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Europäer und Amerikaner

Mon Ami, go home!

Von Tobias Rüther
 - 14:31
Jean Seberg, hier in Godards „Außer Atem“, haben alle immer für eine Französin gehalten. Sie wurde aber in Iowa geboren. Bild: Archiv, F.A.S.

Die amerikanische Popkünstlerin Patti Smith hat jetzt das Haus des französischen Dichters Arthur Rimbaud gekauft. Es steht in Roche, wo der Dichter aufgewachsen ist und 1873 „Eine Zeit in der Hölle“ schrieb: Da war Rimbaud neunzehn Jahre alt, ein Frühvollendeter des rauschhaften Schreibens und Erlebens – in diesem Geiste singt Patti Smith bis heute. Als sie im Februar die größte Auszeichnung der Stadt Paris erhielt, den Grand Vermeil, zitierte sie in ihrer Dankrede Rimbaud. Und kaufte im Stillen sein Haus, das zu verfallen droht.

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Als das etwas später bekannt wurde, fuhr die Literaturkritikerin Mara Delius nach Roche in die Ardennen: Jemand hatte ein Schild ins Fenster von Rimbauds Haus gehängt, berichtete sie, „Welcome Home, Patti“ stand darauf geschrieben. Falls Patti Smith dieses Schild gesehen hat, wird sie gerührt gewesen sein. Denn hier, bei Rimbaud, hatte sie sich immer zu Hause gefühlt. Sie war sechzehn, 1967, als sie am Busbahnhof von Philadelphia ein Buch des Dichters klaute, „Illuminationen“, geschrieben 1872, da war Rimbaud kaum älter als sein amerikanischer Fan. „Ich umarmte ihn als Landsmann“, schreibt Patti Smith in ihrer Autobiographie „Just Kids“ von 2010, „als Verwandten, ja als heimlichen Geliebten“.

Über die Sehnsucht nach der Alten Welt

Man begegnet dieser Überidentifikation mit Rimbaud, diesem Bedürfnis nach Verwandtschaft mit dem anderen, dem Wunsch, etwas zu werden, was man glaubt, dass der andere ist, ständig in „Just Kids“. Und man kennt diese Sehnsucht nach der Alten Welt auch von vielen anderen Künstlern aus der Neuen Welt. Henry James hat diese Sehnsucht Mitte des 19. Jahrhunderts aus New York nach Paris und Venedig vertrieben. Sie war bei der Wagnerianerin Susan Sontag spürbar, die Goethe in der „New York Review of Books“ auf Deutsch zitierte und sich als europäische Intellektuelle im Stile Simone de Beauvoirs oder Hannah Arendts inszenierte. Man spürt sie heute bei Jonathan Franzen, der mit den Werken des österreichischen Satirikers Karl Kraus deutsch zu sprechen lernte – und dessen Stil, so elegant und von heute er auch ist, schwer an großen Worten trägt, als schreibe er im Suhrkamp-Verlag. Und dann ist da noch Donna Leon, die Amerikanerin in Venedig.

Man findet das Phänomen aber auch alltäglicher, etwa im Buchhandel amerikanischer Flughäfen, wo sich unterhaltsam gemeinte Ratgeber stapeln, was amerikanische Frauen von französischen lernen können (im wesentlichen: essen, trinken und Kinder kriegen, ohne zuzunehmen). Und am zuverlässigsten strahlen amerikanische Popmusiker bis heute immer dann, wenn man ihnen eine European sensibility bescheinigt. Feinsinnig zu sein wie ein Europäer, nicht so ein McKlotz: Danke scheen!

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Es ist aber keine einseitige Liebe. Umgekehrt haben auch europäische Künstler immer schon voller Fernweh ihren Blick über den Atlantik geworfen, neidisch auf die Kräfte des Neuanfangs, sehnsüchtig nach einem weiten, unbeschriebenen Land, raus aus der Kleinstaaterei europäischer Standards und Traditionen. Die französischen Filmemacher der Nouvelle Vague wie Truffaut oder Melville haben das getan, Wim Wenders („Paris, Texas“) genauso – und noch dem unbegabtesten deutschen Gangsterrapper wäre wohl lieber, sein Block stünde in der Bronx statt in Neukölln.

Craft Beer kriegt man auch in Bamberg

Ändert sich das gerade, unter Trump? Den Cowboystiefelträgern aus dem Rhein-Main-Delta wird es vielleicht nicht mehr so leichtfallen, die amerikanische Fahne zu schwenken. Aber die Anverwandlung trägt eben nicht nur Stars and Stripes. Es geht auch alternativer: Die sogenannte „Craft Beer“-Bewegung ist jetzt ja auch in Deutschland angekommen. Sie war in den Vereinigten Staaten mal aus Notwehr entstanden: weil es die Brauereien dort einfach nicht schafften, ein gutes Bier zu brauen. Also machten sich die sogenannten „Microbreweries“ daran, ein Bier zu erfinden, das zwar anders als das deutsche schmeckt, aber dafür wenigstens nicht so schlimm wie Miller Lite.

Inzwischen kriegt man Craft Beer allerdings auch in Bamberg. Wo sich zwar schon seit ungefähr 1536 eine Microbrewery an die andere reiht, aber egal. Überhaupt wird in deutschen Innenstädten mit vielen Studenten und Bartträgern momentan das Modell „Brooklyn“ nachgelebt: mit dem wiederum in amerikanischen Innenstädten das kleinteilige, alte Europa imitiert wird: Kaffeehäuser, Metzgereien, Bäcker, Fahrräder, Kurzwarenläden, kleine Buchläden und Boutiquen, European sensibility und Bars, die „Berlin“ heißen. Und das alles jetzt also auch im Berlin ohne Anführungsstriche: Denn wir wollen das, was wir längst haben, nur ganz neu und mit amerikanischen Streifen, weil’s dann heller strahlt.

So was nennt man wohl ein produktives Missverständnis. Tatsächlich war der Wunsch, etwas nachzueifern, was man selbst nicht ist, aber sein möchte, immer schon gut für die Kunst. Weil sich dabei die Elemente verschieben und so Neues entsteht, unweigerlich. Die missglückte Anverwandlung ist eine optimistische Kraft – und jedes Mal, wenn irgendwo jemand nach „kultureller Identität“ schreit oder die Bewahrung des „Eigenen“ fordert, drehen sich Goethe und Truffaut in ihren Gräbern um.

Die europäische Handschrift ist in Amerika allgegenwärtig

Was man für ein Phänomen der Kunst halten könnte, für Mode, das hat aber einen politischen Kern: Die Bundeskanzlerin hat jetzt ja erklärt, dass „wir Europäer unser Schicksal wirklich in die eigene Hand nehmen müssen“, weil Trump so eine Enttäuschung ist. Es wäre aber nun ein sehr großer Irrtum zu glauben, aus Merkels Satz spräche ein Triumph der europäischen über die amerikanische Identität. Nicht nur, weil die eine aus der anderen erwachsen ist und beide Seiten leidenschaftlich in diesem Wechselspiel aus Identifikation und Abgrenzung miteinander verbunden sind: Jene europäischen Institutionen, die nun das „Schicksal“ in die Hand nehmen sollen, sind seit 1945 unter großem Einfluss und Druck der Amerikaner überhaupt erst geschaffen worden. Sie tragen die Handschrift Amerikas, so wie umgekehrt die europäische Handschrift allgegenwärtig ist in Amerika, in der Verfassung, in Hollywood, in Nachnamen. „Europa“ jetzt zu einer speziell europäischen und rein aus europäischen Traditionen entstandenen Spielart der Politik zu erklären, die halt nur wir können: Das bedient ein überhebliches, oft auch antiamerikanisches Bedürfnis nach einer Sonderrolle, die Europa längst nicht mehr besitzt. Der Westen wird sich eigentlich immer nur ähnlicher.

Es gibt ein amerikanisches Bild aus dem Jahr 1867, Albert Bierstadt hat es gemalt: Es heißt „In the Mountains“ und zeigt einen Bergsee unter mächtigen Gipfeln und Steilwänden und einen Wasserfall, und wenn man es Leuten zeigt, die sich entweder mit Malerei oder mit Bergen auskennen, rufen sie „Caspar David Friedrich!“ oder „Watzmann!“. Tatsächlich hat Bierstadt hier spiegelverkehrt den Königsee ins Yosemite Valley verlegt. Wo genau er das Bild gemalt hat, lässt sich nicht mehr sagen, am Ende stand er in seinem Atelier und träumte Nachbildern hinterher. Aber man sieht hier einen Künstler am Werk, der die Landschaft, in der er lebt, zu verstehen und überhöhen versucht, indem er einen europäischen Berg in sie hineinmalt – und damit zugleich die Traditionen europäischer Landschaftsmalerei. Wo also ist dieses Bild zu Hause? Ist das amerikanische Malerei? Wenn ja, dann offensichtlich gemalt im Wunsch, den neuesten europäischen Konventionen nachzueifern. Es ist jedenfalls keine Kopie, sondern etwas Einzigartiges, entstanden aus dem Chargieren zwischen den Welten.

Genau hundert Jahre später, im Jahr 1967, hatte Patti Smith ihren geklauten Rimbaud in den Koffer geschmissen und Philadelphia verlassen, wo sie in einer Fabrik gejobbt hatte: „Gemeinsam hauten wir ab.“ Nicht nach Roche in die Ardennen, wo Rimbauds Haus stand, sondern nach New York, wo Patti zum Superstar des Punkrocks aufstieg – und mit dem Gitarristen Tom Verlaine zusammenlebte, auch ein Star des amerikanischen Punkrocks, der sich wiederum nach dem Dichter Paul Verlaine benannt hatte, einem Freund Rimbauds. Während der Rest der Welt, jedenfalls im Pop, damals nach New York schaute, weil dort ein neuer Stil und Sound entstand, der über den Umweg durch London bald alle elektrisieren sollte, schauten die Hauptdarsteller der New Yorker Szene auf ihre Leitsterne jenseits des Atlantiks, jenseits des 20. Jahrhunderts.

Über die Amerikafixierung des BRD Rock’n’Roll

Dort aber, auf der anderen Seite des Atlantiks, sangen Franzosen und Deutsche damals noch auf Englisch, wenn sie Rock machen wollen. Nicht alle: Gerade der Punk sollte das ändern, vor allem in der Bundesrepublik. Plötzlich gab es jede Menge Gruppen, die auf Deutsch sangen. Aber wer Rock ’n’Roll machen wollte und aus Hannover oder sonst woher kam, sang besser nicht auf Deutsch. Die Amerikafixierung des bundesrepublikanischen Rock ’n’ Roll hatte historische Gründe, die frühkindliche Prägung durch die Alliierten spielte da eine entscheidende Rolle. Aber sie brachte Schillerndes hervor, einen hybriden, ja globalisierten Stil, der zwischen den Sprachen schwebte, gebastelt aus dem Wörterbuch und dem Slang der angloamerikanischen Hits, an denen er sich orientierte, der aber – im Sinne des „Eigenen“, der „Identität“ – keinen Ort hatte, genau wie Albert Bierstadts Gemälde vom Watzmann im Yosemite Valley. Zu Hause in der Kunst, im Uneigentlichen, einem Wunschraum, in dem sehr viel möglich ist und ausprobiert werden kann.

Patti Smith als Rimbaud, Donna Leon als Venezianerin: Künstler tragen Kostüme, um arbeiten zu können. Sie verkleiden sich, legen sich in Pose, geben sich neue Namen: Das bringt die Beschäftigung mit Fiktion offenbar so mit sich. Man wird selbst ein bisschen fiktional – wie wunderbar, dabei zuzuschauen: Der amerikanische Schriftsteller John Cheever zum Beispiel musste immer erst einen Anzug anziehen und ihn dann wieder ausziehen, um schreiben zu können. Er stand also morgens auf, frühstückte, zog sich einen Anzug an, fuhr mit dem Fahrstuhl in den Keller seines Apartmenthauses in Manhattan, wo sein Schreibtisch in einem Verschlag stand, zog den Anzug wieder aus und schrieb in Boxershorts los – und zwar messerscharfe, traurige amerikanische Prosa, wie man sie sich von deutschen Autoren heute sehr wünschen würde. Sein Biograph Scott Donaldson hat Cheevers Anzugsache mit dem Bedürfnis nach Disziplin erklärt. Aber das ist zu klein gedacht. Eher ist es so, dass Cheever eine äußere Verwandlung gebraucht hat, um die innere Verwandlung in Gang setzen zu können, die notwendig ist, um so etwas Kompliziertes wie Schreiben hinzukriegen.

Es gibt bei Menschen, die Kunst machen, offenbar ein spezielles Verhältnis zum Uneigentlichen, zur Pose, zur Inszenierung. Im Falle Cheevers einzuwenden, der habe halt auch nur einen Anzug im Büro getragen, jeder Finanzbeamte tue das auch, ändert gar nichts: Cheever ist nun mal kein Beamter gewesen, er hat sich Geschichten ausgedacht mit Leuten, die es gar nicht gibt.

Identität ist nicht fix, sondern wandelbar

Der Konflikt zwischen Innen und Außen, zwischen den Grenzen des Menschenmöglichen und dem Wunsch, sie zu überschreiten, hat die Kunst, die dabei herauskam, immer nur interessanter gemacht: Etwas zu sein, aber dabei immer zugleich etwas anderes darstellen zu wollen. Was das amerikanisch-europäische Verhältnis bei alledem aber so speziell macht, ist, dass sich beide Seiten nicht nur irgendwie ergänzen, sondern sich spiegelnd steigern, gegenseitig vergrößern. Als könne der eine nur durch den anderen richtig erkennen, was er ist. Oder sein will. Oder eben nicht.

Und vielleicht lässt sich aus Patti Smith’ Sehnsucht nach Arthur Rimbaud und Wim Wenders’ Sehnsucht nach Licht und Leere des amerikanischen Westens sogar noch etwas lernen, was, im Zeichen von „Make America Great Again“ oder „Jetzt nimmt Europa sein Schicksal selbst in die Hand“, in Vergessenheit geraten könnte: Identität ist nicht fix, sondern wandelbar, sie ist Verhandlungssache genau wie der Klimaschutz. Man stößt an Grenzen und erkennt sie dabei genauer.

Und wer statt mit Identität mit Traditionen argumentiert, muss erkennen, dass es auch Tradition hat, aus seinem Wirkungskreis zu schreiten, um es mit Mozart zu sagen. Und der war immerhin Österreicher, genau wie Beethoven. Oder war das Karl Kraus? Aber der ist ja jetzt Jonathan Franzen.

Quelle: F.A.S.
Tobias Rüther
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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