Familie
Das Wichtigste im Leben

Die neue Lust auf Familie

Von Florentine Fritzen
© INTERFOTO, F.A.Z. Woche

Die Deutschen sind Familientiere. Mehr als drei Viertel sagen, die Familie sei für sie das Wichtigste im Leben. So steht es in einer aktuellen Studie des Allensbach-Instituts. Aber wahrscheinlich ist der Anteil der Familien-Fans an der deutschen Bevölkerung sogar noch höher. Denn die Demoskopen haben nur Erwachsene und Jugendliche über sechzehn Jahre nach ihrem „wichtigsten Lebensbereich“ gefragt. Hätten auch Kinder bei der Umfrage mitgemacht, wäre die Liebeserklärung an die Familie bestimmt noch deutlicher ausgefallen.

Es kommt aber noch besser. Die Familie ist auch bei den erwachsenen Deutschen nicht einfach nur sehr beliebt. Sondern sie ist in den vergangenen zehn Jahren auch noch um ganze drei Prozentpunkte beliebter geworden. Schon 2006 nannten sie 76 Prozent ihren „wichtigsten Lebensbereich“, inzwischen sagen das sogar 79 Prozent. Und während 1998 nur ein gutes Drittel fand, Familie vermittle ein Gefühl von Sicherheit, sehen das inzwischen mehr als drei Viertel so.

Außerdem wird immer mehr Bundesbürgern immer klarer, dass Familien normalerweise fest zusammenhalten. 82 Prozent sagen das derzeit über die eigene Familie, und immerhin 61 Prozent haben den Eindruck, dass das auch ganz allgemein typisch für Familien ist. 2009 war erst ein Fünftel der Deutschen dieser Ansicht.

Liegt es an den unsicheren Zeiten?

Es ist nicht die Aufgabe der Meinungsforscher, zu erklären, warum die Familie gerade so einen besonders guten Lauf hat. Wer das herausfinden will, muss zum Beispiel mit Psychologen und Soziologen reden; auch die Zeitung zu lesen kann dabei helfen. Zunächst liegt es nahe, die aktuelle Familienliebe den unsicheren Zeiten zuzuschreiben: Wenn die Welt durch Krisen und Kriege, Terror und politische Polarisierung bedrohlich erscheint, dann sammeln sich die Menschen ums heimische Kaminfeuer.

Früher war mehr Familie – zumindest was die Zahl der Mitglieder anging. Eine Daguerrotypie –Fotografie-Verfahren des 19. Jahrhunderts – aufgenommen um 1850.
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Das Gegenargument ist, dass die Zeiten vielleicht gar nicht unsicherer sind als andere – irgendeine Gefahr droht ja immer. Und zumindest der Arbeitsmarkt und das Konsumklima erscheinen deutlich entspannter als noch vor wenigen Jahren. Zudem können unsichere Zeiten immer auch den Effekt haben, dass Menschen sich gegen eine Familie entscheiden. Die Begründung lautet dann: In diese Welt setze ich doch keine Kinder.

Viel Geld und Lob der Politik

Wenn die Unsicherheit die Familienliebe nicht oder nur zum Teil erklären kann, was dann? Ein anderes Erklärungsmuster für den Familien-Boom ist, dass die Arbeitswelt sich in der Vergangenheit stark verändert hat. Mütter arbeiten mehr, Väter weniger, und so ist die klare Trennung von innen und außen aufgehoben. Das könnte allen Familienmitgliedern den Wert und die Kostbarkeit der Familie umso mehr vor Augen führen. In den Schablonen von Feminismus und Maskulinismus ausgedrückt: Wenn Väter stärker im Innenraum der Familie wirken, müssen Mütter immer mehr von ihrem Herrschaftsgebiet abtreten – was beiden den Wert der Familie erst richtig bewusstmacht.

Hinzu kommt, dass Familien auch von der Politik viel Lob, Geld und Angebote bekommen. Elterngeld, Kita-Ausbau und Pflegezeiten sind Leistungen der vergangenen zehn Jahre. Wer stärker umworben wird, fühlt sich auch gleich wertvoller. Kinder sind in Zeiten niedriger Geburtenraten nicht nur ein Geschenk für ihre Eltern, sondern auch für den Arbeitsmarkt und das Rentensystem. Angesichts des Fachkräftemangels umgarnen auch Arbeitgeber qualifizierte Bewerber mit Betriebskitas, passgenauen Angeboten von Auszeiten, um Eltern zu pflegen, und Home-Office-Tagen. Wer Familie hat und für sie da sein will, darf sich privilegierter fühlen als noch vor einem Jahrzehnt. Und so könnte es allmählich außer Mode kommen, seine Familienpflichten am Arbeitsplatz zu vertuschen. Ein neues Selbstbewusstsein entsteht.

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Die neue Lust auf Familie: Deutsche sind trotz Zeitmangels wieder zunehmend begeistert von ihren Liebsten

Dabei geht die Zahl der Familien eigentlich langsam, aber sicher zurück. Das liegt daran, dass die Zahl der Deutschen ganz allgemein sinkt. Gab es vor zwanzig Jahren noch gut 13 Millionen Familien, sind es jetzt nur noch gut elf Millionen. Wenn das Statistische Bundesamt Familien zählt, dann gehören dazu alle Eltern-Kind-Gemeinschaften. Also Ehepaare und Alleinerziehende genauso wie nichteheliche und gleichgeschlechtliche Gemeinschaften mit Kindern. Zu den Kindern werden auch Adoptiv-, Stief- und Pflegekinder gerechnet. Acht von zehn Kindern leben in einer Paarfamilie, bei sieben von zehn sind die Eltern verheiratet.

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Ungefähr die Hälfte der knapp 80 Millionen Deutschen ist Teil einer der elf Millionen Familien. Aber auch die meisten anderen haben natürlich eine Familie. Da sind junge Paare und Singles ohne eigenen Nachwuchs, aber mit Eltern und Geschwistern. Dann sind da die jungen Alten, deren erwachsene Kinder nicht mehr im Elternhaus leben. Wenn sie dort vorbeikommen, stellen die jungen Alten vielleicht ein Babybettchen auf oder kramen die Bilderbücher aus den Achtzigern hervor, weil die Kinder inzwischen selbst Kinder haben. Auch die alten Alten freuen sich über Besuch der Nachkommen, ob im Heim, im Krankenhaus oder in der Wohnung, die sie kaum noch verlassen.

Was genau finden die Menschen an Familie so gut?

Wer gar keine Familie mehr hat, findet das oft traurig – und schließt sich manchmal mit Fremden, denen es genauso geht, zu Selbsthilfegruppen zusammen. Die heißen dann zum Beispiel „Gegangene Kinder“. Kalt lässt die Familienlosigkeit so gut wie keinen. Wer stattdessen sehr enge Freunde gefunden hat, spricht vielleicht von seiner Ersatzfamilie. Die Familie bleibt der Maßstab, auch bei denen, die sagen: „Freunde sind die Familie, die man sich selbst aussucht.“ Aber das sagen sowieso nur wenige: In der Allensbach-Umfrage liegen Freunde als „wichtigster Lebensbereich“ weit abgeschlagen auf Platz zwei – nur ein Zehntel nannte sie so. Noch schlechter schneiden mit nur sechs Prozent der Beruf und mit nur vier Prozent die Hobbys ab.

Was genau finden die Menschen an Familie so gut? Die Meinungsforscher sagen: vor allem die Liebe. Immer mehr Menschen, heißt es im aktuellen "Zukunftsreport Familie 2030" von Allensbach und der Prognos AG, verbinden mit Familie „lieben und geliebt werden“. Statt 77 Prozent vor zehn Jahren sagen das heute 87 Prozent. Ähnlich eine Forsa-Umfrage von 2015: Da verbanden junge Menschen unter dreißig Jahren mit Familie die Werte Liebe, Geborgenheit, Vertrauen, Freude, Glück, Verlässlichkeit, Sicherheit. Für die Familienmitglieder ist das eigene Rudel ein Rückzugsraum, der Inbegriff des Privaten.

Aus Sicht von Staat und Gesellschaft ist die Familie die kleinste Funktionseinheit, für die besonderer Schutz vorgesehen ist. Familien erhalten die Gesellschaft nicht nur im Sinne der biologischen Fortpflanzung. Sie versorgen, erziehen und betreuen darüber hinaus nach wie vor Kinder und bringen ihnen Dinge bei. Sie helfen Jugendlichen, selbst ein Teil der Gesellschaft zu werden. Sie pflegen Alte und Kranke. Auch wenn der Staat für alle diese Aufgaben immer mehr Personal bereitstellt, weil vor allem Mütter, Töchter und Schwiegertöchter nicht mehr selbstverständlich dafür zur Verfügung stehen wollen und sollen - ohne die Familien brächen das Bildungs-, das Gesundheitsund das Sozialsystem zusammen.

Ein Drittel der Großeltern betreut regelmäßig Enkel

Dabei spielt die Liebe über die Generationen hinweg eine besondere Rolle. Fast neun Zehntel der Eltern zwischen 40 und 85 nennen das Verhältnis zu den eigenen Kindern eng, das ist auch für den Staat ein Glück. Ein Drittel der Großeltern in Deutschland betreut regelmäßig Enkel, und vielleicht werden die es ihnen irgendwann danken, indem sie sich um Oma und Opa kümmern, wenn sie richtig alt sind. Schon jetzt helfen viele Junge den Alten, mit neuen Medien umzugehen, wie Allensbach vor kurzem herausgefunden hat.

In Familien tauscht man sich aus, natürlich oder zwangsläufig, Tag für Tag; auch das gibt der Gesellschaft Sicherheit, denn so bleiben die Generationen im Austausch miteinander. Und offensichtlich mehr denn je. Der Zukunftsforscher Horst Opaschowski meinte schon 2014: „Noch nie in der Geschichte der Menschheit hatte die Pflege der Generationenbeziehungen über drei Generationen hinweg eine solche existentielle Bedeutung.“ Er vermutet, dass Generationenbeziehungen bald sogar wichtiger werden als Partnerbeziehungen. „Die Drei-Generationen-Familie wird zur Wagenburg des 21. Jahrhunderts.“

Öffentlich zur Schau gestelltes Familienglück: Facebook-Gründer Mark Zuckerberg mit Frau Priscilla Chan und Kind
© dpa, F.A.Z. Woche

Dazu passt, dass sich schon heute deutlich mehr Großeltern um ihre Enkel kümmern als noch vor wenigen Jahren. Das dürfte damit zusammenhängen, dass mehr Mütter früher in den Beruf zurückkehren und oft auch mit mehr Stunden. Zwar arbeiten erwerbstätige deutsche Mütter von Kleinkindern nach wie vor weniger als zum Beispiel Französinnen in derselben Lebensphase. Die schuften mehr als dreißig Stunden in der Woche. Aber auf mehr als 24 Stunden bringen es inzwischen auch die deutschen Mütter mit Kindern unter drei Jahren. Die Familienministerin ist begeistert von diesem Trend zur vollzeitnahen Arbeit. Manuela Schwesig von der SPD möchte das am liebsten für alle Paare einführen: Männer und Frauen sollen sich gemeinsam für eine staatlich geförderte Familienarbeitszeit entscheiden können und sich im Rest der knappen Zeit gemeinsam um die Kinder kümmern.

Familien bieten Sicherheit

Dabei fehlt Familien schon heute vor allem Zeit: freie Zeit für alle zusammen, Zeit mit dem Partner ohne Kinder, Zeit für jeden allein. Der „Zukunftsreport Familie 2030“ zeigt, dass die meisten Deutschen damit rechnen, dass das in Zukunft noch schlimmer wird. Denn die Befragten gehen davon aus, dass Väter nicht in gleichem Maß kürzertreten werden, in dem Mütter ihre Arbeitszeit aufstocken. Es könnte sein, dass der Familien-Boom auch damit zusammenhängt: Was immer knapper wird, erscheint umso kostbarer. In einer Studie des Bundesverbands der Allgemeinen Ortskrankenkassen zählten Eltern gemeinsame Mahlzeiten zu den schönsten Familienerlebnissen.

Was nicht mehr selbstverständlich ist, wird schnell zu etwas ganz Besonderem. Im Jahr 2010 sagten 41 Prozent der Eltern, sie fühlten sich zeitlich belastet, 2014 waren es schon 46 Prozent. Alle anderen von Eltern empfundenen Belastungen, nämlich die finanzielle, psychische, körperliche und partnerschaftliche, sind dagegen zurückgegangen - ausgehend von ohnehin viel niedrigeren Werten: Schon 2010 war es die Zeitknappheit, die Mütter und Väter am meisten störte.

Familien bieten den Einzelnen, aber auch der Gesellschaft Sicherheit. Sie stehen aber noch für etwas anderes, nämlich Gesundheit. Eine aktuelle amerikanische Studie von Wissenschaftlern aus Toronto und Chicago hat gezeigt, dass enger Kontakt zu Verwandten Menschen länger leben lässt. Enger Kontakt mit Freunden hatte nicht denselben Effekt. Zwei Drittel der Eltern sagten in der AOK-Studie, es gehe ihnen gesundheitlich gut oder sehr gut.

Der Kinderwunsch bei jungen Menschen wächst

Wer Teil einer Familie ist, weiß aber auch, dass Familie Stress und Streit bedeuten kann. Von den Alleinerziehenden sagte nur knapp die Hälfte, es gehe ihnen gut, und zwanzig Prozent waren nicht zufrieden mit ihrem Familienleben. Viele kennen auch das Gefühl der Überforderung. Vor allem berufstätige Mütter mit kleinen Kindern haben oft das Gefühl, ihren Aufgaben nicht gerecht zu werden. Das zeigt nicht zuletzt die steigende Zahl der Anträge auf Mutter-Kind-Kuren.

Auch die Politik kümmert sich verstärkt um Familien: Bundeskanzlerin Angela Merkel schaut sich Anfang März in Berlin Drillingsmädchen bei einer Festveranstaltung einer Kinderhilfsorganisation an, die Ehrenamtliche zur Entlastung junger Eltern bei der Betreuung ihrer Kinder vermittelt.
© dpa, F.A.Z. Woche

Dem Familien-Boom können Stress, Zeitmangel und die Folgen für Seele und Gesundheit nichts anhaben. Wer die sogenannte Rushhour des Lebens schon gemeistert hat, vergisst die Belastungen schnell. Wer die Familiengründung noch vor sich hat, kann manche Anstrengung höchstens ahnen. Was Schlafmangel, Dauer-Verfügbarkeit für ein sehr kleines Wesen, Hormone und die psychische Revolution, ein Kind zu haben, wirklich mit einem machen, muss jeder selbst erleben; es ist ja auch nicht bei jedem gleich.

Auf alle Fälle regt sich der Kinderwunsch heute bei mehr jungen Deutschen als vor zehn, fünfzehn Jahren. 87 Prozent der Kinderlosen unter dreißig sagten in einer Forsa Umfrage, sie wollten bestimmt mal Kinder haben, 2003 wünschte sich nur knapp die Hälfte welche. 2014 erreichte die Geburtenrate erstmals wieder 1,5 Kinder pro Frau – den höchsten Wert seit der Wiedervereinigung. Mehr als ein weiteres Indiz für die neue Lust auf Familie ist der Mini-Baby-Boom nicht. Noch nicht?

Quelle: F.A.Z. Woche
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