Salman Rushdie: „Die bezaubernde Florentinerin“

Ein Traum in Technicolor

Von Tobias Döring
 - 04:12

Knapp zehn Jahre ist es her, dass Salman Rushdie bei einem seiner damals noch raren öffentlichen Auftritte an der FU Berlin ein überraschendes Bekenntnis ablegte. Er wolle endlich mal was völlig anderes schreiben, sagte er, etwas ganz Schlankes und Konzises, asketisch, karg und formal konzentriert. „Bergmann statt Bertolucci“ – so fasste er den Vorsatz seinerzeit in einen filmischen Vergleich: Kammerspiel statt Leinwandepos, psychologische Fein- und Tiefenarbeit anstelle von bildersüchtiger Großinszenierung. Rushdies darauf folgender Roman, „Wut“, war in der Tat sein bislang kürzester, ansonsten allerdings genau deshalb enttäuschend, weil er es vor lauter wilden Einfällen versäumte, uns eine auch nur halbwegs lohnende Geschichte zu erzählen. Man darf weiter gespannt sein, ob der Autor sein damals angekündigtes Programm je umsetzt. Der neue Roman jedenfalls spielt wieder im Breitleindwandformat.

Ein Farbdelirium in Technicolor, grellbunt, prall voll und von der übernatürlichen Lebhaftigkeit eines üppig ausgemalten Studiodekors, wie es ansonsten nur noch Filmkulissen der fünfziger Jahre bieten – so präsentiert sich „Die bezaubernde Florentinerin“, als sei das Buch ein Remake einer reichlich angestaubten Kintopp-Romanze. Auch das Abenteuerliche seiner Handlungsführung, die vom Märchenpalast des Großmoguls von Indien bis ins Renaissance-Florenz der Medici ausgreift und zwischendrin auch gleich die Neue Welt noch einschließt, folgt den Genre-Regeln einer Traumweltinszenierung. Die Männer sind schnurrbärtig viril, die Frauen dunkeläugig, dickbrüstig und servil – sofern sie nicht die Wechseljahre bereits hinter sich haben und damit zu geschwätzigen Intrigantinnen oder grauen Mäusen werden. Dazu gibt es durchweg viel Schleier, Perlenschmuck und Diamantgefunkel, Reiterszenen, Schlachtgetümmel, Segelschiffe, Degen, Schatztruhen, Geheimgänge, und was der Fundus sonst noch bietet. Und wozu das alles? Über diese Frage kann man vierhundert Seiten lang ungestört nachdenken.

Erst die Pubertät, dann die Neue Welt

Es beginnt mit einem blinden Passagier an Bord eines Ostindien-Fahrers, der das Vertrauen seines Kapitäns zunächst erschmeichelt, dann missbraucht, der Namen und Identitäten abstreift wie eine Schlange ihre Haut und der sich schließlich durch betörend duftendes Parfüm sogar Zugang zum streng geschützten Palast des größten Herrschers über Indien verschafft. Dort nutzt der trickreiche Betrüger geschickt den Umstand, dass der gewaltige, jedoch im Grunde schlachtenmüde Mogul Akbar eine Schwäche für gute Geschichten hat und den impertinenten Eindringling deshalb so lange verschont, wie der ihm etwas Hörenswertes bieten kann. Erzählzauber und Wortgeklingel allerdings sind just die Stärken dieses Reisenden. Dem verblüfften Herrscher eröffnet er sogleich, dass er dessen Onkel aus Europa sei, und hebt, als diese ungeheuerliche Dreistigkeit den Hofstaat alarmiert, zu einer ausgedehnten Großerzählung an, um ein bislang verborgenes Kapitel der Familienvergangenheit und damit die Verwandtschaft darzulegen.

Diese Geschichte, die den Hauptteil des Romans ausmacht, handelt zunächst von drei halbwüchsigen Jungen in Florenz, Antonio Argalia, Niccolò „Il Machia“ und Ago Vespucci. Wie die Namen bereits zeigen, haben zwei von ihnen später einen Auftritt auf der großen Bühne der bekannten Weltgeschichte: Vespucci ist der Bruder jenes Handelsreisenden, nach dessen Vorname die Neue Welt schon bald „Amerika“ genannt wird; Niccolò wird einst unter seinem Namen Machiavelli als unerschrockener Geschichtsdenker und Analytiker von Herrschaftstechniken zu zweifelhaftem Ruhm gelangen. Vorerst jedoch interessiert ihn und seine Freunde hauptsächlich, was wohl alle Pubertierenden umtreibt: Sie träumen davon, Macht über das weibliche Geschlecht zu gewinnen, und wollen dazu die Alraunenwurzel nutzen, die angeblich aus Spermaspritzern im Waldboden gedeiht, weshalb sie sich reihum im Onanieren üben.

An den Rändern schmal, in der Mitte geschwollen

Überhaupt ist es die unentwegte Männersehnsucht nach perfekten Frauen, die Rushdies riesiges Erzählgetriebe antreibt. Florenz erscheint dazu gleich selbst in weiblicher Gestalt: „Stellt Euch die Lippen einer Frau vor“, heißt es an einer Stelle, „zum Kuss gespitzt. So ist die Stadt Florenz, schmal an der Rändern, geschwollen in der Mitte, und der Arno fließt hindurch und teilt die Lippen, die untere von der oberen. Diese Stadt ist eine Zauberin. Wen sie küsst, der ist verloren, ob nun König oder gemeiner Mensch.“ Solcher Zaubermacht, von der schon der Titel kündet, müssen Männer sich nunmal erwehren. Mogul Akbar, der sich im Wüstensand seine vollkommene Traumstadt erbaut hat, erträumt sich daher zugleich die vollkommene Geliebte, die sich in seiner Phantasie sehr viel liebens- und begehrenswerter auswächst, als je ein wahres Wesen sein könnte. Auf dem Weg solcher Kopfgeburten sind alle weiblichen Romanfiguren nichts als krude Männerphantasien.

Denn natürlich liegt auch dem Familiengeheimnis, das Akbar den Großen mit einem florentinischen Vorfahren verbindet, letztlich eine Frau zugrunde. Wie genau sich die verschlungene Verwandtschaft darstellt, mag jeder, der so lange durchhält, selbst nachlesen. Denn nach dem Muster viktorianischer Melodramen kommt auch hier zum guten Ende alles unter einen Hut, wenn eine über alle Welt verzweigte Großfamilie sich entknäult. Irgendwo ganz tief in diesem Wirrsal steckt wohl auch die schlichte Botschaft, dass Ost und West einander immer schon entsprechen, dass die indische Prachtentfaltung der Mogulherrscher und die italienische Renaissance kulturell eng verflochten waren und dass Orient und Okzident im sechzehnten Jahrhundert daher einander näherstanden, als es der historische Verlauf nachfolgender Zeiten zur Geltung bringen mochte. Doch noch während wir allmählich zu dieser Einsicht kommen, kommt uns bei der Lektüre sehr viel schneller der Verdacht, dass auch dieser Roman ganz wie seine Stadtsicht von Florenz ist: an den Rändern schmal und in der Mitte ziemlich aufgeschwollen.

Untergang im Einerlei

Zu solchen Schwellungen trägt insbesondere der Umstand bei, dass die Erzählung sich ständig ihrer eigenen Vorfahren vergewissern und fortwährend bedeutsame literarische Referenzen von Ariosts „Rasendem Roland“ bis zu Calvinos „Unsichtbaren Städten“ ausstellen muss. Die Prägnanz all solcher Vorbilder stumpft jedoch in dem Maße ab, wie das Jonglieren mit den Anspielungen sich zunehmend verselbständigt, bis allerlei auf jederlei verweist und bald im großen Einerlei unterzugehen droht. Auch jeder Hinweis auf den berühmten Magischen Realismus, wie Rushdie ihn seit langem zum Kennzeichen seines Erzählens gemacht hat, geht ins Leere, denn dieser lebt just von der Erdung aller Phantasieprodukte in einer uns bekannten Alltagswirklichkeit.

So bleibt als Gesamteindruck dieser Erzählwelt vor allem die Exotenpracht eines überhitzten Tropenhauses oder auch nur einer orientalistischen Kulisse. Wer kann, mag sich daran berauschen. Wer allerdings Rushdies große Romane aus den achtziger und neunziger Jahren nicht schon ganz vergessen hat, kann weiterhin nur hoffen, dass der Autor sich beim nächsten Mal doch noch auf seine einst erklärten Vorhaben besinnt.

Salman Rushdie: „Die bezaubernde Florentinerin“. Roman. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Rowohlt Verlag, Reinbek 2009. 448 S., geb., 19,90 €.

Quelle: F.A.Z.
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