Kinderbuch über das Gefängnis

Der Ort, den man nicht kennt

Von Eva-Maria Magel
 - 17:52

„Ich finde das unfair, das (sic!) man als Kind seinen Papa weggenommen kriegt, nur weil der Papa was Blödes gemacht hat“, schreibt Sina an ihren Vater. Da hat sie natürlich recht. In diesem Fall sitzt ein Vater hinter Gittern, dem sehr klar ist, dass er durch sein Verbrechen seiner Familie, vor allem seiner Tochter, enorm geschadet hat. Das Kind kann nichts dafür – und wird doch mitbestraft.

Es muss durch die Zeit der Haft kommen, genau wie die Erwachsenen. Sina beschreibt, wie das ist: das erste Mal, als der Vater nicht mit am Abendbrottisch sitzt, ihre Scham, die Angst, dass die Kinder in der Schule herauskriegen, was los ist. Die langen Tage, die sie gebraucht hat, um ihrer besten Freundin Emma zu erzählen, was passiert ist: dass ihr Vater eine Tankstelle überfallen hat, weil er Geld für seine Spielsucht brauchte.

Von alledem hatten seine Frau und seine Tochter keine Ahnung – bis der Vater verhaftet wurde. Sina ist acht Jahre alt, und es fällt ihr schwer, sich vorzustellen, dass sie schon zehn oder elf Jahre alt sein wird, bis der Vater zu Hause sein darf. Und erst recht schwer fällt es ihr, sich seinen neuen Alltag vorzustellen.

Auf Anregung einer Gefängnispsychologin

Das Gefängnis ist eine andere Welt. Zwar spielen Kinder Verbrecher und Polizei, sie wissen, dass diejenigen, die etwas Böses tun, gefangen werden. Nur wie es da ist, wo sie hinkommen, wissen nicht mal jene Kinder, deren Eltern an diesem Ort sind, dem Ort, den man nicht kennt. Etwa 100.000 Kinder in Deutschland sind das. In vielen Fällen könnte Wissen dazu beitragen, mit der Situation besser leben zu können. Ein Buch zum Erklären und zum Mut machen will „Im Gefängnis – Ein Kinderbuch über das Leben hinter Gittern“ sein, für alle Kinder, nicht nur diejenigen, die das Wort „Gefängnis“ aus ihrem Familienalltag kennen.

Auch die Autoren Monika Osberghaus und Thomas Engelhardt wären, wie sie in ihrem ausführlichen Nachwort freimütig zugeben, nicht von selbst auf das Thema gekommen. Die Gefängnispsychologin Susanne Jacob, die das Schicksal der „mitgefangenen“ Kinder aus ihrem Berufsalltag kennt, hat das Kinderbuch angeregt.

Nicht jeder findet hinter Gittern Arbeit

Und „Im Gefängnis“, geschrieben von Osberghaus und Engelhardt, illustriert von Susann Hesselbarth, löst als erzähltes Sachbuch, das von einem Glossar in „Gefängnisdeutsch“ und „Knastsprache“ sowie den Adressen von Selbsthilfeeinrichtungen begleitet wird, geradezu vorbildlich ein, was es sich vorgenommen hat. Nicht nur mit der Gefängnispsychologin Jacob, auch mit Gefängnisleitern, Vollzugsbeamten und Häftlingen, mit Müttern und Kindern haben die Autoren Gespräche geführt, und ihre Besuche in deutschen Gefängnissen schlagen sich auf vielfache Weise nieder.

In sachlicher, gut verständlicher Sprache wird etwa erläutert, was ein „Einschluss“ ist, dass es „Haftraum“ heißt und nicht Zelle, dass nicht jeder Gefangene, der gerne arbeiten möchte, hinter Gittern auch einen Arbeitsplatz findet – alles Informationen, die belebt sind durch die Personalisierung. Kapitel für Kapitel geht es, anhand von Roberts Alltag, durch den Strafvollzug: von der Tat über Haftantritt zum Freigang bis zu dem Moment, als Robert endlich wieder zu Hause ist.

Einfach keine Lust mehr, tapfer zu sein

Grau unterlegt sind alle Seiten, die mit Roberts Haft zu tun haben, rot zählt das Buch dort rückwärts, von „noch 730 Tage“ bis „noch 0 Tage“. Weiß ist das, was Sina erzählt, und ein rot-weiß gestreifter Balken markiert sinnvollerweise die Grenzübertritte von Sinas Welt in die des Vaters. Susann Hesselbarths schlichte Illustrationen haben hier und da einen kleinen Twist, wie sie da so über die Seiten gestreut den Text strukturieren und begleiten, dass die Aufmerksamkeit auf den thematischen Schwerpunkt gelenkt wird.

Und Platz für Gefühle ist darin auch. Denn obwohl Osberghaus und Engelhardt in ihrem Nachwort zugeben, mit Sina und Robert einen beinahe idealen Fall zu schildern, in dem alles für alle Beteiligten noch einmal gut ausgeht, bringen sie gerade die Schwierigkeiten zur Sprache: Angst, Einsamkeit, Wut, auch die Existenzsorgen der Mutter, der das Einkommen des Vaters fehlt.

Sina erzählt in einem eigenen kindlichen Ton, dass sie einfach keine Lust mehr hat, tapfer und eine Stütze ihrer Mutter zu sein. Die Noten werden immer schlechter, und eines Tages will sie auch nicht mitkommen zur Besuchszeit im Gefängnis. Manchmal versucht sie dann, ihren Vater einfach zu vergessen. Dass die Liebe helfen kann, auch Gitter zu überwinden, wird dadurch nicht weniger wahr.

Thomas Engelhardt, Monika Osberghaus: „Im Gefängnis“. Mit Bildern von Susann Hesselbarth. Verlag Klett Kinderbuch, Leipzig 2018. 96 S., geb., 14,– Euro. Ab 8 J.

Quelle: F.A.Z.
Eva-Maria Magel
Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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