Familie
Familienministerin im Gespräch

„Zu Hause lege ich den Schalter um“

Von Julia Schaaf und Anke Schipp
© Jens Gyarmaty, F.A.S.

Frau Ministerin, am 8. März feiert Ihre Tochter ersten Geburtstag. Sind Sie erleichtert, dass das erste Jahr geschafft ist? Oder eher wehmütig, weil es schon vorbei ist?

Beides. Bald wird Julia laufen können, darauf freue ich mich. Aber ich bin jedes Mal wehmütig, wenn ich Babysachen aussortieren muss, weil sie zu klein sind.

Nehmen Sie sich frei?

Ja, nach der Kabinettssitzung. Der 8. März ist ausgerechnet ein Mittwoch, da kann ich nicht fehlen. Danach fahre ich dann nach Hause.

Hängen Sie dann trotzdem noch viel am Handy oder stehen unter Druck, weil sich die Arbeit stapelt?

Mein Auto ist so etwas wie ein rollendes Büro. Wenn ich hier in Berlin ins Auto steige, arbeite ich bis Schwerin. Manchmal stehe ich sogar noch fünf Minuten vor der Haustür, um ein Telefonat abzuschließen oder schnell eine Unterschrift fertig zu machen. Aber mit dem Eintritt in die Wohnung lasse ich die Arbeit hinter mir. Das ist das Gute an der Arbeit in Berlin und einem Leben in Schwerin. Man hat den räumlichen Abstand.

Wie geht es Ihrem Mann nach diesem Jahr zu Hause?

Das glauben ja manche nicht, aber er lebt noch (lacht). Und er ist wehmütig, dass diese schöne Zeit schon wieder fast vorbei ist. Er versteht allerdings auch, dass viele Mütter nach so langer Zeit wieder arbeiten wollen, weil ihnen sonst die Decke auf den Kopf fällt. Mein Mann fährt einen Tag die Woche in die Firma, und ich versuche dann, Homeoffice zu machen. Egal, ob Vater oder Mutter in Elternzeit ist: Ich glaube, es ist wichtig, diesen Kontakt zu halten. Damit man trotz Auszeit nicht das Gefühl hat, völlig auf dem Abstellgleis zu sein.

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Und bei Ihnen krabbelt dann das Kind um den Schreibtisch?

Julia ist ja noch klein, so dass ich die Zeit des Mittagsschlafs nutze. Und ich konzentriere mich zu Hause vor allem auf Dinge, die ich lesen und abarbeiten muss. Gesetze. Akten. Post. Da ist man flexibler. Ich mache keine Telefonschaltungen. Und wie viele andere Eltern auch verbringe ich den Nachmittag lieber mit den Kindern und arbeite dann noch mal ein, zwei Stunden, wenn sie im Bett liegen.

Macht Ihr Mann denn zu Hause auch alles so, wie Sie es sich vorstellen? Sie gelten als perfektionistisch...

Ich bin privat total anders als in der Berufswelt. Mein beruflicher Alltag ist bestimmt davon, sehr viel auf die Reihe zu kriegen. Das erwartet man auch zu Recht von einer Ministerin. Die Verantwortung ist groß, meine Arbeit macht mir auch Spaß, ich will mich überhaupt nicht beklagen. Aber die Herausforderung ist, den beruflichen Druck nicht an die Familie weiterzugeben. Zu Hause lege ich den Schalter um, da bin ich entspannt und sehr harmoniebedürftig. Und, ganz ehrlich: Da kann auch mal die Wäsche liegen bleiben.

Eine Ministerin macht ihre Wäsche wirklich selbst?

Natürlich. Mit zwei Kindern läuft die Waschmaschine bei uns sehr oft.

Und wenn Ihr Mann dem Kind den falschen Body anzieht oder den Kartoffelbrei anders würzt, als Sie das mögen?

Väter sind keine Mütter zweiter Klasse. Sie sind genauso wichtig wie Mütter, sie haben ihren eigenen Stil und machen Dinge so, wie sie es wollen. Ich würde nie sagen: Mach es so oder so. Wenn Väter von Anfang an dabei sind, und da kann Politik ein bisschen was bewirken, wenn sie Elternzeit nehmen und sich um die Kinder kümmern, sieht man ja, dass es genauso gutgeht. Diese Partnerschaftlichkeit ist wichtig. Dazu gehört aber auch Loslassen und Lockersein.

Im Job: Schwesig mit Kanzlerin Angela Merkel und Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen.
© picture alliance / dpa, F.A.S.

Wer von Ihnen musste sich in den vergangenen zwölf Monaten häufiger dafür rechtfertigen, wie Sie sich als Paar die Arbeit in dieser ersten Zeit mit Baby aufgeteilt haben: der Vollzeitpapa oder die Karrierefrau?

Beide. Das ist ja das Typische in Deutschland: Egal, wie Sie es machen, Sie müssen sich immer erklären. Natürlich ist es noch nicht selbstverständlich, dass ein Mann länger als zwei Monate Elternzeit nimmt. Aber das dreht sich gerade. Mein Mann hat sehr viele positive Rückmeldungen von anderen Männern bekommen, die gesagt haben: Eigentlich würde ich das auch gerne machen, ich trau’ mich aber nicht. Mein Mann pflegt den Satz zu sagen: Es ist noch kein Unternehmen pleitegegangen, weil ein Mann mal in Elternzeit gegangen ist. VW hat Probleme aus anderen Gründen.

Gab es kritische Blicke und Skepsis, weil Sie so schnell wieder ins Ministerium zurückgekehrt sind?

Ich erlebe sehr viel Zuspruch. Jüngere Frauen, aber auch ältere, sagen: Toll, dass es jemand so macht. Aber gerade in den sogenannten sozialen Medien kamen aber auch Vorwürfe wie „Rabenmutter“.

Mussten Sie jemandem beweisen, dass Sie auch als Mutter eines Säuglings voll belastbar und einsatzfähig sind?

Mein Ministerium hat mich super unterstützt, das ganze Haus hatte den Ehrgeiz, zu zeigen: Das muss gehen. Ich war ja drei Monate im Mutterschutz. Als Zeit mit einem Baby ist das wenig, aber in der Politik ist das eine lange Auszeit. So lange wurde mir der Rücken freigehalten. Und natürlich ist mir bewusst, dass ich unter besonderer Beobachtung stehe. Überall passieren Fehler, auch bei mir. Aber heißt es dann, der Fehler passiert, weil sie sich auch um die Kinder kümmert? Diesen Druck kennen auch Frauen, die als Ärztin wieder einsteigen oder im Supermarkt arbeiten.

Das erste Lächeln, der erste Zahn: Gab es schmerzhafte Momente, in denen Sie das Gefühl hatten, jetzt habe ich etwas verpasst?

Man kann die wenige Zeit, die man hat, damit verbringen, dass man bereut, was man verpasst hat. Man kann sich aber auch daran freuen, was man gerade bekommt. Ich sage nicht, dass das alles easy-going wäre oder superleicht. Ich kenne auch das Gefühl der Zerrissenheit. Aber wir nutzen in der Familie unsere Zeit miteinander sehr intensiv. Und mir geht es so – wenn ich so viel Leid sehe auf der Welt und dann in diesem sicheren, guten Land lebe und zwei gesunde Kinder habe, muss man auch mal sagen, bei allem Spagat zwischen Beruf und Familie: Was für ein Glück in meinem Leben. Das ist meine Grundhaltung.

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) spricht am 20.03.2015 am Brandenburger Tor in Berlin anlässlich des "Equal Pay Day".
© dpa, F.A.S.

Schlafen Sie genug?

Nein (lacht). Das hat aber auch mit dem Job zu tun. Die Methode ist, viel zu arbeiten, wenn ich in Berlin bin, damit ich von zu Hause nicht noch so viel machen muss. Deshalb schlafe ich in Berlin generell weniger. Und zu Hause wird der Schlaf doch gelegentlich von Julia noch unterbrochen.

Wer steht dann auf?

Wenn ich arbeiten muss, mein Mann. Das wäre sonst gar nicht zu schaffen.

Klingt nach perfekter Organisation. Kommen Sie trotzdem wie die meisten Mütter manchmal an einen Punkt, an dem Sie sich überfordert fühlen und alles hinschmeißen wollen?

Ich hatte eine solche Situation vor zwei Jahren, als wir in den Hochverhandlungen zum Thema Frauenquote waren. Es war sehr schwierig und ging hart und zu Teilen unfair zur Sache. Damals gab es eine sehr wichtige Beratung. Und es war klar, wenn man nicht persönlich anwesend ist, kann so eine Sache auch schieflaufen. Genau an dem Tag wurde mein Sohn krank, es ging ihm sehr schlecht. Das war so ein Moment, wo ich dachte: Ich müsste mich jetzt eigentlich sofort ins Auto setzen und nach Hause fahren. Ich kann aber auch dieses Vorhaben nicht platzen lassen. Dann hat mir wirklich gutgetan, dass mein Mann gesagt hat: Pass auf, ich bin jetzt hier bei Julian, mach das erst einmal, und dann können wir immer noch entscheiden, ob du kommen musst.

So leicht ist es aber nicht immer, wenn vielleicht beide wichtige Termine haben...

Das stimmt. Es geht eigentlich nur, wenn beide an einem Strang ziehen und man sich gegenseitig unterstützt. Das heißt für mich auch, dass ich Termine absage, wenn mein Kind krank ist. Ich glaube, was unser Leben als Eltern auch so schwermacht, ist diese Riesenerwartung. Man will allen gerecht werden, es muss alles perfekt sein. Da würde ich mir eine größere Gelassenheit wünschen. Die kann es aber nur mit mehr gesellschaftlicher Unterstützung für Familien geben und wenn die Arbeitswelt auch familienfreundlicher würde: wenn es auf der Arbeit selbstverständlich wäre, dass man Termine absagt oder nicht ins Büro kommen kann, weil ein Kind krank ist.

© EPA, reuters

Kleine persönliche Bilanz: Vollzeitjob, Führungsposition, Säugling. Ist das eine Kombination, die Sie Frauen zur Nachahmung empfehlen würden?

Nach dem Mutterschutz Vollzeit wieder einzusteigen ist hart. Deshalb finde ich es wichtig, dass Mütter und Väter ihre Elternzeit mit Elterngeld nehmen können. Aber wenn es die Situation – wie bei mir – erfordert, dass man selber nach zwei Monaten mit dem Baby wieder voll einsteigt und der Mann in Elternzeit geht, kann man das tun. Es geht.

Als Politikerin ermutigen Sie Frauen, immer schneller mit immer mehr Stunden nach der Geburt in den Beruf zurückzukehren. Für die Wirtschaft, die Karriere und die Rente mag das großartig sein. Aber was muten Sie den Kindern zu?

Dieses Hundert-Prozent-Wiedereinsteigen, und zwar schnell und sofort, propagiere ich gar nicht. Das war in meinem Fall so. Aber politisch lege ich eher Wert auf einen Mittelweg. Man kann sich die Elternzeit teilen. Und ich bin sehr dafür, dass man nach der Elternzeit wieder einsteigt, um den Anschluss nicht zu verlieren. Das muss nicht Vollzeit sein. Was aber nicht passieren darf, ist, dass die Frauen viel zu wenige Stunden arbeiten und ungewollt in der Teilzeitfalle landen. Deshalb schlage ich die Familienarbeitszeit vor. Ich will unterstützen, dass beide sich Zeit für Familie nehmen, beide dadurch aber auch berufstätig sein können in einem Stundenumfang, der Frauen die Existenz und später eine gute Rente sichern kann.

Die schwangere Familienministerin Manuela Schwesig
© dpa, F.A.S.

Aber das ist doch utopisch.

Eine aktuelle OECD-Studie zeigt wieder, dass in keinem anderen europäischen Land Mütter so wenig arbeiten wie in Deutschland. Frauen haben aber nur eine Chance, wieder stärker in den Beruf einzusteigen, wenn sich auch Väter stärker beteiligen. Das wollen die Väter auch. Jeder zweite sagt, er würde seine Arbeitszeit gerne reduzieren. Aber in der Regel machen das Paare nicht. Die Paare rechnen sich das am Küchentisch aus. Einer will Teilzeit arbeiten. Wenn beim Einkommen des Mannes 300 Euro wegbrechen und bei der Frau „nur“ 100 Euro, weiß man, wer es macht.

Ihr Familiengeld, das einen Teil dieses Verdienstausfalls kompensieren würde, wenn beide die Stundenzahl reduzieren, gilt als nicht finanzierbar.

Das ist nicht richtig. Wir haben das durchgerechnet mit dem Deutschen Institut für Wirtschaft, das ist nicht für Sozialromantik bekannt.

Manche Frauen bleiben freiwillig ganz zu Hause oder sind überzeugt, dass ein Halbtagsjob das Maximum ist, was die Familie verkraften kann. Haben Sie diese Mütter auch im Blick?

Ja. Das ist eine freie Entscheidung. Müttern, die länger als ein Jahr zu Hause bleiben, sage ich: Das könnt ihr; aber ihr müsst wissen, dass ihr eine vertragliche Absicherung mit eurem Partner schließen müsst. Weil ich auch Frauen erlebe, die nach drei, fünf oder zwölf Jahren den beruflichen Anschluss nicht mehr finden, der Mann hat sie verlassen, dann wird nicht einmal Unterhalt gezahlt. Manche Frauen rutschen ab in Hartz IV. Die Lebensentscheidung ist privat, da würde ich mich nie einmischen. Aber Politik hat die Verantwortung, auch die Folgen aufzuzeigen. Und die Folgen der sogenannten Wahlfreiheit sind in der Vergangenheit nicht ehrlich benannt worden.

Im Moment sieht es doch so aus, dass die Männer Vollzeit weiterarbeiten und die Frauen vollzeitnah wieder einsteigen. Viele Familien bringt das an den Rand des Wahnsinns.

Genau deshalb bin ich für die Familienarbeitszeit. Es muss möglich sein, in der Zeit mit kleinen Kindern, die Arbeitszeit zu reduzieren – und zwar beide. Das alte Modell, sie bleibt zu Hause und er macht Vollzeit, ist für viele überholt. Aber Vollzeit für beide, gleich nach der Elternzeit, und das bis zur Rente mit 67 – das ist für viele zu viel. Deshalb müssen wir neue Wege gehen – und mit dem Elterngeld Plus sind wir diese ersten Schritte bereits gegangen.

Würde unter einem Kanzler Martin Schulz das Familiengeld kommen?

Ja. Das hat er ja bereits angekündigt. Die Arbeitswelt hat sich daran gewöhnt, dass die Männer immer an Bord sind und abends nie nach Hause müssen. Und dass Frauen wieder mehr berufstätig sind, nimmt man gerne mit. Wenn man aber verlangt, dass die Väter weiter rund um die Uhr verfügbar sind, muss man die Frage stellen: Wer ist eigentlich für die Kinder und die pflegebedürftigen Angehörigen da? Da zu sagen, das machen weiterhin die Frauen, aber die sollen auch noch Vollzeit berufstätig sein – das wird schiefgehen.

Wie geht es nach der Elternzeit bei Ihnen privat weiter?

Mein Mann nimmt die Elternzeit zu Ende bis Mai. Dann geht Julia in eine Krippe. Und mein Mann wird so wie vorher Teilzeit arbeiten, 35 Wochenstunden statt 40.

Das ist genau dieses anstrengende Modell der Gegenwart: einer Vollzeit, einer vollzeitnah. Knackig.

Ja, das ist viel. Aber ich bin ja auch Ministerin. So ein Amt ist nicht besonders familienfreundlich. Und mir geht es nicht darum, für mich ein Modell zu entwickeln, sondern den Familien ein Angebot zu machen.

Waren Sie als Kind selbst in einer Krippe?

Ja, schon ab neun Monaten, ganztags. Ich bin ja in Ostdeutschland groß geworden. Kindergarten, Schule, Hort: Ich bin so aufgewachsen und kann mich wirklich an keinen einzigen Moment erinnern, in dem ich das irgendwie schlimm fand.

Semi-privat: 2015 beim Bundespresseball mit ihrem Mann Stefan Schwesig.
© BrauerPhotos © Neugebauer, F.A.S.

Prägt das auch Ihre Haltung heute?

Durch die ostdeutsche Sozialisierung war es für mich selbstverständlich, dass meine Mutter und mein Vater arbeiten und sich auch Erziehung und Haushalt teilen. Auch mein Mann ist so aufgewachsen. Und natürlich ist es eine große Hilfe, dass meine Mutter und meine Schwiegermutter unterstützen, wie wir es machen – für sie ist das normal. Ich finde schlimm, wenn man dann noch im privaten Umfeld diesen Rabenmutter-Vorwurf kriegt. Ich kenne das von Freundinnen, die in Westdeutschland groß geworden sind.

Sind die meisten Kitas in Schwerin denn so, dass Sie Ihr Kind dort mit einem guten Gefühl hingeben würden? Der Betreuungsschlüssel entspricht noch lange nicht den empfohlenen Standards.

Mecklenburg-Vorpommern gehört tatsächlich zu den Ländern, die einen eher hohen Betreuungsschlüssel in der Krippe haben, 1:6.

Fachleute empfehlen einen Erzieher auf maximal drei bis vier Kinder.

Ich wünsche mir auch, dass die Gruppen kleiner werden. Wichtig ist aber auch, dass die Gruppe von einer gut ausgebildeten Erzieherin betreut wird. Wir haben in Mecklenburg-Vorpommern ein Fachkräftegebot, das heißt, in jeder Gruppe muss eine staatlich anerkannte Erzieherin sein. Für mich ist die gute Ausbildung entscheidend. Mein Sohn ging schon in diese Krippe, es sind großartige Erzieherinnen und Erzieher, und ich habe da viel Vertrauen.

Bindungsexperten warnen, mehr als sechs Stunden Krippe sind für Einjährige zu viel.

Viele Studien und die Praxis belegen, dass eine Ganztagsbetreuung für Kinder nicht schädlich ist: Gegenteilige Behauptungen werden immer wieder genutzt, um berufstätigen Müttern ein schlechtes Gewissen zu machen. Viel entscheidender ist doch, wie man die Zeit, die man hat, miteinander verbringt.

© dpa, reuters

Fehlt Ihnen Zeit für sich?

Ja, definitiv. Wenn man berufstätig ist und in der freien Zeit für die Familie da ist, für die Kinder und den Partner, bleibt nicht viel für einen selbst. Ich weiß auch, dass es Frauen gibt, die das als schwierig empfinden. Mir persönlich geht das nicht so, weil ich weiß, wie schnell die Zeit mit den Kindern vorbei ist. Bei meinem Sohn geht das schon los. Ich bin total froh, wenn ich mittwochs pünktlich zu Hause bin. Und dann stehe ich um drei Uhr da und Julian fragt: „Mama, kann ich mit Anton spielen gehen?“ Natürlich freue ich mich, dass die Jungs kicken. Aber gleichzeitig denke ich: Hallo, ich habe mich abgehetzt – und du gehst jetzt ohne mich spielen?

Von einer partnerschaftlichen Aufgabenteilung in der Familie, wie Sie sie politisch propagieren, sind Sie privat eigentlich ziemlich weit entfernt.

Dass man in diesem Amt keine 35-Stunden-Woche hat, ist klar. Ich bin schon dankbar, wenn es keine 60-Stunden-Woche ist.

Warum nehmen Sie keine „Vätermonate“ oder experimentieren mit Ihrem Elterngeld Plus, das Teilzeit für beide Eltern vorsieht? Wäre das nicht konsequent?

Ich hätte das gerne gemacht. Ich hätte gerne versucht, mir gegen Ende des ersten Lebensjahres meiner Tochter noch mal einen Monat Elternzeit herauszuschneiden. Aber ich habe als Ministerin weder Anspruch auf Mutterschutz noch auf Elternzeit. Da gelten noch alte Regeln, als man offenbar nicht davon ausgegangen ist, dass eine Ministerin Mutter werden kann. Ich würde das gerne für andere Ministerinnen und Minister ändern.

Das ist aber genau das Argument, mit dem sich auch Männer in Führungspositionen immer rausreden: In meinem Job geht das nicht, tut mir leid.

Ich denke, dass es geht. Auch in Führungspositionen sollte man Auszeiten nehmen. Das habe ich drei Monate getan. Und mein Mann zeigt mit Elternzeit und Teilzeit, dass es funktioniert.

Sie gelten als glänzende Selbstvermarkterin Ihrer Politik, was nicht immer in Verbindung mit Wertschätzung geäußert wird. Wie hart müssen Mütter in Spitzenpositionen sein?

Ich glaube, dass man unabhängig von Kindern als Frau in einer Spitzenposition ein dickes Fell braucht. Es darf nicht zu dick sein, man muss ja sensibel bleiben für konstruktive Kritik und Anliegen. Aber es ist die große Anforderung in der Politik, dass man einerseits hart genug ist, das Geschäft zu bestehen, aber dabei nicht verhärtet. Dabei hilft mir gerade die Familie, der Alltag, wo man es eher mit Elternfreunden in der Kita als mit Politik zu tun hat. Da bleibt man geerdet.

Die Fragen stellten Julia Schaaf und Anke Schipp.

Quelle: F.A.S.
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