscheinen wird also vor dem Jobcenter Neukölln gehandelt. Sind achtzehn Euro ein Betrag, der irgendwie spannend klingt? Ach, sagen wir doch lieber zwanzig. Echt, ich würde zwanzig sagen. Zwanzig ist eine gute, eine glatte Zahl, für einen Tag, und so denkt man als Mensch, der keine Lebensmittelgutscheine bezieht. Im Jobcenter denkt man natürlich anders, in der Jobcenter-World ist das Leben ein Vorgang und exakt vermessen, berechnet und reglementiert.

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Dabei sieht es vor dem Jobcenter-Bau, der durch eine der welttraurigsten Einkaufspassagen führt (heißt im Ernst Kindl-Boulevard), so unordentlich aus: Alkohohlbäuche, frisch gekämmte Köpfe und der Geruch von Rasierwasser, Zigaretten in faltigen, in jungen, in knallroten Mündern, gelbe Bärte, Klettverschlussschuhe mit neonfarbenen Blitzen darauf, rausgewachsene Haarfarben, billiger Goldschmuck neben dezentem Schmuck, Satzfetzen unterschiedlichster Herkunft, schnelle und schlendernde Schritte, Frauen mit und ohne Kopftücher, ein Mann steht da und ruft „Anwalt kostenlos, Anwalt kostenlos“ und verteilt Handzettel („Fachanwalt für Sozialrecht, Schwerpunkt Hartz IV, war zwei Jahre Mitarbeiter in Widerspruchsstelle eines Berliner Jobcenters, kennt daher die internen behördlichen Abläufe bei Hartz-IV-Fällen, berät, überprüft, legt Rechtsmittel ein, etwa bei: Ablehnung, wenn Leistungen nicht rechtzeitig gezahlt werden, Kosten für Miete nicht übernommen werden, wenn ein Umzug abgelehnt wird, Leistungskürzung, unrichtiger Anrechnung von Einkommen oder Vermögen, Rückforderungen und bei allen anderen Fragen zu Hartz IV“), der Mann ruft, aber die Unordnung formt sich und strömt an ihm vorbei, nach drinnen, hinter die Jobcenter-Mauern, wo man wohl tagtäglich mit dem Versuch befasst ist, dieses Chaos zu ordnen, das eigentlich einer geregelten Tätigkeit nachgehen und eben nicht zum Jobcenter gehen sollte. Die Menschen sortieren sich in die Fahrstühle ein, sie fahren zu den für sie zuständigen Stockwerken, und man sieht an ihren nach unten fließenden Gesichtern, dass keiner von ihnen hier sein möchte.

„Neukölln ist voll mit uns“

Erster Kunde: Ein modisch gekleideter Mann, dem man die Last des Hinwegs anmerkt, kommt in das Arbeitsvermittlungszimmer (normales Verwaltungszimmer, recht hell, Pflanzen, Familienfotos) und legt seine Unterlagen auf den Tisch. Die Arbeitsvermittlerin lächelt ihn an, freundlich, positiv, bejahend und absolut gecoacht. Sie möchte wissen, was sich so getan hat seit dem letzten Treffen. Kunde: „Ich lasse nichts schleifen. Ich bin mit allem im Plus.“

Der Mann hat einen sehr speziellen Beruf, er ist selbständiger Setdresser, das heißt, er gestaltet die Kulisse von Fotoshootings. Früher war er erfolgreich. Er hat heute ein Magazin dabei, in dem ein von ihm arrangiertes Set zu sehen ist. Er legt der Arbeitsvermittlerin das Magazin zur Ansicht vor, die es aufmerksam durchblättert und anerkennend nickt. Ein bisschen wie in der Schule, nur, dass da ein erwachsener Mann sitzt, der nachweist, dass er nicht faul war. Die Auftragslage ist schlecht, der Mann wird vom Jobcenter unterstützt, er soll aber nicht mehr unterstützt werden müssen.

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Der Mann und die Arbeitsvermittlerin, diese beiden zueinander Gezwungenen, unterbrechen sich gegenseitig im Dialog über die Frage, was sich nun seit dem letzten Treffen getan hat und ob die Honorarvorstellungen des Mannes angemessen sind oder nicht, wobei der Mann gerne viel redet. Es ist ein kleiner Kampf. Der Mann macht Gebrauch von seiner stärkeren Stimme, die Arbeitsvermittlerin redet weiter, die beiden Stimmen liegen aufeinander, und die Arbeitsvermittlerin versucht einfach so lange weiterzusprechen, bis der Mann ruhig ist, freundlich und mit einer Wahnsinnsgeduld. Beide vordergründig höflich, aber in Wahrheit miteinander ringend.

Kunde: „Ich bin permanent im Internet.“

Arbeitsvermittlerin: „Was denken Sie, was Sie tun können, damit es besser wird?“

Die Arbeitsvermittlerin filtert in ihrem Rechner passende Angeboten für den Setdresser heraus. Das Kreuzfahrtschiff „Aida“ suche einen Dresser, was, so erklärt der Setdresser, aber nicht zu ihm passe, weil man da Kostüme nähen und Leute schminken muss.

Kunde dann: „Neukölln ist voll mit uns.“ Er meint all die Menschen, die kreativ sind. Die Arbeitsvermittlerin füllt die „Wiedereingliederungsvereinbarung“ aus (dieses Wort! Man ist nur drin, wenn man arbeitet und wenn man „vereinbart“, im gegenseitigen Einverständnis also, dabei muss man ja irgendetwas vereinbaren und das Vereinbarte auch noch einhalten), und in dieser Wiedereingliederungsvereinbarung steht, was der Kunde für Anstrengungen unternehmen wird, um wieder eingegliedert zu werden, und was für Leistungen das Jobcenter im Gegenzug bereitstellt.

Spitze Gegenstände außer Reichweite

Nächster Kunde. Eine junge Frau und ein Mann betreten den Raum, und es riecht streng nach Männerparfüm. Der Mann trägt Hut und Lederjacke, er hat ein Kneipengesicht, und man sieht sofort, dass ihm etwas nicht passt. Er stellt sich als „All-in-one-Consultant“ vor und legt seine Visitenkarte auf den Tisch, auf der genau das in Rot geschrieben steht. Wow. Jeden in jeder Frage beraten. Es geht aber nicht um ihn, sondern um die junge Frau, 25 Jahre alt, kommt aus der Slowakei, hat dort zwei Kinder und arbeitet in einer Billard-Bar und nur da, was sich als Problem erweisen wird, weil sie als Selbständige gemeldet ist, und da darf man nicht nur einen Auftraggeber haben, sonst ist man Scheinselbständiger. Der Grund, aus dem die Frau in Begleitung des All-in-one-Consultants heute erscheint, ist jedoch ein anderer. Sie und ihr Freund haben sich getrennt, jetzt kann sie die Wohnung nicht mehr bezahlen und braucht Unterstützung, die sie bereits beantragt hat. Aber das Geld ist noch nicht bei ihr angekommen. Die Frau guckt ratlos, die Arbeitsvermittlerin versucht, die Situation der Frau zu erfassen, der Consultant wird leidenschaftlich.

Consultant mit immer lauter werdender Stimme: „Nein, es ist nicht nötig, dass sie nicht mehr selbständig ist.“ Und, nein, ein Deutschkurs sei auch totaler Quatsch. Die Frau versteht nichts und sieht aus dem Fenster. Ein bisschen divenhaft und gelangweilt. Der Consultant kommt jetzt in Fahrt und demonstriert mit Blick zu mir, wie man mit Ämtern umzugehen hat. Der Mund steht offen, wenn er nicht redet, die wässrigen Augen blinzeln aufgeregt, die schlecht durchbluteten Hände zittern, er explodiert gleich. Spitze Gegenstände und alles, womit man beworfen werden könnte, legen Arbeitsvermittler übrigens außer Reichweite.

„Ihr helft mir, oder ihr helft nicht?“

Consultant: „Sie spricht Bulgarisch, Tschechisch, Polnisch und Türkisch.“ Da sei es doch wohl das Beste, sie werde Dolmetscherin. Die Jobvermittlerin, unerträglich geduldig, versucht, die Frau anzusprechen, was kaum möglich ist, weil sie wenig versteht und der Consultant schneller ist.

Arbeitsvermittlerin: „Als was möchten Sie arbeiten?“

Junge Frau: „Flughafen.“

Arbeitsvermittlerin: „Und als was genau?“

Dem Consultant wird es nun zu bunt: „Hamse auch ’ne Wohnung für sie?“ Das sei die eigentliche Frage. Beziehungsweise: „Wann kommt hier endlich mal ’ne Leistung?“

Der Consultant schreit die Arbeitsvermittlerin inzwischen völlig entfesselt an: „Es brennt lichterloh!“

Arbeitsvermittlerin: „Vielleicht warten Sie besser vor der Tür.“ Wieder: völlig rätselhaft, wie diese Frau es schafft, so freundlich zu bleiben. Der Consultant verspricht, sich zu beherrschen, rastet aber noch zwei Mal aus und erklärt jeweils mit einem Seitenblick zu mir: „Man muss ein bisschen dranbleiben, sonst passiert hier gar nichts.“ Die Arbeitsvermittlerin verweist ihn zwei weitere Male des Zimmers, aber er schafft es, sie davon zu überzeugen, dass er sich von nun an zurückhalten wird.

Junge Frau mit Verzweiflung in der Stimme: „Was passiert? Ihr helft mir, oder ihr helft nicht?“

Sie müsse noch etwas Geduld haben, bis das Geld überwiesen sei, erklärt die Arbeitsvermittlerin der Frau. Aber wenn sie dem Vermieter eine Bestätigung zeige, auf der draufsteht, dass alles beantragt sei, würde sie erfahrungsgemäß nicht rausgeschmissen werden. Dann Vereinbarungen und Papierkram. Die Arbeitsvermittlerin sagt Sachen, die sie sagen muss und die man nicht mal als Muttersprachler versteht. Die Jobcenter-Sprache ist ein undurchdringliches Labyrinth, in dem es zieht. Dieses Labyrinth kann nie im Leben von Menschen erdacht worden sein, denkt man und will raus, raus aus dem kalten und kantigen Sprach-Labyrinth, raus aus dem Zimmer. Als der Consultant und die junge Frau das Zimmer verlassen haben, findet die Arbeitsvermittlerin heraus, dass der Consultant Hartz IV bezieht und gegen Geld andere Leute berät, die Hartz IV beziehen.

Durchgecoachtes Amtsdeutsch prallt auf den Stein

Die beiden Gespräche mit Kunde eins und zwei waren Sport. Körperliche Arbeit. Die Stimme erheben, Missverständnisse erkennen und überwinden, neuen Missverständnissen dabei zusehen, wie sie sich aufbauen, den eigenen Willen erklären und den Willen des Jobcenters erklären; auf der einen Seite des Tisches sitzen, freundlich sein und es hassen, dort zu sitzen; auf der anderen Seite des Tisches sitzen, freundlich sein und denken, guck mich nicht so an, ich kann doch nichts dafür. Ich mache hier meinen Job. Ich mache einen Job! Warum muss jeder einen Job machen? Warum darf man nur sein, wenn man einen Job macht? Wie kann eine Behörde für einen arbeitslosen Menschen festlegen, was ein zumutbarer Job ist? Angesichts der vielen schlechtbezahlten Scheißjobs in diesem Land bekommt man doch bereits als Säugling Angst und hat keine Lust mehr.

Im Jobcenter als Jobvermittler zu arbeiten ist jedenfalls eine totale Zumutung. Die Arbeitsvermittlerin bestätigt, dass derart ausgeflippte Meetings nicht die Regel seien. Es folgen noch vier, fünf, sechs weitere Termine. Dauerlauf. Man braucht Kondition.

Ein polnischer Handwerker Ende fünfzig, in Handwerkerkleidung erscheint in Begleitung eines Dolmetschers, der in der Nase popelt und auch nicht damit aufhört. Alle Anwesenden erschöpft, eine Scheinselbständigkeit ist zu prüfen. Die Arbeitsvermittlerin weiß nicht, ob der Handwerker die Wahrheit darüber sagt, was er wann verdient hat, der Handwerker weiß nicht, welcher Verdachtsmoment jetzt gerade im Raum steht (Arbeitsunwilligkeit, Täuschung, Falschangaben?). Ein misstrauischer Tanz, der bis zum Ende gebracht werden muss. Die Fragen der Arbeitsvermittlerin beantwortet er meistens mit einem Schulterzucken und sitzt da wie ein Stein. Das durchgecoachte Amtsdeutsch prallt auf den Stein, der ohnehin nichts versteht, und den Dolmetscher, den es nicht interessiert. Der Dolmetscher ist ebenfalls Handwerker und hat einen Betrieb, die Arbeitsvermittlerin weist ihn darauf hin, dass er vom Jobcenter unterstützt werde, wenn er den anderen Handwerker einstellt. „Man muss auf gute Ideen kommen“, sagt sie.

Und so geht es weiter, immer weiter

Weiter. Ein gut aussehender Schauspieler, der jetzt Imagefilme macht. Vorher Privatinsolvenz. Sehr ernst, erschöpft. Wollte bestimmt mal viel mehr. Erklärt und rechtfertigt sich. Aber das ist doch ein erwachsener, total vernünftiger Mann, warum muss der sich so unangenehm ausziehen? Die Arbeitsvermittlerin bietet ihm ein Coaching an, das ihm dabei helfen soll, mit seiner Selbständigkeit erfolgreich zu werden. Ein Mann, der kein Deutsch kann, erscheint und hat seinen Dolmetscher vergessen. Spricht man kein Deutsch, braucht man einen Dolmetscher, denn im Jobcenter wird Deutsch gesprochen. Warum? Arbeitsvermittlerin: „Die Arbeitsvermittler dürfen nicht übersetzen. Deutsch ist die Amtssprache.“ Womit natürlich keinem geholfen ist, wenn es darum geht, sich zu verständigen.

Dem Mann geht es nicht gut, die Augen sind ganz müde, die Lider zum Zufallen bereit. „Mein Kopf ist kaputt, because my wife escaped.“ Komm, leg dich ins Bett, denkt man, schlaf erst mal zwei Wochen. Es folgt ein Dialog in gegenseitigem Unverständnis, wobei die Arbeitsvermittlerin versteht, dass dieser Mann etwas ganz anderes braucht als das Reden über Bedarfsgemeinschaften und Wiedereingliederungsvereinbarung, von denen er gar nichts versteht, aber die Arbeitsvermittlerin würde ihre Arbeit nicht machen, würde sie nicht genau davon reden, würde sie diesen Termin nicht einfach durchziehen, egal, ob der Mann sie versteht oder nicht. Und wahrscheinlich darf sie es sich auch nicht erlauben, zu viel zu verstehen, weil sie sonst irgendwann begraben würde unter der Masse an schweren Leben, die im Sinne des deutschen Staates einfach nicht in Ordnung zu bringen sind; und so geht es weiter, immer weiter, an diesem Tag und nächste Woche und in den Monaten danach.

Quelle: F.A.S.
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