FAZ plus ArtikelAbi-Plakate und ihre Tücken

Du schaffst das!

Von Bernhard Biener
 - 09:16

Wussten Sie, dass man Erfrierungen, ähnlich wie Brandverletzungen, in Schweregrade einteilt? Die Erkenntnis ist Folge eines nächtlichen Einsatzes im eisigen Ostwind am Schulzaun. Der Versuch, den Kabelbinder mal eben schnell ohne Handschuhe durch die Öse der bedruckten Folie zu ziehen, scheitert schmerzhaft. Am Ende hängt das Plakat mit den guten Wünschen dann doch. Aber nicht nur zwei taube Finger machen uns zu schaffen. „Frühester Termin für Aushänge am Zaun (Plakate, Banner etc.) vor dem schriftlichen Abitur“, stand im Schulkalender. Für das Datum Donnerstag, 1. März, 8 Uhr. Wir jedoch treiben uns neun Stunden vorher in der kalten Nacht herum. Und kommen uns vor wie die peinlichen Eltern, die beim Ostereiersuchen auf der Schlossparkwiese noch vor den Kindern losstürmen und sich um die Eier prügeln. Unsere Entschuldigung klingt wie die Einlassung eines Angeklagten im Totschlagsprozess: Das haben wir nicht gewollt.

Seit etwas mehr als zehn Jahren greift der Trend der Abi-Plakate um sich. Wenige Tage vor Beginn der schriftlichen Prüfungen sieht es um Gymnasien und Gesamtschulen mit Oberstufe aus wie in der Waschmittelwerbung unserer Jugend. Nur dass die Bettlaken nicht zusammengerafft und mit Riesen-Waschkraft in der Maschine gereinigt werden, sondern über Wochen verkünden: „Du schaffst das!“ oder „Go, Caro, go!“ Je nach Lage der Schule werden selbst die Nachbargrundstücke okkupiert. „Bitte vorher die Mieter fragen“, hieß es warnend in einer Informations-Mail. Na schön, viele Plakate sind liebevoll gestaltet, sogar die Omi drückt die Daumen und es ist rührend, was die kleinen Geschwister gemalt haben. Aber man muss nicht alles mitmachen. Wir verkleiden uns ja auch nicht an Halloween und schicken am Valentinstag keine Liebesgrüße.

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Quelle: F.A.Z.
Bernhard Biener
Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.
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