Einfluss von Vornamen

Im Zweifel lieber für das Wohl des Kindes

Von Wolfgang Krischke
 - 21:17
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Ursula ist sympathisch, aber wenig attraktiv, Emma gesellig und sehr intelligent. Frank ist männlicher als Jens und Felix sportlicher als Constantin. Vornamen lösen solche Assoziationen aus; ihre Träger müssen damit leben. Welches Image Namen entwickeln, welche Moden die Namenlandschaft prägen und wie sich gesellschaftliche Entwicklungen in ihr spiegeln, wird am Namenkundlichen Zentrum der Universität Leipzig erforscht.

Gabriele Rodríguez, die dort Eltern und Standesbeamte bei Fragen zur Namenwahl berät und Gutachten für Gerichte erstellt, hat ein Buch geschrieben, das die bunte Welt dieser ganz besonderen Wörter auf ebenso informative wie unterhaltsame Weise durchstreift. Eine halbe Million Vornamen kursieren mittlerweile in Deutschland, pro Jahr kommen rund tausend dazu.

Viele neue Namen gelangen mit Immigranten nach Deutschland. Das stellt die Standesämter mitunter vor Herausforderungen: Sollen sie Namen wie „Ussama“ oder „Jehad“ akzeptieren? Hierzulande sind sie negativ besetzt, im arabischen Raum aber gelten sie als normale, traditionsreiche Namen, die nicht automatisch für einen islamistischen Hintergrund stehen.

Lediglich amtlich sind der Phantasie heute Grenzen gesetzt

Hier wie in allen Fällen muss die Wahlfreiheit der Eltern gegen das Wohl des Kindes abgewogen werden, für das mancher Name zur Belastung werden kann. Bei „Adolf“, dem deutschen Tabunamen schlechthin, stellt sich diese Frage gar nicht erst: Sein berüchtigtster Träger hat den Namen so kontaminiert, dass ihn auch der Hinweis auf seine lange Geschichte und den Heiligen, der ihn trägt, nicht rehabilitieren kann.

Verlief die Namengebung vergangener Zeiten in einigermaßen überschaubaren Bahnen, so existiert heute eine geradezu überbordende Vielfalt. Der Phantasie der Eltern sind zwar noch amtliche Grenzen gesetzt, aber sie sind viel weiter gezogen als früher. Der Wunsch, sich kreativ abzuheben, bringt Namen wie Afrope, Jax oder Tashunka Witko hervor. Letzterer ist das Sioux-Original für „Crazy Horse“ und diente indianerverrückten Eltern als Ersatz für die englische Version, die ihnen dann doch verwehrt wurde. Von den Standesämtern abgelehnt wurden bislang auch „Borussia“, „Porsche“, „Satan“ oder „Rumpelstilzchen“.

Meist sind die Kinder die Verlierer

Hingegen gibt es Menschen, die „Pepsi-Carola“, „Galeria“ oder „Ikea“ heißen, wobei sich für die Möbelhausmarke ins Feld führen lässt, dass es einen gleichlautenden ostfriesischen Mädchennamen gibt. Mehr als die Hälfte aller in einem Jahrgang eingetragenen Namen wird in diesem Zeitraum nur ein einziges Mal vergeben. Das zeugt von einem elterlichen Drang zur Originalität, der oft genug auf Kosten der Kinder geht. Viele scheinbar ausgefallene Namen speisen sich aus populären Büchern und Filmen. Ein ebenso frühes wie berühmtes Beispiel bot der 1927 geborene Berliner Museumsarchitekt Winnetou Kampmann, dessen gleichnamiger Sohn heute als Kieferorthopäde praktiziert. In den fünfziger Jahren waren es die Bücher von Astrid Lindgren, die eine Welle nordischer Namen auslösten.

Den „Star Wars“-Filmen wiederum verdanken Mitbürger Namen wie „Darth“, „Vader“, „Boba“ oder „Qui“, und aktuell steuert die „Game of Thrones“-Serie „Khaleesi“, „Daenerys“ und „Sansa“ bei. Auch der Glaube an die Weltrevolution kann die Namenwahl bestimmen, und zwar nicht erst, seit Achtundsechziger-Eltern ihre Kinder „Che“ nennen wollten. 1927 ließ ein Amtsgericht den Namen „Heinz Lenin“ zu, ein Jahr später wurde ein Mädchen nach Lenins Frau „Krupskaja“ genannt. Solche Namen haben später im real existierenden Sozialismus der DDR keine wesentliche Rolle gespielt. Aber deutsch-deutsche Unterschiede lassen sich durchaus feststellen. Eine ostdeutsche Vorliebe ist die Eindeutschung fremdsprachiger Namen als „Maik“, „Gorden“ oder „Nadin“. Häufig haben die Eltern in der DDR diese Namen, die sie gedruckt nicht kannten, nach Gehör geschrieben.

Zu Recht weist Rodríguez die Attitüde naserümpfender Weltläufigkeit zurück, mit der man sich im Westen gern darüber mokiert. Schließlich handelt es sich um eine jahrhundertealte Praxis, wie „Klaus“, „Hans“, „Vinzenz“, „Peter“ und viele andere Eindeutschungen hebräischer, lateinischer oder griechischer Namen zeigen. Wie unbefangen man in anderen Landstrichen die Assimilierung betreibt, zeigen zum Beispiel so „urspanische“ Namen wie „Rodrigo“, „Fernando“ oder „Gonzalo“, die auf germanische, von den Goten importierte Wurzeln zurückgehen.

Die Autorin, die in der Sowjetunion studierte und in der DDR ihre wissenschaftliche Laufbahn begann, schärft den Blick für die sozialen Aspekte des Themas. Wie sehr Namengebung und gesellschaftliche Schichtung miteinander verwoben sind, zeigt sie am Phänomen des „Kevinismus“: Der irische Name „Kevin“ – der übrigens männlich und weiblich ist – tauchte in Deutschland bereits in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre auf, blieb aber zunächst eine Rarität, gewählt von Eltern mit einer Vorliebe für die Grüne Insel oder die keltische Kultur. In den späten Siebzigern sorgte der HSV-Fußballer Kevin Keegan für einen ersten Popularitätsschub, den der Schauspieler Kevin Costner gute zehn Jahre später kräftig verstärkte.

Wer trägt Schuld an Kevins Verruf?

Aber erst der Film „Kevin allein zu Haus“ von 1991 katapultierte ihn an die Spitze der Beliebtheitsliste für männliche Namen. Er hatte alles, was es dazu braucht: eine sympathische, höchst populäre Trägerfigur, einen Klang, den die Deutschen als angenehm empfinden und eine kurze Zweisilbigkeit, die ebenfalls im Trend lag. Und so nannten in den neunziger Jahren viele junge Eltern ihren Sohn „Kevin“, ganz unabhängig von Wohnort, Bildungsgrad und sozialer Schicht. Doch dann stoppte Kevins Höhenflug: So wie in früheren Zeiten Namen, die zunächst den Adel schmückten, allmählich über das gehobene Bürgertum in die ärmeren Schichten hinuntergereicht wurden, verschlechterte sich auch „Kevins“ Ansehen.

Er galt nun aber nicht nur als langweilig gewordener Modename von gestern – dieses Schicksal hatte populäre Namen schon immer ereilt –, sondern ihm heftete sich das Image des „Unterschichten-Ossis“ an, ein Makel, den er seitdem mit Namen wie Jacqueline, Chantal oder Mandy teilt. Dass Vornamen nicht nur unbeliebt werden, sondern ihre Träger stigmatisieren, weil sie mit Dummheit, Faulheit oder Prekariat assoziiert werden, hält Gabriele Rodríguez für eine Entwicklung der vergangenen zwei Jahrzehnte. Angetrieben werde sie durch die Klischees des Boulevardfernsehens und die Verunglimpfungsdynamik der sozialen Netzwerke.

Skeptisch beurteilt die Autorin allerdings eine Studie, die vor einigen Jahren mit der steilen These für Schlagzeilen sorgte, dass solche Kinder in den deutschen Schulen benachteiligt würden, weil die Lehrer sich von den Vorurteilen gegenüber ihren Namen lenken ließen. Zu Recht kritisiert Rodríguez, dass so weitreichenden Behauptungen die empirische Basis fehlt. Bemerkenswert ist, dass „Kevin“ und Konsorten in bildungsfernen Kreisen auch dann noch beliebt blieben, als sich andere schon längst darüber lustig machten. Für die Autorin liegt der Grund in der kommunikativen Kluft zwischen den gesellschaftlichen Schichten: Die Kevin-Freunde hätten keinen Kontakt zu denen, die sich über sie und ihre Namen amüsierten.

In ihre Kreise dringe die Ironie der Gebildeten nicht vor, das negative Image der „verrufenen“ Namen sei ihnen lange Zeit kaum aufgefallen. Ganz überzeugen kann diese Erklärung nicht. Denn es war weniger das bildungsbürgerliche Feuilleton, das aus normalen Vornamen Spottnamen machte, sondern eher das von Harald Schmidt so genannte „Unterschichtenfernsehen“, das die Autorin auch erwähnt, ohne aber seine Rolle genauer in den Blick zu nehmen. Der Zynismus der Comedys und Shows von RTL und anderen Sendern besteht ja gerade darin, dass sie das Publikum, das sie bedienen, zugleich ausbeuten, indem sie es karikieren und so zur Selbstverhöhnung einladen. Die „Cindy aus Marzahn“ lässt grüßen.

Gabriele Rodríguez: „Namen machen Leute. Wie Vornamen unser Leben beeinflussen.“, Komplett-Media, München 2017. 248 S., geb., 19,99 €

Quelle: F.A.Z.
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