„Liccle Bit“ von Alex Wheatle

Weißt du denn nicht, was wir mit Verrätern wie dir machen?

Von Fridtjof Küchemann
 - 13:00

Wenn es nach ihm gegangen wäre, würde Lemar lieber nicht dazugehören. Klar, er hatte sich etwas dazuverdienen wollen, für Sneakers oder einen Iro-Schnitt beim Friseur, außerdem war es Manjaro, der ihn um den Gefallen gebeten hatte: der Bandenchef von South Crongton, von dem Lemars Schwester ein Baby hat, aber nichts mehr wissen will, sein Schwager also, wie Manjaro es einmal nennt. Mit diesem seltsam schweren Päckchen durch die Stadt zu laufen fühlt sich trotzdem falsch an für den vierzehn Jahre alten Jungen - und von der Frau mit dem Aussehen eines Bond-Girls, der er das Päckchen schließlich aushändigt, gesagt zu bekommen, er gehöre jetzt dazu, macht die Sache nicht wirklich besser.

Zugehörigkeit ist ein großes Thema in der Jugendliteratur, und auch in Alex Wheatles Roman „Liccle Bit“ ist das nicht anders: Der 1963 in Brixton geborene und in einem Kinderheim aufgewachsene Autor hat seinen jungen Erzähler mit zwei großspurigen Freunden ausgestattet und mit einer Familie, in der er seinen Platz in Frage stehen sieht. Die Wohnung teilt sich Lemar, wegen seiner geringen Körpergröße von allen Bit genannt, mit Mutter, Großmutter, Schwester und deren Kind. Der Vater lebt mit einer neuen Familie schon fast in North Crongton. Es ist eng und laut zu Hause, es muss gespart und Rücksicht genommen werden, und für Lemar bleibt kaum mehr als Ermahnungen, Ansagen und Vorwürfe. Einzig, wie gut der Junge zeichnen kann, wird von allen bewundert - von der Großmutter bis hin zu Venetia King, dem Mädchen mit dem „sexiesten Gang im gesamten Universum“. Dass Venetia Lemar besuchen kommen möchte, um sich von ihm porträtieren zu lassen, müssen seine Freunde erst einmal verkraften. Mit den jähen Grenzen dieser Begegnung wiederum muss dann der Künstler klarkommen.

Alex Wheatle entwickelt einigen Schwung, ein paar rührende und eine Menge lustiger Momente aus der Spannung des Freundestrios und des Mädchens. Das Gewicht seiner Geschichte allerdings legt der Autor in seinem ersten Jugendbuch nach sechs Romanen für Erwachsene auf die Verwicklung mit Manjaro. Der Leser lernt ihn noch vor der Familie nach einem Streit mit Lemars Schwester kennen, die seine Unterstützung abgelehnt und ihm verweigert hat, seinem Sohn ein Vater zu sein, wie der „Obergangsta“ es sich wünschen würde.

Die Waffe im Schulrucksack

Ist es Elaines Hass auf ihren Ex, der sie Lemar mit diesem Furor vor Manjaro warnen lässt, ist es ihr Wissen um dessen Geschäfte? Den Vierzehnjährigen jedenfalls können die Worte der fünf Jahre älteren Schwester nicht aufhalten, schließlich hat sie selbst sich doch auf ganz andere Weise auf ihn eingelassen. Im Gegenteil: Den Bandenchef nicht allein als die Respektsperson zu erleben wie die anderen Jugendlichen aus dem Viertel, sondern durchaus auch in Momenten der Schwäche macht Lemar womöglich sogar unvorsichtig.

Nach einer heftigen Auseinandersetzung mit seiner Schwester und in dem Gefühl, auch die Mutter und die Großmutter gegen sich zu haben, schlägt sich Bit mitten in der Nacht zu seinem Vater durch, kann dort aber nicht bleiben, wird prompt von Manjaro und seinen Leuten aufgelesen - und lernt bis zum Morgen einiges über das Gefüge von Großzügigkeit und Gewalt, mit dem Manjaro über seine „Brüder“ herrscht. Das ist durchaus fein gezeichnet, gerade im Vergleich zu afrikanisch-amerikanischen Jugendromanen wie „The Hate U Give“ von Angie Thomas oder „Nichts ist okay!“ von Jason Reynolds und Brendan Kiely, in denen die rassistischen Bedingungen der jugendlichen Gewaltmuster viel deutlicher herausgearbeitet sind. Bei Alex Wheatle wird allenfalls aus der Bereitschaft des Bandenchefs, seinen Leuten durch Bildung einen Weg aus den engen Verhältnisse ihrer Herkunft zu weisen, und aus gelegentlichen Hinweisen auf die weiße Hautfarbe der einen oder anderen Nebenfiguren deutlich, dass die Geschichte unter dunkelhäutigen Menschen spielt - und durch die gelegentliche Tasse Tee, die sogar der Polizei am Küchentisch angeboten wird, dass wir in England sind.

Es gibt Tote in „Liccle Bit“, die alte Rivalität zwischen den Banden aus dem Norden und dem Süden des fiktiven Stadtteils Crongton droht zu eskalieren, der Druck auch in den Familien, die allenfalls am Rande mit den Bandenstrukturen in Kontakt kommen, wächst. Und es gibt Verletzte in der Geschichte: Als Lemar die Vorwürfe seiner Schwester, sich mit Manjaro eingelassen zu haben, mit dem naheliegenden Gegenvorwurf kontert, flippt sie aus. Als aber Manjaro im großen Showdown die Großmutter ausgeschaltet hat und sich den Jungen vorknöpfen will, ist es Elaine, die ihm den entscheidenden Schlag versetzt. Und das gemeinsame Baby, das mitten im Kampf ins Zimmer krabbelt. Kurz zuvor hat Lemar nicht nur den Fehler gemacht, Manjaro einen zweiten Dienst zu erweisen, und diesmal so lange an dem Päckchen gepult, bis der schwarz-metallische Inhalt keinen Zweifel daran ließ, dass es eine Waffe war, die Lemar für seinen „Schwager“ aufheben sollte. Ihm ist auch noch kein sicherer Ort dafür eingefallen als der Schulrucksack, von dem sich der Junge nun zur Verwunderung aller gar nicht mehr trennen will.

Erst lachen die beiden Freunde noch

Die Mischung aus Neugier und Trotz, Leichtfertigkeit und Optimismus, Ehrgeiz und Ängstlichkeit, mit der Alex Wheatle seinen jugendlichen Erzähler zeichnet, gehört zu den großen Stärken dieses Buchs: Ihr ist zu verdanken, dass auch seine hiesigen jungen Leser sich diesem Helden nah fühlen werden, so fremd seine Lebensumstände und die Aufgeladenheit der Geschichte ihnen grundsätzlich auch sein mögen. Und es ist die Situationskomik, mit der Alex Wheatle arbeitet.

Als sich Venetia und Lemar ein erstes Mal nach dem Unterricht für eine Porträtsitzung verabredet haben, kann der Junge gerade noch verhindern, aus der Schultür zu rasen „wie ein kleiner Junge am Weihnachtsmorgen die Treppe runter“. Er hält inne, sammelt sich. Jetzt heißt es cool sein. „Wie ein Cowboy in einem von diesen steinalten Western stieß ich durch die Schwingtüren“, erzählte Lemar. Draußen warten seine beiden Freunde, die sich vor Lachen kaum noch halten können. Als dann aber kurz nach Lemar doch die von allen angehimmelte Venetia durch die Tür kommt und sich sogar entschuldigt, ihn warten gelassen zu haben, verstehen die beiden die Welt nicht mehr: „Warum, warum, warum du? Du bist ... unser kleiner Bit.“ Lemar bleibt unser kleiner Bit. Alex Wheatle lässt ihn wachsen, aber der Autor achtet mit einiger Zärtlichkeit und Sorgfalt darauf, dass Bit nicht über die Geschichte hinauswächst.

Alex Wheatle: „Liccle Bit“. Der Kleine aus Crongton. Roman. Aus dem Englischen von Conny Lösch. Verlag Antje Kunstmann, München 2018. 256 S., geb., 18,– €. Ab 14 J.

Quelle: F.A.Z.
Fridtjof Küchemann
Redakteur im Feuilleton.
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