Bildungsdaten

Treibstoff für die Helikoptereltern

Von Fridtjof Küchemann
 - 12:24

Wir wissen ja so wenig über unsere Kinder! Schon wer sein Kind in eine Krippe bringt, kennt dieses unbehagliche Gefühl: Noch kann das Kleine nicht einmal selbst erzählen, was es alles erlebt hat. Später sind es die beiläufigen Erwähnungen anderer Kindergarteneltern, aus denen klar wird, dass man in der Entwicklung des eigenen Kindes wohl etwas verpasst hat. Noch in der Zeit, wenn Kinder bereitwillig aus der Schule erzählen, kann es im Gespräch mit den Lehrern zu Überraschungen kommen - lange vor der Phase, in der die Halbwüchsigen auf die Frage, wie es in der Schule war, mit einem knappen „gut“, auf die Frage, ob eine Klassenarbeit anstehe, „weiß nicht“, und überhaupt im Subtext ein einziges, ewiges „halt dich da raus“ antworten.

Irgendwann haben sich die Beobachtungsobjekte, über denen die Helikoptereltern unermüdlich kreisen, Tarnnetze der Einsilbigkeit übergezogen. Der Wunsch, trotzdem auf dem Laufenden zu bleiben, wird dringlich. Und die Möglichkeit, ihn zu erfüllen, ist so naheliegend wie nie zuvor. Die Digitalisierung der Bildung macht es möglich.

Das Leben ist anderswo

Wer in diesen Tagen die Bildungsmesse Didacta in Hannover besucht, kommt am Thema neue Technologien nicht vorbei: Lehrer, Erzieher, Studenten oder Eltern, alle werden vom Haupteingang im Norden des Messegeländes geradewegs durch Halle 23 geleitet, vorbei an den strahlenden Ständen der Hard- und Softwareanbieter jeder Größe mit ihren über Berührungen steuerbaren Großbildschirmen. Und wer sich all die glänzenden Lösungen anschaut, eine Schule auf der Höhe der Zeit einzurichten, den Unterricht digital aufzumotzen und auszuwerten, steht unwillkürlich vor der Frage, was denn mit all den Daten passiert, die da anfallen - wer sie sammelt, sichert, auswertet, wer sich für sie interessiert, wozu sie gut sind. Sollte man meinen.

Die Digitalisierung ist ein großes Bildungsthema, nicht nur auf dieser Messe, aber die Karawane der Besucher zieht weiter in die hinteren Hallen, zu den Schulbuchverlagen und Kindergartenausstattern, den Bildungsinitiativen, den Kartenanbietern, den Spiel- und Sportgeräteproduzenten, zwischen denen sich allenfalls noch das eine oder andere digitale Angebot versteckt.

Das Datenaufkommen wächst rapide

Dabei kommt an den neuen Technologie tatsächlich keiner mehr vorbei. Und das beginnt schon im Kindergarten. Die Firma Ergovia zum Beispiel, in Halle 17 zwischen die Stände von zwei Kindermusikproduzenten gezwängt, hat eigens für die Arbeit im frühkindlichen Bereich die Tablet-App Stepfolio entwickelt. Mit ihr können Erzieher Erlebnisse der Kleinen festhalten, Eindrücke notieren, frisch erworbene motorische Fähigkeiten filmen, Sprachentwicklungsschritte aufnehmen oder die diagnostischen Bögen ausfüllen, die zum pädagogischen Pflichtprogramm gehören. Zu Stepfolio gehört auch eine Eltern-App, die Vätern und Müttern Einblick ins digital geführte Portfolio, in eine Art Entwicklungsdokumentation ihres Kindes gibt. Passwortgeschützt auf dem Rechner der Einrichtung, nicht etwa offen im Aktenordner im Büro: Das Unternehmen wirbt mit dem hohen Datenschutzstandard ihres Produkts. Und wenn das Kind die Einrichtung verlässt, werden die Daten gelöscht.

So klar begrenzt sind die Systeme, in denen die Entwicklungs- und Bildungsdaten unserer Kinder abgelegt werden, nicht immer. Zwar müssen Schulen die pädagogischen Daten in einem anderen System ablegen als die Schulverwaltung - zu der auch die Benotungen und Verhaltensvermerke gehören. Das hält Lehrer allerdings nicht immer davon ab, die Zensuren zusätzlich auf dem Privatrechner zu Hause abzulegen oder vor den Zeugnissen über Dropbox oder andere Datenaustauschanbieter in der Cloud mit anderen Lehrern zu teilen. Und durch die Digitalisierung des Unterrichts steigt das Datenaufkommen rapide an.

Bis zu automatischen Benotung

Promethean, ein Anbieter interaktiver Lerntechnologien, führt in Halle 23 vor, wie einfach sich multimediale Unterrichtseinheiten mit kleinen Übungen koppeln lassen, für die Schüler mit eigenen kleinen Geräten namens Activ Expression arbeiten. Die übertragen nicht nur die Antworten der Schüler, sondern auch die Zeit, die sie für die jeweilige Aufgabe gebraucht haben - als Excel-Tabelle. Der Lehrer kann so abrufen, wie gut die Klasse im Stoff mitgekommen ist und wo, gezielt oder grundsätzlich, noch einmal nachgearbeitet werden muss. Aber er kann sich auch Profile seiner Schüler anlegen, die ausweisen, wie sich deren Leistung zu welcher Tageszeit, an welchen Wochentagen und insgesamt entwickelt. Üblicherweise sind die Geräte zwar nicht personalisiert und werden in mehreren Klassen eingesetzt. Die Verknüpfung lässt sich allerdings mit wenigen Mausklicks herstellen. Die Daten sind ja da.

Auch das System Mastertool des Bildungsmedienanbieters Cotec, das auf dem Whiteboard oder den Bildschirmen der Kinder die Kombination fertig eingekaufter Themenpakete mit eigens vorbereitetem Lernmaterial, mit Youtube-Videos, PDF-Dateien und Fenstern in Wikipedia ermöglicht, wirbt mit der einfachen Datenauswertung der interaktiven Lerneinheiten. Sogar Bewertungen weist das System aus, wenn der Lehrer festlegt, welcher Prozentsatz richtiger Antworten zu welcher Note führen soll. Neun Bundesländer haben das Programm bereits über ihre Landesmedienzentren lizenziert, die es ihrerseits an die Schulen und die Lehrer weitergeben. Nur die Dropbox-Anbindung, erzählt der Geschäftsführer Stefan Schätti, hätten sie aus Gründen des Datenschutzes wieder ausbauen müssen.

Standleitung zwischen Eltern und Lehrern

In Bremen hat sich die Schulbehörde für eine einheitliche Lernplattform für alle 57.000 Schüler des Bundeslandes entschieden. In den Schulen und in der Lehrerausbildung soll itslearning eingesetzt werden, das Lehrmaterialien verwalten, Unterrichts- mit Bildungsplänen verknüpfen, Aufgaben stellen und ihre Erfüllung protokollieren und das zentrale Kommunikationsmedium hinter der Begegnung im Klassenraum werden kann. Und dieses System sieht vor, wovon Helikoptereltern nur träumen können: einen tiefen Zugriff auf die Daten ihrer Kinder.

Bis in die einzelnen Hausaufgaben können die Eltern, die das Unternehmen als Bildungspartner anspricht, in das Profil ihrer Kinder tauchen. Ein eigenes Dashboard informiert über anstehende Klassenarbeiten, die Abgabedaten von Aufgaben und deren Korrekturstand. Eltern können, wirbt das Unternehmen, „Berichte über Zensuren, das Verhalten und die An- bzw. Abwesenheit der Kinder sehen“, die Informationen würden automatisch mit den aktuellsten Einträgen der Lehrer abgeglichen.

Nicht an den Kindern vorbei

Die Nutzergruppe, die hierfür bei der Konfiguration des Systems eigens angelegt werden muss, und die Einrichtung Zehntausender weiterer Profile für die Eltern ist in Bremen zunächst nicht vorgesehen. In der Projektsteuerungsgruppe sitze auch ein Mitglied aus dem Landeselternrat, sagt Michael Plehnert, Referent für IT-Infrastruktur am Landesinstitut für Schule. Solange von dieser Seite keine Wünsche kämen, würde das überhaupt nicht diskutiert. Die Systemoption allerdings ist da.

„Schülerdaten sind die attraktivsten Vorratsdaten überhaupt“, sagt Christian Postel aus dem Nachbarland Niedersachsen. Als ehemaliger Lehrer einer berufsbildenden Schule weiß er, was Ausbildungsbetriebe allein für einen Blick auf die Verspätungs-, Versäumnis- und Verwarnungseinträge ihrer Bewerber gäben. Die Datenweitergabe über die Grenzen der Schule hinaus - und sei es bei einem Schulwechsel - ist allerdings streng reglementiert. Doch als Mitglied des Landeselternrats hat Postel immer wieder auch mit einer weiteren Gruppe zu tun, die einen weitreichenden Zugriff auf die Schuldaten der Kinder fordert: Es sind manche Eltern. Zum Glück gäben die Behörden den Persönlichkeitsrechten der Schüler Vorrang vor diesem Informationsinteresse. Natürlich wünsche auch er als Vater sich, mehr aus der Schule zu erfahren, sagt Postel. Aber eben nicht an den Kindern vorbei.

Man darf Eltern mit den Daten nicht alleinlassen

Schon immer war der direkte Kontakt von Eltern und Lehrern für auf ihre Selbstständigkeit bedachten Jugendliche ein Albtraum. Wie muss das Gefühl sein, wenn sich Eltern und Lehrer gemeinsam über das eigene Lernprofil beugen, über Daten, die von den Schülern nicht kontrolliert, nicht eingeordnet und womöglich nicht einmal eingesehen werden können?

Auch bei der Kindergarten-App Stepfolio wird schon sorgfältig abgewogen, was die Eltern zu sehen bekommen und was nicht. Jedenfalls nicht allein, ohne die Daten von pädagogischer Seite erklärt zu bekommen. Eltern dürften natürlich auch die Auswertung der diagnostischen Bögen ihrer Kinder sehen, erläutert Theresa Lill vom Anbieter Ergovia: „Es kann ja nur zum Wohl des Kindes sein, wenn darüber geredet wird.“ Wer allerdings ungeschützt und unbegleitet vor einem Diagramm steht, auf dem die Kontaktfähigkeit, die Stressregulierung oder die Aufgabenorientierung des Kindes rückläufig erscheint, kann schon nervös werden, wenn die Relativierung durch Erfahrungen aus dem Kindergartenalltag oder entwicklungspsychologische Grundierung fehlt.

Partnerschaft als Zwang

Allein dadurch, dass bei den elektronischen Eintragungen der Lehrer und Rückmeldungen der Schüler Datenprofile entstehen, bekommen Kennzahlen bei der Gestaltung des Unterrichts und der Einschätzung der Kinder Gewicht: Die Arbeit mit ihnen ist so viel handlicher und bequemer als die mit den immer komplexeren und oft genug widersprüchlichen Bildern, die sich Pädagogen Tag für Tag von ihren Schützlingen machen. Und auch die Schüler lernen, so fatal es auch ist, eines mit Sicherheit schnell: dass es lohnt, sich primär auf Kennzahlen zu konzentrieren statt auf Unterrichtsinhalte.

Wenn die vielbeschworene Bildungspartnerschaft, in die selbstverständlich auch Eltern einbezogen sind, ihre Grundlage in einer solchen Datenauswertung hat, der sich der Schüler nicht entziehen kann, letztlich also in einem Überwachungswerkzeug, ist nicht nur einer der wesentlichen Werte jeder Partnerschaft - Freiwilligkeit und Selbstverantwortung - von vornherein verraten. Auch die Eltern werden kaum eine Wahl haben, von diesen Angeboten Gebrauch zu machen.

Einerseits ist es auch für Väter und Mütter ohne Rotorblätter nicht leicht, zwischen einem fürsorglichen und einem voyeuristischen Blick auf die Teile des Lebens der eigenen Kinder zu unterscheiden, die sich ihnen bislang entzogen hatten. Andererseits müssen sie damit rechnen, dass in Systemen, die bis in die Bearbeitungsdauer einzelner Aufgaben hinein Leistung und Einsatz registrieren und verrechnen, auch das eigene Profil einer solchen Datenauswertung unterliegt. Künftig könnte der Blick in die Bildungsdaten ihrer Kinder zum Idealbild engagierter Eltern gehören.

Quelle: F.A.Z.
Fridtjof Küchemann  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Fridtjof Küchemann
Redakteur im Feuilleton.
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