Eröffnung des Louvre Abu Dhabi

Das leuchtende Ei auf der staubigen Insel

Von Lena Bopp, Abu Dhabi
 - 19:57
© Roland Halbe, reuters

Es war wieder einmal ein Tag der Superlative am Golf. Niemand, der vor der Eröffnung des Louvre Abu Dhabi an diesem Samstag auf der Bühne saß, weder der Architekt Jean Nouvel noch Manuel Rabaté, der Direktor des neuen Museums, oder Jean-Luc Martinez, der Direktor des Louvre in Paris, widerstand der Versuchung des großen Wortes: Der Louvre Abu Dhabi biete eine Reise durch die ganze Welt, er sei ein „leuchtendes Geschenk“ und trage bei zur „Ausweitung der Zonen des Lichts“, helfe so, Fanatismus zu bekämpfen und künftige Generationen zu erziehen. Keine kleinen Aufgaben für ein einziges Haus.

Denn noch steht der arabische Louvre ziemlich allein auf weiter Flur. Umgeben nur von ein paar frisch gepflanzten Palmen in dem ansonsten staubigen Brachland der Insel Saadiyat, mit Blick auf den Containerhafen von Abu Dhabi liegt er in der Gegend wie ein Ei, das aus dem Nest gefallen ist. Man erkennt ihn sofort an dem leicht gewölbten Stahldach, das Jean Nouvel über sein Ensemble von 55 unterschiedlichen Häusern und Galerien geworfen hat und das gewiss zum ikonographischen Bild von Abu Dhabi avancieren wird. Anders als geplant aber, wird dieser Louvre seine Mission allein antreten müssen. Vom Guggenheim Abu Dhabi, das, von Frank Gehry entworfen, in unmittelbarer Nachbarschaft entsteht, ist nicht viel zu sehen. Von Norman Fosters Nationalmuseum und dem Center for Performing Arts von Zaha Hadid fehlt jede Spur.

Spektakulärer Bau zur Insel

Da trifft es sich gut, dass sich der spektakuläre Bau zur Insel hin weit weniger öffnet als in Richtung des Wassers, das in seiner Architektur eine ebenso große Rolle spielt wie das Licht. Man kann kaum fünf Meter gehen, ohne auf einen neuen Ausblick zu stoßen – auf die Anlegeplätze für die Boote, mit denen sich das Museum anschippern lässt, die im Dunst verschwindende Skyline von Abu Dhabi oder kleine Infinity Pools, die mit spiegelglatter Wasseroberfläche zwischen einzelnen Galerien in dem gewollt unübersichtlichen Bau ruhen. Der Louvre Abu Dhabi ist ein Ort, der große Gegensätze verbindet: Wie das Wasser suggeriert auch das Licht, das durch das Sternenmuster des Dachs fällt und mit dem Sonnenstand durchs Museum wandert, einen ständigen Wandel. Zugleich umhüllt das Dach die Anlage auch wie eine Oase, in der fern von allem eine eigene Welt existiert.

Um nichts Geringeres als diese Welt dreht sich die Dauerausstellung, mit welcher der Louvre Abu Dhabi von diesem Samstag an seine Türen öffnet. Der Slogan „See humanity in a new light“, der schon im Flugzeug auf dem Weg nach Abu Dhabi und dort an jeder Straßenecke für das Museum wirbt, mag noch so phrasenhaft klingen. In der Schau wird schnell deutlich, wie wörtlich ihn die Kuratoren um Direktor Manuel Rabaté genommen haben. In zwölf Galerien erzählen sie die Geschichte der Menschheit, von den Anfängen, die hier mit der Gründung der ersten Dörfer etwa 4000 vor Christus zusammenfallen. Bis zur Gegenwart, die sich beispielsweise in einem „Brunnen aus Licht“ offenbaren soll, den der Künstler Ai Weiwei eigens für den Louvre Abu Dhabi gefertigt hat und der an den Turmbau zu Babel erinnert – als, wie ein Schild am Fuß des Werks erläutert, Metapher für diversity und die Frage, was die Menschen in der globalisierten Welt miteinander teilen.

Dabei ist es genau dies, der etwas schulmeisterliche Ton, der in der Ausstellung irritiert. Zuweilen fühlt man sich wie ein Kind, das an die Hand genommen und durch den Paradiesgarten namens Erde geführt wird, wobei man ihm stets versichert, dass die Menschheit trotz augenfälliger Unterschiede doch Teil eines großen Ganzen, nämlich der Schöpfung ist. Mag sein, dass, um ein Beispiel zu nennen, jene drei Porträts, die aus Nigeria, Ecuador und Italien stammen, hier aber zusammen in einer Vitrine liegen, völlig unterschiedliche Vorstellungen vom Antlitz des Menschen offenbaren. Allein dass sie aus demselben Material gefertigt sind, aus Ton, und aus derselben Epoche stammen, um 300 vor Christus, ist ausschlaggebend für die Art ihrer Präsentation – und typisch für die Vorgehensweise dieser Schau. Wie diese drei Gesichter sind viele Werke in thematischen Dreiergruppen arrangiert, die zeigen wollen, wie ähnlich sich die Menschen entwickelt haben, ganz gleich wo sie lebten. Selbst eine jemenitische Thora von 1498 findet sich neben einem Koran und einer Bibel – das unbedingte Bemühen unterstreichend, aus diesem universalen Museum niemand auszuschließen.

Weg vom Eurozentrismus

Gleichwohl rückt ins Zentrum dieser Entwicklungsgeschichte des Menschen immer wieder die islamische Welt. Aber warum auch nicht? Es kann nicht verwundern, dass ein Museum, das inmitten der islamischen Welt liegt, eine Sichtweise einnimmt, die sich von der eurozentrischen mancher Museen in Europa unterscheidet. Außerdem tut die Verschiebung des Blickwinkels durchaus wohl. Die Seidenstraße etwa wird in der Galerie „Asian Trade Routes“ zu einem Handelsweg, der seinen bedeutendsten Knotenpunkt auf der Arabischen Halbinsel fand. Was vielleicht gar nicht falsch ist, auch wenn es die Vermutung nahelegt, dass man sich an dieser wie manch anderer Stelle extrem bemüht hat, eine Meta-Erzählung zu finden, in die sich die Meisterstücke aus der Sammlung des Louvre Abu Dhabi gut integrieren lassen. Wie jene bislang größte, bekannte Bronzestatue aus der islamischen Welt: Ein beeindruckender Löwe, mit feinen Ziselierungen versehen und einem Mechanismus in seinem Inneren versteckt, der in der Entstehungszeit um 1200 nach Christus einer Sensation gleichgekommen sein dürfte: Der Löwe konnte brüllen.

Auch Alexander der Große wird hier als jemand vorgestellt, der nicht etwa einen halben Kontinent mit Krieg überzog, sondern auf diese Weise Europa und Asien miteinander verband. Zur Anschauung dient eine Statue des Herrschers aus Griechenland um 100 vor Christus, die normalerweise neben der Venus von Milo im Louvre in Paris steht. Aus dem Schloss von Fontainebleau ist der berühmte Apollo Belvedere in Abu Dhabi eingetroffen. Er hat Frankreich zum ersten Mal verlassen. Dafür bekam Fontainebleau von der Golfmonarchie eine Art Sonderzahlung von fünfeinhalb Millionen Dollar, mit der das Schloss sein „Théâtre imperial“ renoviert hat, das seit kurzem den Namen des Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate trägt und „Scheich Chalifa bin Zayid al Nayan Theater“ heißt.

Umstrittener Deal mit Frankreich

Der Deal zwischen Frankreich und Abu Dhabi war von Anbeginn umstritten. Mehr als fünfhundert Millionen Dollar hat die Golfmonarchie allein dem Louvre für das Recht bezahlt, seinen Namen in den nächsten dreißig Jahren zu verwenden. Weitere siebenhundert Millionen Dollar zahlt Abu Dhabi für die Schulung von Personal, die Ausbildung von Kuratoren und natürlich die Leihgaben. Vertraglich ist festgelegt, dass bis 2027 jedes Jahr etwa dreihundert Werke aus insgesamt dreizehn französischen Museen an den Louvre Abu Dhabi ausgeliehen werden. Je größer die eigene Sammlung dieses Hauses wird, desto weniger Kunstwerke fliegen aus Frankreich an den Golf.

Derzeit zählt die Sammlung des Louvre Abu Dhabi etwa sechshundert Werke, einige bemerkenswerte Stücke, und auch manches, das einem sofort vertraut vorkommt. Nicht nur das berühmte Porträt von Gilbert Stuart, das jenen nachdenklichen George Washington aus dem Jahr 1822 zeigt, der heute die amerikanische Ein-Dollar-Note ziert. Sondern auch ein Bild von Piet Mondrian und René Magrittes „The Subjugated Reader“, die neben den wiederum geliehenen Kunstwerken etwa von Manet, Monet und van Gogh eine Bildsprache sprechen, die so bekannt ist, dass man sie sofort verorten kann und die auch die Kunstwerke selbst an diesem Ort gar nicht mehr fremd wirken lässt.

Auch das dürfte ganz im Sinn derer sein, die in diesen Tagen versuchen, letzte Zweifel zu zerstreuen. Jean-Luc Martinez, der Direktor des Louvre in Paris, lobte die Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern, gab sich keine Blöße und verwies auf das Geld. Der Empfangsbereich unter der Pyramide des Louvre sei schon renoviert. Auch den vielfach, am schärfsten von dem französischen Politologen Alexandre Kazerouni erhobenen Vorwurf, Abu Dhabi erkaufe sich ein positives Image, indem es der westlichen Kunstszene ermögliche, ein Museum nach ihrem Gusto am Golf zu entwerfen, suchte man zu entkräften. Mehr als die Hälfte der Mitarbeiter des neuen Louvre seien Bürger der Emirate, sagte Hissa al Dhaheri, die stellvertretende Direktorin des Louvre Abu Dhabi. Und dann erzählte sie mit sichtlicher Freude, erst am Morgen habe sie die Nachricht eines ehemaligen Mitarbeiters erreicht, der schrieb, er habe soeben eine Mitgliedschaft erworben. Die Anekdote war klug gewählt. Denn genau darum wird es in Zukunft gehen. Der Louvre Abu Dhabi ist eröffnet, er ist spektakulär schön, klug bespielt und politisch korrekt, und er ist ein Wagnis. Man wird sehen, ob es gelingt, ihn mit Leben zu füllen, sprich mit Menschen, die auf diese staubige Insel fahren, um ihn anzuschauen. In zwei, drei Jahren wissen wir mehr.

Quelle: F.A.Z.
Magdalena Bopp Portraitaufnahme für das Blaue Buch / FAZ.Net
Lena Bopp
Redakteurin im Feuilleton.
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