Kinderwunsch-Messe in Berlin

Man macht ja alles

Von Julia Schaaf
 - 09:28
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Haltet die Energie im Unterleib!“ Die Frau mit dem Headphone und der schwarzen Leggings legt sich die Hand auf den leicht gewölbten Bauch. Sie sieht aus, als könnte sie schwanger sein, hat aber wohl einfach seit der Geburt ihres jüngsten Kindes nicht gerade eine Idealfigur. „Atmet tief ein!“, ruft sie. „Und jetzt: Denkt an eure Eierstöcke.“ Vier junge Frauen und ein Mann sitzen mit geschlossenen Augen vor ihr im Halbkreis und versuchen zu ignorieren, dass sie sich in einer gutgefüllten Messehalle befinden.

Samstag Vormittag, ein Konferenzhotel in Berlin: Nur ein Paar Schritte von dem Workshop Kinderyoga entfernt bietet ein Apothekenstand Globuli und einen Trank mit dem Namen Melissenzauber an. „Dürfen Sie gerne probieren!“, säuselt eine Dame mit kirschroten Lippen; Entspannung sei schließlich alles, wenn man schwanger werden wolle. Plüschstörche als Schlüsselanhänger. Gummibärchen in Spermienform. Auch von der Decke hängen Luftballons, die ein bisschen wie Kaulquappen aussehen.

Babymessen, Jugendmessen, Hochzeitsmessen: Längst ranken sich um die prägenden Übergänge des Lebens Veranstaltungen, die eine Mischung aus Infobörse und Tupperparty sind. Mit den „Kinderwunschtagen“ gibt es dieses Wochenende erstmals in Deutschland eine Messe für die Sehnsucht nach einem Kind. Ein britischer Veranstalter hat das erfolgreiche Konzept aus London für die hiesigen Rahmenbedingungen adaptiert. Der Markt ist jedenfalls da. Einer Studie des Bundesfamilienministeriums zufolge entscheiden sich bisher nur zehn Prozent der kinderlosen Paare mit Kinderwunsch für eine Therapie. Veranstalter Austen Hawkins gibt sich altruistisch: „Jeder, der nicht auf natürlichem Weg ein Kind haben kann, sollte so viele Informationen wie möglich haben und nicht von der Google-Lotterie abhängig sein. Unser Job ist es, zu versuchen zu helfen.“

Schon am ersten Vormittag ist die zweitägige Veranstaltung gut besucht. Mehr als 60 Zuhörer lauschen in einem der Seminarräume einem smarten Arzt aus Kopenhagen, der Torten- und Säulendiagramme an die Wand projiziert, um zu erklären, wie die Erfolgschancen einer künstlichen Befruchtung mit steigendem Alter sinken.

„Wir wünschen uns halt ein Baby“, sagt eine Mittvierzigern im orangenen Pulli, die mit ihrer Schwester durch die Gänge schlendert: Die Schwester hat keinen Partner, ihr eigener Mann ist seit einer Chemotherapie unfruchtbar. „Irgendwas wird’s ja hoffentlich geben.“ Ein lesbisches Pärchen ist aus Sachsen-Anhalt angereist. „Wir sind total glücklich“, sagt die 42 Jahre alte Wirtschaftsjuristin: Das persönliche Gespräch mit unterschiedlichen Anbietern sei hilfreicher, als die Ergebnisse einer Internetrecherche im eigenen Wohnzimmer zu sortieren. Und weil ihnen als gleichgeschlechtlichem Paar selbst in der Familie ihr Kinderwunsch abgesprochen werde – „bleibt doch lieber bei eurem Hund!“ –, gefalle ihnen auch die Offenheit, mit der alternative Formen der Familiengründung auf der Messe behandelt werden.

Die Messe rief bereits im Vorfeld Kritik auf den Plan

Ein Pärchen aus Nordrhein-Westfalen hält sich an den Händen. Sie, 34, Stiefeletten und Pferdeschwanz, er, 42, groß, dunkles Hemd. Nach der Hochzeit vor mehr als acht Jahren erkundigten sich Freunde gern, wann sich denn wohl Nachwuchs einstelle. Inzwischen fragt keiner mehr. Im Beruf läuft es gut, das Haus ist fertig, das Nest gebaut. „Wir strampeln uns seit vier Jahren ab“, sagt sie. „Es ist der absolute Horror“, sagt er. „Das Leben dreht sich nur noch darum“, sagt sie. „Es ist richtig, richtig übel“, sagt er. Vier Inseminationen. Vier künstliche Befruchtungen. Und noch immer kann ihnen keiner erklären, warum es nicht klappt. Sie ist dreimal die Woche 250 Kilometer mit dem Auto zur Akupunktur gefahren. Als Nächstes wollen sie einen Osteopathen in München konsultieren. Beim Jugendamt waren sie auch schon, Adoptionsberatung. Die Chancen sind wohl gering. Jetzt liebäugeln sie mit einer Befruchtung im Ausland, aus Kostengründen. „Man macht ja alles“, seufzt die Frau.

Das genau ist der springende Punkt, und deshalb hat die Messe schon im Vorfeld vernichtende Kritik auf den Plan gerufen, auch in der F.A.Z. Denn bei den „Kinderwunschtagen“ wird über reproduktionsmedizinische Behandlungsmethoden informiert, die in Deutschland verboten sind: Eizellspende. Anonyme Keimzellspenden. Leihmutterschaft. Eingriffe in die menschliche Fortpflanzung sind hierzulande deutlich strenger reglementiert als in vielen anderen Ländern. Aber nationale Gesetzgebung ist in Zeiten der Globalisierung nur ein bedingt scharfes Schwert. Und nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs von 2015 ist es sogar ausdrücklich erlaubt, über ausländische Angebote zu informieren.

Deshalb steht jetzt eine Ärztin mit wasserstoffblonden Locken am Infostand einer ukrainischen Klinik und sagt mit einem Engelslächeln: „Der Vorteil für die Patienten ist, dass sie alle Optionen haben.“ Ein Mann im Tweed-Sakko, der für die globale Expansion einer Klinik aus Valencia zuständig ist, begeistert sich offen für die Vorzüge der anonymen Eizellspende, von der sich in Deutschland selbst Befürworter eines modernen Fortpflanzungsmedizingesetzes distanzieren. „Warum sollte man die Identität der Spenderin kennen? Die Spenderin hat keine Rechte an diesem Kind. Es ist dein Baby!“

Jon Aizpurua, der an der Universität Freiburg Medizin studiert hat, Chefarzt der Kinderwunschklinik IVF Spain in Alicante, eines Hauptsponsors der Messe, macht nicht einmal einen Hehl daraus, dass er darauf hofft, die „deutsche Gesetzesstarre“ aufzubrechen. „Ich finde, die Kriminalisierung von Patienten, die eine Behandlung im Ausland suchen, ist ein Anachronismus, den sich eine so intelligente und aufgeklärte Gesellschaft nicht leisten kann.“

„Das ist ein Geschäft mit der Not“

Von den 130 reproduktionsmedizinischen Zentren, die nach deutschem Recht arbeiten und 2015 fast 60000 Frauen mit Methoden künstlicher Befruchtung behandelten, ist nicht einmal eine Handvoll präsent. Nach der massiven Kritik im Vorfeld hat der zuständige Bundesverband seine Teilnahme abgesagt, zwei renommierte Berliner Kliniken sprangen aus Sorge um ihr Image ab. Das Ergebnis ist eine Veranstaltung, die tut, als wäre der ausländische Standard die Norm. Als wäre alles, was machbar und möglich ist, auch wünschenswert.

Es gibt zwar Informationen zur psycho-sozialen Begleitung von Kinderwunschpaaren. Aber schon die Sozialarbeiter am Stand der Berliner Pflegekinderhilfe fühlen sich, als kämen sie von einem anderen Planeten: „Das ist ein Geschäft mit der Not“, sagt eine Beraterin mit Blick auf die Kliniken, die mit großformatigen Fotos von rosigen Babys und strahlenden Eltern dekoriert sind. Wer will, kann Kosten vergleichen: 6800 Euro für die Eizellspende in einer spanischen Klinik. 4500 Euro auf Zypern.

Warum in Deutschland nicht alles erlaubt ist, was geht, und ob und wo die Sehnsucht nach Nachwuchs eine Grenze finden sollte, fragt bei den „Kinderwunschtagen“ niemand. Peter Dabrock zum Beispiel, Theologe und Vorsitzender des Deutschen Ethikrats, ist gar nicht da. Eindringlich kann er das tiefe Bedürfnis nach Kenntnis der eigenen Abstammung schildern, das anonyme Keimzellspenden ethisch so fragwürdig macht. Wenige Sätze am Telefon reichen ihm, und es wird glasklar, warum Leihmutterschaft jenseits der Diskussionswürdigkeit ist. Aber diese Debatte ist auf der Messe nicht vorgesehen. Veranstalter Hawkins: „Ich will kein Umfeld schaffen, das potentielle Eltern stärker belastet und einschüchtert, als sie das ohnehin schon sind.“

Dabei weiß jemand wie Dabrock sehr wohl, dass er gut reden hat. Vier eigene Kinder, einfach so. Der Theologe sagt: „Dass wir so eine Messe haben, ist ein Zeichen dafür, wie ungeheuer wichtig es für viele Menschen nach wie vor ist, ein genetisch eigenes Kind zu haben.“ Nur, eine Verkaufsshow wird diesem komplexen Thema nicht gerecht.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Schaaf, Julia
Julia Schaaf
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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