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Planung der Elternzeit

Weg mit den Zwei-Monats-Vätern!

Von Tatjana Heid
 - 12:12
Im Eiltempo durch zwei Monate Elternzeit und dann schnell wieder ins Büro: So planen derzeit die meisten Väter. Bild: dpa, FAZ.NET

Es gibt kaum eine Antwort, die man mit solcher Regelmäßigkeit bekommt wie diese: „Zwei Monate.“ Die dazugehörige Frage lautet: „Und, wie lange nimmt er Elternzeit?“ Nicht nur die Antwort ist eine Provokation, auch die Blicke, die sie begleiten. Diese „Ist doch klar, was soll die Frage?“-Blicke. Und das Schlimmste ist: Sie haben recht. Die Frage ist überflüssig. Deutschland ist ein Land der Zwei-Monats-Väter.

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Zwei Monate. So lange sind Frauen schon allein durch den Mutterschutz nach der Geburt raus, von den sechs Wochen davor ganz abgesehen. Zwei Monate, das sind acht Wochen, das ist weniger als man sich bei einem Sabbatical gönnt. Zwei Monate, das ist ein verlängerter Urlaub. So lange macht der Bundestag Sommerpause. Zwei Monate, das ist nicht einmal ein Prozent der durchschnittlichen Lebensarbeitszeit in Deutschland.

Zwei Monate, das ist lächerlich.

Das Elterngeld-Gesetz ist mittlerweile zehn Jahre alt. Es besagt: Paare bekommen zwölf Monate Elterngeld, wenn einer zu Hause bleibt. Nimmt der Partner ebenfalls mindestens zwei Monate, erhöht sich der Anspruch auf vierzehn Monate. Das Gesetz ist sinnvoll, war aber schon zur Zeit seines Entstehens alles andere als revolutionär. Ein Anreiz, der nicht wehtut, ein kleiner Schubs in die richtige Richtung, aber so, dass sich keiner bevormundet fühlt. Gleichberechtigung im Schongang.

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Mittlerweile ist ein knappes Viertel der Elterngeldbezieher Männer. Zum Vergleich: Das bis 2006 gezahlte Erziehungsgeld nahmen nur 3,5 Prozent der Väter in Anspruch. Man könnte also sagen: immerhin. Doch knapp drei Viertel dieser Männer bleiben lediglich zwei Monate zu Hause – der gleiche Anteil der Frauen jedoch zehn bis zwölf Monate.

Abseits der Statistik bedeutet das: Frauen hängen in der Zwei-Monats-Falle. Und mit ihnen die Männer, die gerne länger Elternzeit nehmen würden, aber sich schon bei der Vorstellung daran unwohl fühlen. Denn viele Arbeitgeber akzeptieren zwei männliche Alibi-Monate – ein bisschen hip ist es ja auch. Doch alles, was darüber hinaus geht, wird bestenfalls zähneknirschend hingenommen. Es gibt Männer, die wechseln den Job, ehe sie ihre Familienplanung in die Tat umsetzen – weil Elternzeit unweigerlich das Ende jeglicher Karriere in der Firma bedeuten würde. Mancher Mann rühmt seine zwei Monate Elternzeit als Beitrag zur weiblichen Emanzipation. Und splittet sie in zwei vierwöchige Urlaube. Urlaub, vom Staat bezahlt.

Es muss sich etwas ändern. Neben dem Mutterschutz sollte es einen Vaterschutz geben. Mama: sechs Wochen vor der Geburt, acht Wochen nach der Geburt. Papa: 14 Wochen nach der Geburt. Und zwar verpflichtend. Das wäre schön für die Familie, hätte Vorteile für den Mann, schließlich müsste er sich nicht mehr in den ersten drei Monaten nach anstrengenden, schlafarmen Nächten zur Arbeit schleppen. Er müsste sich auch nicht rechtfertigen, wenn er drei Monate Elternzeit nimmt, weil er ja ohnehin länger fehlt. Und auf dem Arbeitsmarkt würde kein junger Mann einer gleichaltrigen Frau vorgezogen mit dem – natürlich niemals ausgesprochenen – Argument, dass er ja nicht schwanger werden kann.

Wer jetzt mit dem Argument kommt, das sei unbezahlbar, dem sei gesagt: Natürlich ist es teuer! Aber Deutschland gibt für wesentlich unsinnigere Dinge Geld aus. Und wir wollen doch Gleichberechtigung. Und mehr Kinder. Kinder, die später die Rentenkassen füllen. Kinder, deren Zahl zunehmen wird, wenn es Frauen und Männern leichter gemacht wird, sie gleichberechtigt großzuziehen. Wir wissen, dass glückliche Menschen produktiver sind. Und stabile Familien machen glücklich. Die Lebensarbeitszeit wird ohnehin steigen, egal was Politiker in Wahlkampfzeiten behaupten. Warum die 14 Wochen nicht am Ende draufschlagen? Davon abgesehen: Wie viel Geld kosten die Fehler, die Jung-Väter auf der Arbeit machen – nicht nur weil sie übernächtigt sind, sondern auch weil sie mit ihren Gedanken vielleicht schlicht woanders sind? Vielleicht würde die Produktivität nach einem glücklichen Vaterschutz und einer stressfrei akzeptierten Elternzeit sogar steigen.

Unabhängig von einem Vaterschutz muss das Bundeselterngeld- und Elternzeitgesetz reformiert und die Zahl der Partner-Monate auf vier erhöht werden. Das ist dann nicht mehr so ganz Alibi, tut vielleicht ein bisschen weh und, das wäre das Beste: Diejenigen, denen das zu lang ist, oder zu radikal, die lassen es einfach. Sie können ja immer noch zwei Monate Elternzeit nehmen, nur würden die dann nicht vom Staat bezahlt. Das wäre die ehrlichere Variante und würde einen Willen zur Gleichberechtigung zeigen, der nicht mit der ersten Anstrengung verpufft. Dann wird sich zeigen, wo Deutschland abseits von schönen Worten wirklich steht.

Quelle: FAZ.NET
Tatjana Heid
Redakteurin vom Dienst bei FAZ.NET.
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