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Erste Zeichnung der DNA wird versteigert

Die Schrift des Lebens

Von Joachim Müller-Jung
 - 09:26

„Mein lieber Michael, James Watson und ich haben wahrscheinlich eine der größten Entdeckungen gemacht. Wir haben ein Modell von der Struktur der Des-oxy-ribose-nuklein-säure (lies es sorgfältig) gebaut, abgekürzt D.N.A. genannt.“ Mit diesen Worten beginnt der Brief, den der englische Physiker und Biochemiker Francis Crick am 19. März 1953, fünf Wochen vor der wissenschaftlichen Veröffentlichung, an seinen Sohn Michael, einen Zwölfjährigen, geschrieben hat, und der in die Geschichte als dasjenige Dokument eingehen dürfte, in dem der Begriff „Code des Lebens“ geboren wurde. (Hier finden Sie eine Transkription des Briefs.)

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Michael war damals im Internat untergebracht. Da er mit Grippe im Bett lag, hatte er genügend Zeit, dem Rat seines Vaters zu folgen und den Brief sorgfältig, immer und immer wieder, zu lesen. Er wollte verstehen, was sein Vater ihm Bahnbrechendes aus Cambridge mitzuteilen hatte. Die beiden hatten zu Hause immer wieder mit den Blechteilen aus dem Meccano-Stabilbaukasten Türme gebaut oder Kräne. Doch das Modell, das Francis Crick damals seinem Sohn auf sieben zahlreichen detailreichen Skizzen versehenen Seiten beschrieben hatte, muss auch das Vorstellungsvermögen eines mathematisch gewiss begabten Zwölfjährigen maßlos überfordert haben.

„Lies das sorgfältig“

Crick, immer noch sichtlich ergriffen von der „Schönheit“ ihres DNA-Modells, versuchte semantisch alles, um seinem Sohn die Bedeutung der Entdeckung vor Augen zu führen „Mit anderen Worten, wir haben den grundlegenden Kopiermechanismus gefunden, mit dem Leben aus Leben entsteht. Du kannst verstehen, dass wir sehr aufgeregt sind“, schrieb Crick zum Ende hin, und abermals: „Lies das sorgfältig, so dass du es verstehst. Wenn du nach Hause kommst, werden wir dir das Modell zeigen. Mit viel Liebe, Daddy“

Es ist der Schlusssatz eines Briefes, wie ihn bisher vermutlich kein zweiter Halbwüchsiger im Leben zugeschickt bekommen haben dürfte. Es war ein veritabler Heureka-Moment, der da aufgezeichnet wurde, der Moment, an dem die Sprache des Lebens sichtbar gemacht wurde. Bisher war nur einmal, in Cricks Biographie, aus dem Brief Michaels zitiert worden. An diesem Mittwoch nun wird der Brief des vor knapp neun Jahren an Darmkrebs verstorbenen Jahrhundertforschers auf Betreiben seiner Familie im Auktionshaus Christie’s in New York versteigert. Geschätzter Verkaufswert: bis zu drei Millionen Dollar. Damit könnte er die Summe von zwei Millionen Dollar übertreffen, die ein anonymer Käufer für jenen Brief geboten hatte, in dem Albert Einstein 1939 den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt vor den Gefahren einer deutschen Atombombe warnte.

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Zum ersten Mal fällt hier das Wort „Code“

Die brutale Macht des Atomkerns und die Eleganz der „Schrift“ des Lebens, von der Crick in seinem Brief sprach, das waren ohne Zweifel die zwei großen Sternstunden der Naturwissenschaften im vergangenen Jahrhundert. Das letzte Puzzleteil am Modell ihrer DNA-Doppelhelix hatten Crick und Watson nach aufreibenden Wochen im Cavendish-Labor am Morgen des 28. Februar 1953 eingefügt. Noch am gleichen Abend feierten sie im Eagle Pub in Cambridge, wo Crick angeblich jeden Kneipengast habe wissen lassen: „Wir haben das Geheimnis des Lebens entdeckt.“

Sollte er das tatsächlich ausgerufen haben, wie unter anderem Michael und auch der jüngere der beiden Mitentdecker, James Watson, in seinem 1968 erschienen Besteller „Die Doppelhelix“ behauptete, dann ist es zumindest bemerkenswert, dass Crick diese schöne Formel ausgerechnet in dem offenen und an klaren Einordnungen nicht eben armen Brief unerwähnt ließ.

Auch in anderer Hinsicht hält die Wissenschaftshistorikerin Soraya de Chadarevian von der University of California in Los Angeles den kurz nach der Entdeckung verfassten Brief an seinen Sohn für „ein wichtiges Dokument mit wissenschaftshistorisch genuinem Wert“: Zum ersten Mal würden darin Gene als Schrift des Lebens bezeichnet und erstmals falle auch das Wort „Code„. „Der Brief macht auch deutlich, denke ich, dass für Crick die komplementäre Struktur mehr Bedeutung hat als die Struktur der Doppelhelix, aus der in der populären Geschichte so viel gemacht worden ist. Das allerdings könnte auch ein strategischer Zug sein, da dies eindeutig ein Beitrag der Cambridger Gruppe war.“

Auf den Kopiermechanismus kam’s an

Die Wissenschaftshistorikern spielt damit auf den hitzig geführten Wettlauf an, der seinerzeit um die Dekodierung des DNA-Moleküls geführt wurde - ein Ziel, das war jedem der Beteiligten klar, das den Geburtstermin einer neuen Lebenswissenschaft, der Molekularbiologie, markieren sollte.

Crick selbst hat einige Jahre später den exakten Gencode, das heißt das aus den vier DNA-Basen zusammengesetzte Alphabet, in dem die Bauanleitung für Proteine chiffriert ist, komplett entschlüsselt. Nicht dafür allerdings erhielt er 1962 zusammen mit Watson und dem ebenfalls schon verstorbenen Physiker Maurice Wilkins im Jahr 1962 den Medizin-Nobelpreis, sondern für die Entdeckung der Struktur und des Kopiermechanismus der DNA-Doppelhelix. Warum aber beschrieb er diese ausgerechnet in einem Brief an einen Zwölfjährigen zum ersten Mal so ausführlich?

Der heute 72 jährige Michael, der als Computerfachmann Karriere machte, erklärt sich das heute so: Nachdem die Autorenschaft für das „Nature“-Paper geklärt und der Artikelentwurf für das Fachjournals fertig formuliert worden war, habe sein Vater endlich genügend Ruhe zum freien Schreiben und skizzieren gefunden. Der Direktor des Berliner Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte, Hans-Jörg Rheinberger, einer der international führenden Experten für die Historie der Molekularbiologie, hält den Brief denn auch für „wunderbar explizit und einfach und deutlich. Er übertrifft in dieser Hinsicht die „Nature“-Publikation, wie er auch inhaltlich über sie hinausweist“.

Eine Auktion von Memorabilia

Einen Tag nach der Versteigerung des Briefes an diesem Mittwoch werden in einer separaten Auktion weitere Memorabilia aus den Beständen der Crick-Familie versteigert: die Nobelpreismedaille Cricks und der in Stockholm ausgestellte Nobel-Scheck, den Crick zum Teil für den Kauf eines MG-Sportwagens für Michael und zur Hälfte für den Miterwerb einer Vierzehn-Meter-Jacht einlöste sowie das Logbuch und einen Laborkittel mit einer aufgedruckten Helix (keine Doppelhelix), den Crick gelegentlich getragen haben soll.

Mindestens ein Fünftel aus dem Erlös soll dem Francis Crick Institute in London zukommen, das gerade in London gebaut wird. Aus dem Erlös des Briefes soll schließlich die Hälfte an das kalifornische Salk Institute gehen. Es ermöglichte Francis Crick nach dessen Zwangsemeritierung, mehr als siebenundzwanzig weitere Jahre in Kalifornien als Hirnforscher mit der Suche nach den physiologischen Grundlagen des menschlichen Bewusstsein zu verbringen.

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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