Freunde werdender Eltern

Keine dummen Sprüche und bloß keine Kuscheltiere!

Von Jörg Thomann, Lucia Schmidt, Ursula Kals und Anke Schipp
 - 20:23

Wann ist es denn so weit?“

Nicht genug, dass sich schwangere Frauen und deren Männer gerade beim ersten Kind diese Frage selbst stellen, sie bekommen sie auch ständig von anderen zu hören. Alle möglichen Leute scheinen heiß darauf, den exakten Geburtstermin zu erfahren, doch warum eigentlich? Um noch im Kreißsaal anrufen und gratulieren zu können? Hat man einmal leichtsinnigerweise den Termin ausgeplaudert und ihn dann schon überschritten, bekommt die Frage einen leicht vorwurfsvollen Unterton: Müsste es nicht längst so weit sein?

Den werdenden Eltern gibt man so das Gefühl, sie seien irgendwie unzuverlässig, schließlich haben sie nicht geliefert. Ebenso beliebt sind Schlaumeier, die verkünden: „Ach, euer Kleines kommt am 20.April? Hm, genau an dem Tag wurde Hitler geboren.“

Einfach mal zuhören

Spielt die Nationalmannschaft, sitzen bekanntlich die eigentlichen Trainer, die alles besser wissen, zu Hause auf dem Sofa. Bekommt man ein Kind, stehen die eigentlich frischgebackenen Eltern, die alles besser wissen, plötzlich ständig vor einem. Weil jeder entweder schon mal selbst ein Kind bekommen hat, jemanden kennt, der eins bekommen hat, oder Neffen und Nichten hat. Überall wimmelt es von Experten für Beistellbetten, Stillen, Wickeln, Schlafen oder Bäuerchen, die ihren Rat ungefragt zum Besten geben.

Junge Eltern haben tausend Fragen und Sorgen, aber meist auch eine Handvoll Menschen um sich, denen sie vertrauen und die sie fragen. Für den Rest gilt: Haben Sie den Eindruck, dass die Eltern ihr Baby in Lebensgefahr bringen, dann sagen Sie etwas, geben sie unbedingt einen Rat. Ansonsten aber erfreuen Sie sich am süßen Neugeborenen und lassen Sie die Mutter einfach mal erzählen, ohne zu kommentieren. Gespräche auf Augenhöhe führt sie nach der Geburt nämlich wenige. Meist wird sie – von einem kleinen Wesen – nur angeschrien.

Habt ihr einen Termin?

Die Heimkehr mit dem Erstgeborenen gestaltete sich gruselig. Der langersehnte Moment, mit sozusagen bewohnter Babyschale den Wohnungsflur zu betreten, wurde durch energisches Klingeln entzaubert. Nix da, romantischer Einzug, endlich zu dritt und Kuscheln ohne Klinik-Ambiente: Die aufdringlichen Nachbarn von gegenüber wollten den Neuzugang begrüßen, „nur gaaaanz kurz hallo sagen“, ihre begehrlichen Blicke Richtung Espressomaschine widersprachen dem allerdings. Was für ein Stress!

Kluge Eltern kanalisieren den Besucherstrom und vergeben freundlich-autoritär entzerrte Termine: Verwandtschaft hat Vorrang, und es gibt einen Paten-Bonus. Die anderen stellen sich bitte hinten an. Wer beleidigt ist, darf gerne wegbleiben. Erst muss sich die kleine Familie zusammenruckeln und ihren ungewohnten Alltag mit Wunderwesen und glückseliger Dauererschöpfung wuppen. Und sie darf von amerikanischen Verhältnissen träumen: Da nämlich rücken die Nachbarn mit selbstgekochten Köstlichkeiten an und dann auch rasch wieder ab. Denn erschöpft von der Geburt, aufgesogen von nie gekannten Glücksgefühlen, fehlt die Kraft zum Kochen.

Vorsicht, Nässe!

Irgendwann aber stehen sie doch alle vor der Tür: Verwandte, Bekannte, Nachbarn. Und alle finden, natürlich zu Recht, das kleine Möppelchen in seinem Babybettchen „so süüüß“. Und haben den Impuls, das kleine Etwas aus seinem Bettchen zu holen und im Arm zu halten. So weit, so gut, kann ich verstehen, freut mich, macht ruhig! Zu weit geht es aber, wenn das Babyschaukeln übergriffig wird und die reine zarte Babyhaut, die man gerade so sorgfältig eingecremt hat, mit nassen Küssen überzogen wird. Das habe ich als distanzlos empfunden. Knutscht ihr demnächst noch meinen Mann ab? Oder mich? Das kleine Wesen kann sich nicht wehren und noch nicht sagen: „Bääh, das mag ich aber jetzt gar nicht.“ Vielleicht fängt es an zu schreien, aber auch das Signal versteht nicht jeder. Auch schon erlebt, dass das Baby an die Mutter mit den Worten zurückgegeben wird: „Was hat denn die Kleine?“

Zum Namen ja und amen

Wird ein neuer Erdenbürger geboren, werden meist direkt drei Fragen gestellt. Die einfühlsam Neugierigen fragen erst: Wie geht’s Mutter und Kind? Und danach: Was ist es? Wie heißt es? Die einfach nur Neugierigen fragen direkt nach dem Namen, um dann die Nase zu rümpfen oder mit einem gequälten Lächeln ein „Ach, wie nett“ rauszupressen. Oder sie kommentieren die Namenswahl mit der Frage: Wie kamt ihr denn darauf?

Namen sind, wie so vieles im Leben, Geschmackssache. Sicher, es gibt welche, die sonst Comicfiguren, üble Diktatoren oder Großstädte tragen und mit denen man Kindern das Leben wirklich schwermachen kann. Aber in der Regel vergeben Eltern Namen, über die sie sich Gedanken gemacht, die sie lange im Herzen hin und her bewegt haben und mit denen sie etwas Gutes für das Kind verbinden. Nur weil das die Nachbarin oder Großtante nicht nachvollziehen kann, heißt das nicht, dass es kein schöner Name ist – und schon gar nicht, dass man das die Eltern spüren lassen muss. Einfach die Klappe halten und den Namen, den man selbst für so viel schöner hält, dem eigenen Kind geben.

Die Stofftier-Lawine

Sie wollen dem Neugeborenen etwas schenken, das ist nett. Sie gehen dazu in einen Spielzeugladen, logisch, und dort sehen Sie es dann: das Bärchen. Oder das Häschen. Oder das Elefäntchen. Auf jeden Fall ein Plüschtier, süß, flauschig und allerliebst. Wer könnte dem widerstehen? Sie jedenfalls nicht. Und so kreuzen Sie mit dem Bärchen beim Baby auf. Baby beißt Bärchen in die Nase und wirft es dann von sich. Die Eltern bedanken sich artig, obwohl auch sie Bärchen in Gedanken von sich werfen: auf den gewaltigen Haufen genauso süßer, flauschiger und allerliebster Stofftiere, denen Omas, Tanten und Freunde ebenfalls nicht widerstehen konnten. Nicht zu vergessen jene Plüschviecher aus der eigenen Kindheit, die man nie aussortiert hat, weil damit ja viele Jahre später die eigenen Kinder spielen werden.

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Unsere beiden Kinder aber haben das nie getan. Abgesehen von einem einzigen Spiel, bei dem Vater und Mutter ungewollt die Hauptrolle zufällt. Gerade wenn man glaubt, das Kind glücklich ins Bett manövriert zu haben, ertönt ein zartes, den nahen Tränenausbruch ankündigendes Stimmchen: „Wo ist Affi?“ Ja, wo ist Affi? Sämtliche Ecken in sämtlichen Zimmern, in welche das Kind den Kuschelaffen tagsüber geschleppt haben könnte, werden durchforstet. So ein Spiel kann schon mal zwanzig Minuten dauern, in denen das Kind zusehends hysterischer und der Elternteil schier irre wird, bis man Affi mit etwas Glück unterm Sofakissen entdeckt. Das will man nicht jeden Abend spielen. Stofftiere verstopfen das Bett, und man wird sie schwer wieder los: Kitas nehmen sie aus hygienischen Gründen nicht an, auf Flohmärkten kauft sie keiner – und wegschmeißen geht schon gar nicht, wenn sie einen anschauen mit ihren niedlichen Knopfaugen. Besser ist es, Sie schenken einfach eine Großpackung Windeln, die sind ungleich praktischer. Im Notfall kann man auch mit ihnen kuscheln.

Der Ähnlichkeitswettbewerb

Es ist ein Zwang, dem sich nicht jeder entziehen kann. Sobald die ersten Babyfotos auftauchen oder die erste Begutachtung des neuen Erdenbürgers ansteht, muss man einen Kommentar abgeben. Wem sieht Louis, Leo, Laura oder Leonie ähnlich? Mama oder Papa? Nicht selten bekommen Eltern beides zu hören, denn in ein kleines Babygesicht lässt sich einiges reininterpretieren: Die Nase vom Papa, ganz klar! Die Augen erinnern an die Mama, aber von wem hat er denn die riesigen Ohren? Das mutet alles noch harmlos an und erinnert an heiteres Gesichterraten. Vorsicht geboten ist aber bei Kommentaren wie: „Oh Gott, das sieht ja aus wie der Opa, mit der langen Nase.“ Zu Frustrationen kann auch führen, wenn stolze Großväter im Kind ihre eigene Linie fortgesetzt sehen und immer wieder betonen: „Das ist ein echter Müller!“ Vor allem, wenn bei kinderreichen Familien angeblich alle Nachkommen wie ein „echter Müller“ aussehen – und die andere Linie im Ähnlichkeitswettbewerb leer ausgeht.

Quelle: F.A.S.
Jörg Thomann - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen ZeitungLucia Schmidt - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen ZeitungUrsula Kals - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen ZeitungAutorenbild / Anke Schipp
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Ursula Kals
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Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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