Erben und Vererben

Ein Testament kann das Familienheim retten

Von Daniel Mohr
 - 08:16

Die Zahl der Fachanwälte für Erbrecht hat sich nach Angaben der Bundesrechtsanwaltskammer binnen zehn Jahren von 173 auf nun 1807 erhöht. Ein alarmierendes Zeichen. Wenn es ums Geld geht, hört bekanntlich nicht nur die Freundschaft auf. Und es geht um viel Geld. Die wohl reichste Rentnergeneration aller Zeiten ist derzeit am Vererben.

Die meisten Deutschen haben kein Testament. Dann tritt die gesetzliche Erbfolge in Kraft. Ehepartner und eigene Kinder erben. Falls keine Kinder vorhanden sind, erben auch die eigenen Eltern, Geschwister oder weiter entfernte Verwandte. Langjährige Lebenspartner sind vor dem Gesetz keine Verwandten und bleiben damit in der gesetzlichen Erbfolge unberücksichtigt.

„Das Gesetz regelt zudem nur Quoten und nicht, wer was bekommen soll“, sagt Jan Bittler, Fachanwalt für Erbrecht und Geschäftsführer der Deutschen Vereinigung für Erbrecht und Vermögensnachfolge. Streit um die genaue Aufteilung ist programmiert. Denn die wenigsten vererben schlicht einen Geldbetrag von 100.000 Euro und sonst nichts.

Präzision statt Einzelwünsche

Geld lässt sich prima aufteilen, aber was passiert mit der begehrten Vitrine – einem echten Familienerbstück–, dem teuren Teppich, und wer muss sich um die beiden Katzen kümmern? Die Liste ist in der Regel viel länger, und nicht alles lässt sich in einem Testament detailliert festlegen.

„Viele Testamente sind ein Sammelsurium an Einzelbestimmungen“, sagt Bittler. „Wichtig wäre jedoch, einen Erben klar und präzise zu benennen.“ Der steht dann im Erbschein, der ist verantwortlich, und an den fällt alles, was nicht im Nachlass geregelt ist. Mit einem Vermächtnis kann dabei dennoch unter vielen etwas verteilt werden. Sie sind dann aber im juristischen Sinne nur Vermächtnisnehmer und keine Erben. „Das klärt die Verantwortlichkeiten“, sagt Bittler. Er rät dazu, Erbengemeinschaften aus mehreren Personen möglichst zu vermeiden.

Kein Zugriff ohne Erbe zu sein

Schwierigkeiten gibt es meistens, wenn Immobilien ins Spiel kommen. Sie lassen sich nur schwer aufteilen. Ist nichts geregelt, müssen sich die Nachfahren einigen. Jeder Erbe kann dabei den Antrag auf eine Versteigerung stellen. Wer aber nicht Erbe ist, kann einen solchen Antrag nicht stellen.

Wer dies beim Verfassen seines Testament bedenkt, kann manches Familienheim im Besitz der Nachkommen halten. „Enterbt werden“, wie es der Volksmund sagt, können dabei nur die engsten Verwandten nicht. Ehepartner, Kinder – falls schon verstorben, deren Kinder – und bei Kinderlosen die eigenen Eltern haben Anspruch auf einen Pflichtteil. Er entspricht der Hälfte des gesetzlichen Erbteils.

Aber auch diese Pflichtteilsberechtigten können keine Zwangsliquidierung von Immobilien oder anderen Vermögenswerten verlangen, wenn sie im Testament nicht als Erben benannt sind. Ihr Anspruch in Geld muss entsprechend ihrer Erbquote natürlich trotzdem erfüllt werden. Hier gibt es aber Möglichkeiten der Stundung, die beim Nachlassgericht beantragt werden kann. So kann Zeit gewonnen werden, um zum Beispiel mit Banken zu verhandeln. Eine Zwangsversteigerung des Hauses kann so jedenfalls wesentlich eher vermieden werden als ohne Testament.

Lesbar muss es sein

Jeder muss sich also überlegen, ob ihm die gesetzliche Erbfolge zusagt, in welchem Ausmaß er Ungemach unter seinen Nachfahren vermutet und was er überhaupt mit seinem Vermögen machen möchte. Ein Testament sollte neben der klaren Benennung eines Erben möglichst präzise beschreiben, wer ansonsten was bekommen soll.

Im wahrsten Sinne des Wortes wird hier ein Letzter Wille kundgetan. Das Testament muss handschriftlich verfasst und unterschrieben sein. Wenn es selbst ein Richter oder ein Schriftexperte nicht lesen kann, ist es unwirksam. Ein Hinweis, dass das deutsche Erbrecht angewendet werden soll, ist hilfreich. Wenn sich der Verstorbene dauerhaft im Ausland befunden hat, gilt sonst das dortige Erbrecht.

Die Aufbewahrung des Testaments sollte beim zuständigen Nachlassgericht erfolgen. Sonst besteht die Gefahr der Unterdrückung des Testaments, wenn es als Erster jemand in die Hände bekommt, dem es nicht passt und der es vernichtet. Das ist natürlich nicht erlaubt, aber die Beweisführung ist schwer bis unmöglich.

Absurde Erbstreits

Die Gestaltung des Testaments ist ziemlich frei. Bedacht werden kann jede natürliche und juristische Person, also auch Stiftungen und gemeinnützige Vereine. Nahe Verwandte, die nicht bedacht werden und Anspruch auf einen Pflichtteil haben, müssen sich selbst darum kümmern, den ihnen zustehenden Anteil zu bekommen, und wenden sich hierzu an die Erben.

Die Kinder des Verstorbenen haben kein Recht auf gleiche Behandlung. „Das ist einer der Hauptstreitpunkte im juristischen Alltag“, sagt Bittler. „Da wird um die absurdesten Dinge gestritten, zum Beispiel ob das regelmäßige Mittagessen der Kinder bei der Oma beim Erbe nicht gegengerechnet werden müsse.“ Bei größeren Zuwendungen schon vor der Erbschaft, so rät der Jurist, sollte daher klar dokumentiert werden, ob diese als vorweggenommenes Erbe anzusehen sind oder nicht.

Jeder ist dabei frei, Geschenke zu machen. Auch hier müssen Kinder oder Enkel nicht gleichmäßig bedacht werden. Übliche Gelegenheitsgeschenke zu Geburtstagen, Weihnachten und Hochzeit sind dabei nie auf das Erbe anzurechnen.

Früh das Vermögen zu verschenken, um die Erbschaftsteuer zu umgehen oder nicht aus eigenem Vermögen das Pflegeheim bezahlen zu müssen und das dem Staat zu überlassen, sieht Bittler skeptisch. „Ich rate den Mandanten immer, darüber nachzudenken, ob sie ihr Vermögen erarbeitet haben, um davon später einmal etwas zu haben oder ob sie verarmen und ihre Kinder anbetteln wollen.“

Großzügige Freibeträge

Die eigene Altersvorsorge sollte gesichert sein, und zwar auch für den Fall, dass ein Ehepartner stirbt und der andere mit deutlich reduziertem Einkommen weiterleben muss. Freies Vermögen darüber hinaus kann natürlich verschenkt werden und hat den Vorteil, dass man noch miterlebt, wie die Nachkommen etwas von dem Ersparten haben.

Die Freibeträge für Erbschaften und Schenkungen sind zudem großzügig bemessen. Jedes Elternteil kann an jedes Kind 400.000 Euro steuerfrei vererben und auch alle zehn Jahre verschenken. An jeden Enkel zudem 200.000 Euro und an den Ehepartner 500.000 Euro.

Selbstbewohntes Wohneigentum kann unter gewissen Voraussetzungen zudem steuerfrei vererbt werden. Nur wer an keine engen Verwandten verschenkt oder vererbt, dessen Vermögen wird durch Schenkung- und Erbschaftsteuern schnell vermindert. Selbst an Geschwister oder Nichten und Neffen können – wie an jeden beliebigen Fremden – nur 20.000 Euro steuerfrei verschenkt oder vererbt werden.

Frühzeitiges Verschenken, um dem Staat ein Schnippchen zu schlagen, ist auch für den Pflegefall nur selten lohnend. Wer dadurch verarmt, von dessen Begünstigten fordert das Sozialamt binnen zehn Jahren die Geschenke zurück. Ist die Sache verjährt, sind Abkömmlinge, Eltern und Partner für den Pflegefall unterhaltspflichtig und werden vom Sozialamt zur Kasse gebeten.

Wer sein Haus verschenkt, darin aber wohnen bleiben will, der sollte sich lebenslangen Nießbrauch sichern. Das typische Testament unter Ehegatten ist das Berliner Testament, das wechselseitig ein Alleinerbe zusichert. Einen Pflichtteilsanspruch haben die Kinder dann trotzdem. Doch nicht alle Familien sind auf Streit erpicht, und so wird hierauf in der Regel verzichtet.

Wer Angst hat, dass sein Testament wegen Testierunfähigkeit für ungültig erklärt wird, der kann sich von einem Neurologen die Testierfähigkeit bescheinigen lassen. Dass der Hausarzt, Anwalt oder Notar ihn für zurechnungsfähig hält, reicht nicht. Die Beweislast liegt aber bei den Nachfahren, die die Testierfähigkeit abstreiten. Die müssen belegen, dass der Verstorbene zum Zeitpunkt des Testaments testierunfähig war. Auch betreute oder geschäftsunfähige Personen können noch testierfähig sein.

Quelle: F.A.Z.
Daniel Mohr  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Daniel Mohr
Redakteur in der Wirtschaft.
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