Kinder-Design

Minimöbel, ganz groß

Von Anja Martin
 - 10:51
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„Factory“ klebt in großen Buchstaben auf dem Boden der Terrasse vom Felleshus, dem öffentlich zugänglichen Gemeinschaftshaus der Nordischen Botschaften in Berlin. Ein Dutzend Kinder von acht bis zwölf Jahren sitzen an Tischen dieser Pop-up-Werkstatt und arbeiten konzentriert. Um sie herum dickes Leder, Moosgummi, Kabelbinder, Klebeband und Heißklebepistolen. Man hört nichts außer einem schwedischen Song aus den Siebzigern in Endlosschleife, dazu das Klacken der Lochzangen. In der Rolle des Fabrikbesitzers: Samir Alj Fält. Er hat sich heute zum Schweigen verpflichtet, hilft nur mit Gesten. Ein Mittel, um sich besser raushalten zu können, denn das ist der Sinn.

Der Schwede hat in Stockholm das Design Lab S gegründet, in dem Kinder in Workshops zu Designern werden. Denn er will von ihnen lernen, nicht umgekehrt. Um was der Zweiundvierzigjährige sie beneidet: „Sie haben noch so viel Phantasie“ und diesen Flow, den er als Profi verloren habe: einfach machen, nicht nachdenken. Er hat sie schon vieles entwerfen lassen – etwa einen Servierwagen für die Kaffeepause oder eine Ladenkasse. Mit seiner temporären Berliner Belegschaft möchte er heute Schuhe fabrizieren. Sollten seine temporären Mitarbeiter aber mit Lampenschirmen rauslaufen, freut ihn das umso mehr.

Der Workshop bei Samir und seiner Mitarbeiterin Alicia gehört zum Rahmenprogramm einer Ausstellung, die drinnen im Gebäude zu sehen ist: „Century of the Child“, in der es um nordisches Design für Kinder von 1900 bis heute geht. Anders als im Workshop steht das Endprodukt im Fokus, und die Exponate wurden durchweg von erwachsenen Designern entworfen, die darüber hinaus zu den Großen zählen: Da ist „Peter’s Chair“ von Hans J. Wegner, den Kinder allein, ohne Werkzeug zusammen- und wieder auseinanderbauen können. Und gleich noch der passende Tisch. In den Vierzigern für den Sohn eines Freundes entwickelt, für den er nichts Passendes in den Shops fand, war Wegner fast ungewollt ganz früh dran, wenn es um Möbel geht, die auch zum Spielen taugen.

Alvar Aalto konzipierte in den Dreißigern ganze Schulen samt Mobiliar. Auch seinen Bugholzstuhl 65 brachte er zeitgleich in einer Kindergröße heraus (N65). Ebenfalls anwesend: das Bett „Juno“, entworfen von Viggo Einfeldt, über Jahrzehnte Standard in dänischen Kinderzimmern, war es das erste mitwachsende Bett. Zu sehen sind Hochsitze, Wippen und Wiegen, Spielmöbel, Spielsachen und Kleidung – Design für Kinderzimmer, das Geschichte geschrieben hat, zumindest für seine Zeit wegweisend war.

Was tragen Möbel zur Inklusion von Kindern bei?

Ausgangspunkt war eine Ausstellung, die das Museum of Modern Art (MoMA) in New York vor fünf Jahren erarbeitete, damals mit internationalem Blick. Der Titel „Century of the Child“ ist aber auch der Titel eines Buchs der Schwedin Ellen Key. Sie war leidenschaftlich überzeugt von gutem Design, Frauenrechten und sozialer Gerechtigkeit. Sie kämpfte für das Recht auf eine Kindheit frei von Druck, in endlosem Spiel. Sie wollte die Anerkennung des Kindes als ebenbürtiges Mitglied der Familie und der Gesellschaft. Doch was können Möbel dazu beitragen?

Eine Antwort gibt der Tripp-Trapp-Stuhl, er existiert seit 1972, ist aktuell wie nie. Fast jeder setzt seine Kinder auf einen solchen Treppenstuhl, wenn auch nicht immer aufs Original. „Es ist ein Modell des flexiblen und inklusiven Designs, ein Produkt, das Kindern hilft, auf gleichem Level mit der Erwachsenenwelt zu interagieren“, sagt Juliet Kinchin, die Hauptkuratorin der MoMA-Ausstellung. Peter Opsvik hat „Tripp Trapp“ für seinen Sohn erfunden, als er aus dem Hochstuhl für Babys rausgewachsen, aber noch zu klein für die großen Stühle war. Er hebt die Kinder mit vielen Verstellmöglichkeiten immer auf Augenhöhe mit den Erwachsenen.

Hören wir Design für Kinder, denken wir schnell an Designklassiker in Klein. Es existieren Kinderversionen vom Panton Chair, von Fritz Hansens Serie 7, von Rolf Heides Stapelliege und vielem mehr. Das sieht witzig aus, und klar sind die Kinder stolz drauf. Nicht dass sie wüssten, was ein Designklassiker ist. Aber sie haben dasselbe wie Mama und Papa, nur in Mini. Allerdings: Ist das immer so praktisch? Immerhin können sie nicht am selben Tisch sitzen. Und häufiger als zuvor angenommen bleiben die teuren Stücke ungenutzt. Aber immerhin sieht jeder Besucher sofort: Wir leisten uns sogar für unsere Kinder Design. Nanna Ditzel entwickelte in den Sechzigern mit „Trisserne“ Möbel, die Kinder zerlegen und auch mal durch die Gegend rollen konnten. Miniaturversionen von Erwachsenenmöbeln betrachtete sie nicht als besonders passend für den Nachwuchs, weil der ein ganz anderes Bewegungsmuster hat. Sie fand, Kinder sollen Möbel entdecken: „Ein Kinderzimmer sollte ein Spielplatz sein, keine Ausstellung.“

Kinder an die Designfront!

Design fürs Kinderzimmer. Ist das nicht doch eher Design, das den Eltern gefällt statt den Kindern? Würden die sich vielleicht was ganz anderes kaufen? In Rosa, mit Glitzer oder Rennautos drauf, aus Plastik, das leuchtet? Mag sein, dass es bei unseren Großeltern noch Nachholbedarf gab, doch die Kinderzimmer unserer Zeit platzen aus allen Fugen. Das Equipment braucht schon fast zwangsläufig den größten Raum in der Wohnung. Hochbett mit Rutsche, Zeichentisch mit Papierrolle und immer bereitliegende Stifte, Krabbeltunnel, ein ganzer Zoo an wippenden Tieren. Langeweile kann es eigentlich nicht mehr geben. Und wenn doch, bekommt das Kind flugs das iPad ausgehändigt.

Dabei können Kinder mit allem spielen. Sie zweckentfremden Trinkhalme, Kronkorken, Eislöffel und Kaugummipapierchen. Müll ist das nur für Erwachsene. Die Designerin Róshildur Jónsdóttir sagt, ihr war als Kind auf Island so langweilig, dass sie mit Steinen und Knochen spielte. Geschadet scheint es ihr nicht zu haben, denn sie gründete ihr eigenes Label und stellt in der Ausstellung „Something Fishy“ aus, ein Figuren-Bauset aus echten Fischknochen. Auch Samir Alj Fält hatte nichts von den Spielsachen, Möbeln, Kleidern, die in der Ausstellung gezeigt werden. Seine Eltern waren Immigranten aus Marokko und Finnland, hatten kein Geld und vermutlich auch keinen Sinn dafür.

Im Felleshus sind nach zwei Stunden ganz verschiedene Schuhe entstanden: Lederboots, goldene Pantöffelchen, Clogs, ganz nach Gusto. Zum Schnüren oder Hineinschlüpfen. Oft sieht der rechte nicht aus wie der linke, gerade gut, meint der schwedische Designer: „Für Kinder gibt es kein Richtig und kein Falsch, kein Schön und kein Hässlich.“ Eins stimmt ganz sicher: Bei dem ganzen Hype ums Design für Kinder und unserem ständigen Nachdenken darüber, was für die Kinder gut sein könnte, sollten wir nicht vergessen, was wir umgekehrt von den Kindern lernen können. Samir ist überzeugt: „Sie wissen die Antwort auf das Design der Zukunft.“

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Die Ausstellung „Century of the Child“ in Berlin zeigt die Klassiker des Kindermöbel-Designs.

Zur Ausstellung

Die Ausstellung „Century of the Child. Nordisches Design von 1900 bis heute“ ist noch bis zum 22. Oktober in den Nordischen Botschaften in Berlin zu sehen.

Quelle: F.A.S.
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