„Ein Löwe in der Bibliothek“

Gibt es denn dafür keine Regeln?

Von Tilman Spreckelsen
 - 14:50

Das Bilderbuch „Ein Löwe in der Bibliothek“ trägt seine Handlung im Titel. Mehr passiert nicht, allerdings ist das schon eine ganze Menge, denn der Besuch des Tiers setzt eine derartige Fülle an unterschiedlichen Reaktionen sämtlicher Anwesenden in Gang, dass die Autorin Michelle Knudsen und der Illustrator Kevin Hawkes alle Hände voll damit zu tun haben, den Überblick für die Weiterungen zu behalten.

Schon im ersten Innendeckel des Buchs trottet das Tier stoisch und, wie es scheint, zielstrebig auf die Bibliothek zu. Es passiert zwei steinerne Löwen auf der Treppe im Eingangsbereich, auch das schreckt es nicht ab. Innen hält sich der Löwe dann auch nicht mit Anmeldung oder gar dem Antrag auf einen Leseausweis auf, er sieht sich die Bücherregale an, stöbert in den Karteikarten und probiert aus, wie bequem das Polster in der Erzählecke ist. Dort schläft er erst mal ein, während der aufgeregte Bibliotheksangestellte Herr Hicks zu der gelassenen Bibliotheksleiterin Frau Pepper rennt und sich über den Besucher beschwert. Frau Pepper aber steht für eine Bibliothek, die jeden willkommen heißt, vorausgesetzt, er hält sich an die Regeln. Und da der Löwe Gefallen an den täglichen Vorlesestunden findet, kommt er von nun an immer wieder. Er macht sich sogar nützlich, wenn gerade nicht vorgelesen wird, leckt Briefmarken an, wischt Staub mit seiner Schwanzborste oder hilft kleinen Kindern, hohe Regalbretter zu erreichen.

Das alles klingt nett, harmlos und ein bisschen skurril, verhandelt wird aber eigentlich eine sehr ernste Frage: Ist der Bibliotheksbesuch eine Sache nur für die glücklichen Kinder, die zu Hause mit Büchern sozialisiert wurden und nun hier auf Entdeckungsreise gehen, oder sollte sich die Institution nicht gerade der anderen annehmen, auf die Gefahr hin, dass es mit Ruhe und Frieden bald vorbei ist?

Mit einer Mischung von Schauder und Freude

Das etwa ist die Frage, die sich Herr Hicks stellen würde. Frau Pepper aber würde gegenfragen: Muss das denn so kommen, haben wir denn gar nichts in der Hand, damit hier jeder ungestört lesen und zuhören kann, auch bei weit geöffneten Pforten?

Natürlich ist es bei einem derart gelagerten Bilderbuch, zumal im angelsächsischen Raum, unmöglich, nicht an Judith Kerrs Klassiker „The Tiger Who Came to Tea“ von 1968 zu denken, jenen über die Jahrzehnte millionenfach verkauften Band, der ebenfalls genau das schildert, was der Titel verspricht. Die Besuchten jedenfalls blicken mit einer Mischung von Schauder und Freude darüber, dass endlich etwas die Langeweile durchbricht, auf das mächtige, so gar nicht niedliche und sicher auch latent gefährliche Tier, das erst den bereiteten Tee aus- und dann die Wasserleitung leertrinkt, bevor es wieder geht.

Durchdrungen von Kunstfertigkeit, Dankbarkeit und Liebe

Sehr wahrscheinlich steht Judith Kerrs Bilderbuch auch in der Bibliothek, die nun vom Löwen heimgesucht wird, vielleicht ist es sogar irgendwann beim Vorlesen dran, was bedeuten würde, dass der Löwe die Gelegenheit bekäme, Aspekte der eigenen Person und des eigenen Verhaltens in literarischer Form zu rezipieren – so wie sich all die anderen Zuhörer ebenfalls im Tiger gespiegelt sehen können oder in dem Mädchen oder in ihrer Mutter. Der Löwe wiederum, der bisher vor allem brüllend kommuniziert hat, lernt dank Frau Pepper, dass der Preis für das Zuhörendürfen ein Verhalten ist, das die übrigen Besucher nicht stört, was er auch akzeptiert – solange jedenfalls, bis sich herausstellt, dass es manchmal eben doch nötig ist, laut zu werden.

Am bemerkenswertesten aber ist die Reaktion der übrigen Leser, als der Löwe dann wirklich aus der Bibliothek verbannt wird. Ohne den sanften Störenfried, so finden sie, ist das Haus nicht mehr dasselbe. Das findet schließlich sogar Herr Hicks, der größte Löwenkritiker, und macht sich auf die Suche nach dem Tier.

Gewidmet ist das Buch zwei Menschen: einer Carol J. Buckley, ehemals „leuchtender Stern der Cornell Library“, und einer Priscilla, „unserer Lieblingsbibliothekarin“. Über beide wüsste man gern mehr. Dass sie die hier dargestellten Figuren inspiriert haben, liegt nahe, und ebenfalls, dass es ihre Haltung ist, die den offenen und großzügigen Geist der Bilderbuchbibliothek prägt. Falls wir es hier tatsächlich mit einer Art Denkmal für die beiden zu tun haben, dann ist es durchdrungen von Kunstfertigkeit, Dankbarkeit und Liebe. Es dürfte neben dem Bibliothekar kaum einen zweiten Beruf geben, der, wenn er richtig ausgeübt wird, so sehr zu einer solchen Reaktion herausfordert.

Michelle Knudsen, Kevin Hawkes: „Ein Löwe in der Bibliothek!“ Aus dem Englischen von Seraina M. Sevi. Verlag Orell Füssli, Zürich 2017. 42 S., geb., 14,95 Euro. Ab 6 J.

Quelle: F.A.Z.
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
TwitterGoogle+
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenLöwen