Der Garten im Kinderbuch

Als die Uhr dreizehn schlug

Von Tilman Spreckelsen
 - 22:49

Wenn die Uhr in dem alten Haus nachts plötzlich dreizehn schlägt, ist alles anders: Tom, dessen Bruder krank ist und der nun wegen der Ansteckungsgefahr für ein paar Wochen bei Onkel und Tante einquartiert ist, kann in solchen Momenten hinter dem alten Haus einen wunderbaren Garten betreten – dort, wo sonst nur ein gepflasterter Hinterhof wartet, auf dem Mülltonnen und Autos stehen. Der Junge jedenfalls entdeckt den in diesen Nächten seltsamerweise meist im hellen Sonnenschein liegenden Garten, er scheint – noch seltsamer – unsichtbar zu sein, außer für ein Mädchen namens Hatty, das aber – am seltsamsten – zwischen seinen Besuchen im Rekordtempo altert: aus dem Kleinkind wird eine junge Frau, und aus der innigen Freundschaft unter Gleichen wird das geteilte Bewusstsein, dass der Graben zwischen Tom und Hatty wächst.

So steht es in Philippa Pearces Kinderbuchklassiker „Als die Uhr dreizehn schlug“, das vor exakt sechzig Jahren erstmals erschienen ist und bis heute immer wieder neu aufgelegt wird. Der Garten und die vergehende Zeit: Das ist im Kinder- und Jugendbuch ein überraschend eng verbundenes Paar. Natürlich verwandelt sich der Park dann auch, und vielleicht ist das eines der Geheimnisse in der Verwandlungen gegenüber ohnehin sehr aufgeschlossenen Kinderliteratur: So wie Gärten und Parks überhaupt ihr Gesicht verändern, den Jahreszeiten und den Besuchern geschuldet, die mal das Gelände fluten und dann wieder wegbleiben, so vollzieht sich dieser Wechsel in Parks wie den Kensington Gardens (in „Peter Pan“) oder auch im Stockholmer Tegnérpark, dem Schauplatz von Astrid Lindgrens „Mio, mein Mio“.

Ein weites „Neverland“

Dort sitzt, als das Buch beginnt, der vernachlässigte Bo Vilhelm auf einer Parkbank; seine Mutter ist tot, sein Vater nach Aussage des ältlichen Paars, das den Jungen widerwillig aufnahm, „ein Lump“, aber jetzt, im Park, erscheint auf einmal ein Bote des Vaters, der nämlich keineswegs lumpenhaft verschollen ist, sondern seinen Sohn, den er liebt und auf den er stolz ist, abholen lässt, in jenes „Land der Ferne“, das er als König regiert.

Und so wird, während Bo Vilhelm mit dem Fuß eine leere Bierflasche unter der Parkbank herumkullern lässt, aus dem von vierstöckigen Häusern eingeschlossenen Tegnérpark ein weites Land, so wie aus Kensington Gardens für die ebenfalls ungeliebten Kinder, die „Lost Boys“, das „Neverland“ wird oder aus Toms Hinterhof ein blühendes Paradies.

Der geheime Garten also will – wie in Frances Hodgson Burnetts gleichnamigem Kinderbuchklassiker von 1911 – entdeckt werden, er bietet einsamen Kindern Zuflucht und verkörpert zugleich die Gefahr, nicht mehr zurückzufinden in die langweilige Realität. Dass es aber, ebenfalls beschrieben in Burnetts Buch, dort zu einer Begegnung kommt zwischen dem ungeliebten Kind und demjenigen, der sich so hartnäckig weigert, es zu lieben, ja, dass dieser Ort schließlich zum Katalysator wird und er die erwünschte Nähe befördert, ist eine schöne Utopie.

Bo Vilhelm jedenfalls, Lindgrens unter den bösen Augen seiner Adoptiveltern verkümmerndes Kind, erzählt seine Geschichte und fleht den Leser schließlich an, gegen allen Anschein an das „Land der Ferne“ zu glauben. Dann, so stellt man es sich vor, steht er von der Parkbank auf und trottet mit hängenden Schultern zurück ins Haus.

Dieser Artikel stammt aus der Feuilleton Live-Ausgabe Gärten.

Quelle: F.A.Z.
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
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