Frankfurt

Ein Gymnasium zum Selbstgestalten

Von Matthias Trautsch, Frankfurt
 - 09:41

Am Anfang steht der Rhythmus, das Klatschen und Stampfen. Wie ein Puls wandert der Beat durch den Kreis, in dem sich Schüler und Lehrerin aufgestellt haben. Dann kommt die Haltung: Aufrecht sollte man stehen, aber trotzdem locker, sagt ein Junge. „Wie eine Marionette“, fügt ein anderer hinzu. Und ein Mädchen ergänzt: „Schultern nach hinten, die Füße fest auf dem Boden.“ So vorbereitet, beginnen die Fünftklässler mit den Gesangsübungen, bei denen jeder Ton mit einem Handzeichen einhergeht.

Dass in einer Klasse je Jahrgang das Singen besonders gefördert wird, unter anderem mit professioneller Stimmbildung, ist eine der Besonderheiten des Gymnasiums Nord. Vor anderthalb Jahren wurde es in der Siedlung Westhausen eröffnet, es gehört zu den vielen Neugründungen, mit denen die Stadt dem Wachstum der Schülerzahlen Rechnung trägt. Das „Nord“ im Namen ist irreführend, befindet sich die Holzmodulanlage doch im Frankfurter Westen. Es ist jedoch nur ein vorübergehender Standort, der endgültige – noch nicht gefundene – soll in den nördlichen Stadtteilen liegen.

„Wir wollen Demokratie lernen und auch leben“

Die Gesangsklasse sei in gewisser Weise typisch, sagt Direktor Michael Haas. Sie sei aus der Mitte der Schulgemeinde heraus, auf Wunsch von Eltern, Lehrern und Schülern, entstanden. „Bei uns entwickelt sich gerade ein musikalischer Schwerpunkt, ohne dass das so geplant war.“ Mit gerade einmal zwei Jahrgängen könne das Gymnasium schon einen ziemlich großen und leistungsfähigen Chor vorweisen.

Die weiteren Schwerpunkte sind bilinguales Lernen, also Fachunterricht auf Englisch, Mathematik und Naturwissenschaften sowie Gesellschaft. Am Ende der Stufe sechs können sich die Schüler für eine dieser Profilklassen entscheiden. Wichtig seien aber nicht nur die fachlichen Schwerpunkte, sagt Haas. „Wir wollen Demokratie lernen und auch leben.“ Die Schüler träfen sich zum Beispiel einmal wöchentlich zum Klassenrat, die ganze Schulgemeinde erarbeite momentan ein Regelwerk für das tägliche Miteinander.

„Man spürt den Aufbruch bei uns“, sagt Haas. Solch weitreichende Möglichkeiten, sich an der Schulentwicklung zu beteiligen, das pädagogische Profil, aber auch die Atmosphäre mitzugestalten, bestünden nur an einer neuen Schule, meint er. Dass der Siebenundvierzigjährige so gerne über die Vorzüge der Anfangsjahre spricht, hat seine Gründe. Denn bei der Schulwahl vertrauen die meisten Eltern erst einmal auf das Bewährte, also auf Bildungsstätten, die es seit Generationen gibt, auf die sie vielleicht selbst gegangen sind, die ein eingespieltes Kollegium und gewachsene Strukturen haben.

Akzeptanz liegt auch an der Holzmodulbauweise

Es ist also trotz der hohen Nachfrage nach Gymnasialplätzen alles andere als selbstverständlich, dass eine Neugründung ankommt – insbesondere dann, wenn sie ein provisorisches Gebäude hat und der endgültige Standort unklar ist. Das Gymnasium Nied, das inzwischen Adorno-Gymnasium heißt, hat unter diesen Handicaps gelitten, wobei mit dem inzwischen absehbaren Umzug an den Westend-Campus eine Lösung greifbar scheint.

Auch das Gymnasium Nord war im Eröffnungsjahr wenig gefragt, schon zu diesem Schuljahr gaben aber so viele Eltern die Schule als Erstwunsch an, dass es für vier fünfte Klassen ausreichte, weitere drei wurden mit Kindern gebildet, die andernorts keinen Platz bekommen hatten. Dass die Schule Akzeptanz findet, liegt auch an der Holzmodulbauweise: Die Gebäude haben nichts mit Containern gemeinsam, sie sind sogar funktioneller und freundlicher als viele herkömmliche Steinbauten. In den nächsten Jahren sollen auf dem im Grünen gelegenen Grundstück noch weitere Gebäude entstehen, darunter eine Mensa und eine Sporthalle.

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Den Nachteil, dass noch kein endgültiger Standort im Norden gefunden ist, mildert die Stadt durch Schulbuslinien ab, die zwischen den nördlichen Stadtteilen und Westhausen verkehren. Haas ist dafür dankbar: Dass die Schüler nicht gezwungen seien, mit öffentlichen Verkehrsmitteln unter mehrmaligem Umsteigen quer durch die Stadt zu fahren, sei eine enorme Entlastung. „Und den Eltern gibt es Sicherheit.“ Ein Aspekt, den die Stadt für die nächsten Schulgründungen im Auge haben sollte. Denn die stehen kurz bevor: Nach den Sommerferien eröffnet ein Gymnasium am Römerhof und eine Integrierte Gesamtschule in Unterliederbach.

Quelle: F.A.Z.
Matthias Trautsch
Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.
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