Familie
Deutschlands marode Schulen

Zu kleine Räume für zu viele Schüler

Von Heike Schmoll, Berlin
© dpa, F.A.Z.

In Zeiten des Lehrermangels tendieren Länder dazu, jeden Quereinsteiger zu beschäftigen. Denn vor nichts graut Kultusministern mehr als vor rebellierenden Eltern, die fortgesetzten Unterrichtsausfall beklagen. Der neue Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL), der bayerische Gymnasialschulleiter Heinz-Peter Meidinger, hält das für genau den falschen Weg. Er hat die Länder im Gespräch mit der F.A.Z. aufgefordert, auch in Zeiten des Lehrermangels nicht jeden Bewerber zu nehmen, sondern allenfalls befristet anzustellen. „Es ist nicht vertretbar, in Mangelzeiten auch unzureichend qualifizierte Bewerber auf Dauer einzustellen“, sagt Meidinger. Er befürchtet, dass besseren Bewerbern zu späterer Zeit durch solche Praktiken der Weg ins Lehramt versperrt wird.

In Zeiten mit wenigen Einstellungen sollten die Länder über den Bedarf einstellen. Das geschehe jedoch in den seltensten Fällen, da die verantwortlichen Politiker Angst davor hätten, dass sich die Schulen an eine Überversorgung gewöhnten, sagte Meidinger. Ostdeutsche Länder wie Sachsen, wo demnächst die Schule wieder beginnt, können ihre Unterrichtsversorgung nur durch geliehene Lehrer etwa aus Bayern aufrechterhalten. So haben bayerische Lehrer sich aufgrund einer Rückkehrvereinbarung in den Süden darauf eingelassen, in Sachsen auszuhelfen. In die Randregionen allerdings lassen auch sie sich nicht gerne versetzen. Wegen des Geburteneinbruchs nach der Wende haben ostdeutsche Länder ihre Lehrerstellen erheblich abgebaut. Unmittelbar nach der Wende lag das Durchschnittsalter der Lehrer im Osten bei 41 Jahren, im Westen bei über 50 Jahren. Auch durch den Zuzug vieler Flüchtlingskinder sind die Schülerzahlen jetzt wieder schneller gestiegen. Jetzt würden die damals entlassenen Lehrer dringend gebraucht. Und zwar vor allem an den Grundschulen.

Ab und an ein Quereinsteiger ist okay

Entsetzt äußerte sich der Präsident des DL, der bis Dezember auch noch an der Spitze des Deutschen Philologenverbandes steht, darüber, dass in Berlin schon die Hälfte der Mint-Fächer unterrichtenden Lehrer ohne Lehramtsstudium vor der Klasse stehen. Er habe nichts dagegen, wenn es ab und an einen Quereinsteiger an einer Schule gebe. Aber bei einer Vielzahl von Quereinsteigern sei die Qualität gefährdet. „Dabei weiß man doch spätestens seit den Pisa-Studien, dass die Ergebnisse um so schlechter ausfallen, je höher der Anteil von Nicht-Fachlehrern liegt“, sagt Meidinger.

Außerdem will er die Qualitätsfrage der Abschlüsse auf die Mittlere Reife erweitern. Dazu will er den Realschullehrerverband und den Berufsschullehrerverband stärker einbeziehen. Überhaupt sollen die Mitgliedsverbände des DL nach Meidingers Vorstellungen stärker in Erscheinung treten. So könnten die Präsidenten der jeweiligen Mitgliedsverbände zu Vizepräsidenten des DL werden. Ob sie dann die Politik des DL betreiben oder nur den Versuch unternehmen, ihre jeweilige Verbandspolitik auf der Plattform des DL zu betreiben, muss sich zeigen.

Der neue Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL), der bayerische Gymnasialschulleiter: Heinz-Peter Meidinger
© dpa, F.A.Z.

Zu den wichtigen Themen zählt Meidinger auch den Schulhausneubau. Nach vierzig Jahren seien die Gebäude zumeist baufällig. Alle in den siebziger Jahren für die geburtenstarken Jahrgänge errichteten Betonbauten sind also in die Jahre gekommen. Allein in Berlin rechnet die Senatsverwaltung für Bildung mit einem Sanierungsbedarf von 3,9 Milliarden Euro im Schulbereich. Dass nun offen darüber gesprochen wird, ist auch den Elterninitiativen zu verdanken, die nicht müde wurden, in Demonstrationen und Aktionen auf undichte Dächer, Fenster, kaputte Heizungen, unzumutbare Toiletten und vieles mehr aufmerksam zu machen. Nach der Ankündigung des Senats, 1,6 Milliarden im Jahr 2017 für Sanierung aufzuwenden, ist nicht viel passiert, weil die Bezirksämter das Geld auch abrufen müssen. In mancher Hinsicht können sich Schüler glücklich schätzen, in einem alten Schulgebäude unterrichtet zu werden, weil sie deutlich größere Schulräume haben.

Denn heute, beklagt Meidinger, würden die Klassenzimmer in Neubauten zu klein gebaut, es seien etwa zwei Quadratmeter weniger, beklagt er. In der Geflügelzuchtverordnung sei der Platz für eine Henne um das dreifache gestiegen, meint der Präsident lakonisch. Die Bandbreite von 58 Quadratmetern bis 70 Quadratmetern für einen Klassenraum existiere in den meisten Ländern nur auf dem Papier. Die meisten Klassenzimmer sind nur 58 bis 59 Quadratmeter groß, bei einer Klasse mit 30 Schülern bleiben dem einzelnen nicht einmal zwei Quadratmeter, die Schränke und sonstiges Mobiliar wie Garderoben nicht einmal eingerechnet. Angesichts der heterogenen Klassen mit teilweise auch aggressiven Schülern ist das nicht trivial.

Und es gibt noch ganz andere bürokratische Gründe in den Förderverordnungen, dass die Klassenzimmer kleiner werden. Wenn ein Landkreis großzügig sein will und mit 65 bis 70 Quadratmetern baut, sinkt sofort der Fördersatz für das neu zu bauende Schulgebäude. Die geringste Größe für Klassenräume wird nach den geltenden Förderrichtlinien am meisten bezuschusst. Das betreffe alle Schularten, sagt Meidinger. Nur sehr reiche Gemeinden könnten sich also geräumige Schulbauten leisten. Wer indessen in einer finanzschwachen Gemeinde wohne, werde auch mit entsprechend beengten Schulräumen vorlieb nehmen müssen. Mit Bildungsgerechtigkeit habe das nicht mehr viel zu tun, findet Meidinger. Damit will sich der DL in nächster Zukunft befassen.

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Trotz fortschreitender Digitalisierung hält Meidinger nach wie vor Schulbibliotheken für äußerst wichtig. Allerdings müssten sie künftig völlig anders aufgebaut sein. In Zukunft müsse Schülern klar gemacht werden, dass eine Schulbibliothek einen enormen Reichtum biete. Auf Enzyklopädien könne man verzichten, auch auf Monographien, die im Internet leicht zugänglich seien. Doch 95 Prozent des Weltwissens fänden sich nicht im Internet, meint der DL-Präsident. Für die Schulbücher sieht Meidinger erhebliche Veränderungen. „Auf Schulbücher in der jetzigen Form werden wir in Zukunft verzichten können, was nicht heißt, dass es nicht digitale Nachfolgemedien geben wird.“ Eine Revolutionierung des Lernens werde es aber nicht geben, der Lernprozess an sich werde mühsam bleiben, ganz gleich, ob mit Tablet oder Karteikarten gelernt werde.

Auch der Lehrer als Vermittler des Wissens bleibe zentral. Für die Digitalisierung der Schulen wäre es sinnvoll, wenn der Bund die Ausstattung mitfinanziere, während die Länder und Kommunen die personellen Ressourcen für die Wartung der Technik durch einen professionellen IT-Service übernehmen.

Quelle: F.A.Z.
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