Falsche Kinderfreundschaft

Spiel doch mal mit Carl Eduard

Von Ursula Kals
 - 14:11
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Der erste Tag im Kindergarten bleibt unvergessen. Die Mutter hat einen begehrten Nachrückplatz ergattert. Die Eingewöhnungsphase fällt aus, der Dreijährige kennt keinen der Hasengruppe. Abholzeit. Einsam greift der Knirps nach seinem Rucksack. Andere kaspern vergnügt in Grüppchen heran. Da hüpft eine Mutter wie aufgezogen über den Gang und juchzt: „Komm, Leo! Wir müssen das Geburtstagsgeschenk besorgen. Du freust dich doch so auf die Feier bei deinem Freund Nico.“ Uns streift ein arroganter Blick. Offenbar ist die halbe Hasengruppe bei Nico zu Gast. Nur das eigene Kind nicht. Außen vor zu sein, wenn die anderen sich besuchen, einladen und miteinander feiern, das fühlt sich nicht gut an. Der erste Tag hätte schöner enden können. Es wurde besser.

Hat mein Kind Freunde? Wenn ja, sind es genug? Und die richtigen? Fragen, die frühere Elterngenerationen wenn überhaupt nur rudimentär bewegten, scheinen heute Erfolgskriterium einer Vorzeigekindheit zu sein. Früher, da ging man raus, und irgendwer bog mit Rollschuhen um die Ecke. Spielkameraden, so nannte man das, fanden einander ohne Verabredung. Und heute? Viele Eltern arbeiten, manche Vorstadtspielplätze sind halbtags verwaist, Treffen mit Kindern werden per Whatsapp vereinbart, wegen Terminstress gerne Wochen im Voraus. Interessiert, anteilnehmend, aber auch übergriffig wird geprüft, mit wem sich Laura anfreunden soll. Scheinbar harmlose Spielplatznachmittage geraten zu Castingveranstaltungen. Mütter und überambitionierte Väter schauen sich mehr oder weniger unauffällig um, wer als adäquater Spielpartner für den Nachwuchs in Frage kommen könnte: Jacqueline mit der löchrigen Leggins und der prolligen Mutter eher nicht.

Gelassenheit statt Manipulation

Indes empfiehlt sich Leonie mit der gepflegten Ausdrucksweise und der ebenso eloquenten Mutter. Solche Leute, die passen zu uns, da sollten wir etwas anbahnen, um in die richtigen Kinderkreise vorzustoßen. Das Drama nimmt seinen Lauf, wenn das eigene Kind der derben „Jackie“ den Vorzug gibt, bei der zu Hause es literweise Limo, Kika-Gucken ohne Beschränkung und eine muttifreie Zone gibt. Mutti verzieht sich nämlich paffend auf den Balkon. Keine Frage, dass es bei Leonie im Reihenmittelhaus gediegener zugeht, das fängt bei der Bioreiswaffel an und hört beim pädagogisch wertvollen Gedächtnisspiel nicht auf. „Da mag ich nicht mehr hin, bei Jackie ist es viel lustiger“, mault Laura. Letztendlich verläuft der unerwünschte Kontakt im Sand. Dafür sorgte Jackie ganz von allein. „Die ist doof, die will immer der Bestimmer sein“, verabschiedete sich Laura von der Rolle der Unterdrückten. Heute lacht Lauras Mutter über die Episode. „Damals wurde ich nervös“, gibt sie zu.

Doch auch zwischen Laura und Leonie entwickelte sich keine Zuneigung. Manipulierte Kinderfreundschaften halten in der Regel nicht. Ohnehin scheitert die Hälfte der Freundschaften im Laufe von sieben Jahren, sagt der Berliner Psychotherapeut Wolfgang Krüger. Oft ist es auch so: Die Mütter kennen sich von der Rückbildungsgymnastik, freunden sich an und hoffen, dass es dem Nachwuchs ebenso ergeht. Psychologen sträuben sich die Nackenhaare, wenn sie von euphorisch gepriesenen Kinderfreundschaften in der Pekipgruppe hören: Wenn sich da zwei Säuglinge zueinanderrollen, hat das mit Freundschaft wenig zu tun, sondern mit Schwerkraft und Zufall.

Das gemeinsame Spielinteresse verbindet

Bei der Freundschaftsfrage hilft auf Dauer vor allem eins, was sich (über-)besorgte Eltern vergegenwärtigen sollten: Gelassenheit bewahren. Manche Bindungen, gerade unter Kindergarten- und Grundschulkindern, halten einen Sommer, aber nicht für die Ewigkeit. Kein Gedanke daran, für immer durch dick und dünn zu gehen. Grundsätzlich schadet es einem Kind keineswegs, zu erleben, wie unterschiedlich Menschen sind. Macht man die laute Jackie mies, wird sie in Augen der überbehüteten Laura erst recht interessant. In Unternehmen werden ganze Diversity-Abteilungen eingerichtet, auf Spielplätzen werden sie unterbunden. Akademisch-verkopfte Eltern wollen das Beste für ihr Kind und übersehen dabei, dass es bei Freundschaften einfach um Sympathie und unverbindliches Beschnuppern geht. Kleine Kinder finden Gleichaltrige anziehend, wenn die ebenso gerne Bobbycar fahren oder in der Puppenküche wuseln. Das gemeinsame Spielinteresse verbindet – und gut ist.

In der Hasengruppe fand sich dann ein stabiler Bautrupp unter vier Jungs. Das schweißte drei Jahre zusammen, man lud sich ein, jazzte sich beim Legobauen hoch und kam in verschiedene Grundschulklassen. Heute grüßt man einander nur noch knapp. Die Mütter waren anfangs befremdet und treffen sich weiter – ohne Kinder. Wer weiß, vielleicht finden die sich auf einer anderen Schule wieder.

Eine Frage des Temperaments und Ähnlichkeiten

Freundschaften sind auch Temperaments- und Charaktersache. Das zeigt das Beispiel von zwei Brüdern im Oberbayrischen: Der Große introvertiert, klug, zurückhaltend, tut sich mit Kontaktaufnahme schwer. Völlig anders als der Jüngere, der ist extravertiert, schlau, kommunikativ. Als Duo sind die beiden unschlagbar: Der Kleine erobert im Sturm den Spielplatz und findet flugs Buddelpartner. Was macht ihr da? Kann ich mitspielen? Kann ich mir den Bagger leihen? Der Vierjährige kann. Derweil steht der Sechsjährige verloren am Klettergerüst. „Das ist mein großer Bruder. Der baut super Türme!“, plärrt der Kleine und verschafft dem Großen die Kontakte.

Die Familie zieht von München nach Rosenheim: In der ersten Woche erhält der Jüngere drei Geburtstagseinladungen und wird auf dem Bolzplatz mit Namen begrüßt – ein Kumpeltyp, mit dem bekommt man Spaß, spüren die Kinder des Viertels rasch. Dem Großen fällt der Neuanfang schwer, in der zweiten Klasse haben sich erste Freundschaften gefestigt. Der stille Fremde wird als spröde wahrgenommen. Das erkennt die Lehrerin und setzt ihn neben einen unkomplizierten Kumpeltyp. Drei Monate später hat der Große einen verlässlichen Freund gefunden und wird ab und zu eingeladen. Zufrieden sind beide Brüder. Sie fühlen sich in ihren Welten aufgehoben. Der Kleine setzt auf Quantität, der Große auf Qualität.

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Es geht nichts über stabile, enge Freunde, die sich mit einem freuen und mit einem traurig sein können. Aber wahre Freunde fürs Leben können die meisten Menschen an einer halben Hand abzählen. Was nützen all die Facebook-Follower, wenn keiner da ist, dem man nachts das Herz ausschütten kann? Was nützen wöchentliche Geburtstagseinladungen, wenn das Kind nur Mitläufer ist, aber bei keinem Mitschüler innere Heimat findet? Denn das ist die ernüchternde Erkenntnis der Wissenschaft: Wir können eine echte Freundschaft nicht erzwingen. Die ergibt sich oder auch nicht. So wie in der Liebe gibt es eine Art Freundschaft auf den ersten Blick, meistens ähneln uns neue Freunde ein wenig, das schafft Sympathie. Das Gute: Anders als im Alter sind Heranwachsende ständig mit großen Gruppen und neuen Gesichtern in Kontakt. Also nicht verkrampft suchen, das geht meist ganz von allein.

Anschubhilfe für Schüchterne

Ein Sonderfall sind Zickenkriege, deren Regeln zu durchschauen und zu durchbrechen ist ein Kapitel für sich. Generell gilt: Töchtern möglichst früh ein gesundes Selbstvertrauen vermitteln, sich von der Meinung anderer nicht abhängig zu machen, vulgo: frechen Gören nicht die Macht über das eigene Wohlbefinden zuzugestehen.

Was aber tun, wenn ein Kind immer nur alleine in der Ecke wurschtelt? Was tun, wenn beim abendlichen Harry-Potter-Vorlesen die Augen feucht werden, weil Hermine und Ron keine Sekunde zögern, sich für Harry und gegen dunkle Mächte einzusetzen? Das sind ziemlich beste Freunde, auch wenn sie sich zwischendurch zoffen. Aber Höchstadt ist nicht Hogwarts. Und das Kind spielt zu viel allein. Oder es hat mehrfach sein Herz verschenkt, doch drei der engsten Kindergartenfreunde sind weggezogen – der Klassiker, die Eltern haben auf dem Land gebaut. Das Kind hat verinnerlicht: Wenn ich mich jemandem öffne, dann ist der bald wieder weg, das tut weh, davor verschließe ich mich.

Einmischen oder abwarten?

In solchen Fällen ist sanfte Nachhilfe geboten: Nachmittags in den Park gehen, wenn man weiß, dass da die halbe Klasse aufläuft. Vielleicht mag das Kind Tischtennis – im Verein finden sich potentielle Freunde. Dezente Anschubhilfe ist erlaubt. Gerade bei Einzelkindern, die auf diesem Terrain eher zur Zurückhaltung neigen und aus eigenem Erleben nicht wissen, dass sich Geschwister mal gewaltig in die Wolle kriegen, dann aber wieder ein Herz und eine Seele sind. Staunend starren manche Einzelkinder auf die Streithähne und versuchen zu eruieren, wie die Versöhnung abgelaufen ist. Geschwisterkinder lassen sich von solchem Geplänkel nicht erschüttern.

Was tun bei Streit zwischen Freunden, die sich aktuell nicht mehr als Freunde fühlen? Auf keinen Fall aufbauschen und sich sofort auf die Seite des eigenen Kindes stellen. Taugen wir tatsächlich als Augenzeuge samt eskalierender Vorgeschichte? Aussage steht gegen Aussage. Die Kinder sollen diese Konflikte untereinander lösen, vorausgesetzt, sie beherzigen Regeln: Hauen, Schubsen, Zerstörungsattacken, das geht alles gar nicht. So endete die Freundschaft zu Anna. Die hat einfach „nur so“ die gemeinsam errichtete Burg zertreten, sich aber als Opfer böser Bauherrn dargestellt und mit ihrer Lächeloffensive der Erzieherin Sand in die Augen gestreut. Die zwei Jungs mussten sich öffentlich entschuldigen. Das war das Aus für Anna. „Die konnte auf Anhieb weinen“, ärgert sich das Kind noch vier (!) Jahre später.

Immerhin hat der gemeinsame Ärger über Exfreundin Anna die Jungs zusammenschweißen lassen. In schlechten und in guten Tagen. Daraus ist eine Sandkastenfreundschaft fürs Grundschulleben erwachsen. Ob das BFFs werden, also Best Friends Forever? Abwarten und Saftschorle trinken. Anna hat inzwischen viermal ihre „besten“ Freundinnen gewechselt.

Quelle: F.A.S.
Ursula Kals - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Ursula Kals
Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.
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