Gender-Diskussion an Fasching

Nie mehr Prinzessin?

Von Anke Schipp
 - 08:44
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Na? Auch noch auf der Suche nach einem Faschingskostüm für die Kinder? Einfach mal bei Amazon „Kinderkostüm Jungen“ eingeben. Als Erstes der mehr als 3000 Kostüme wird ein Polizistenkostüm angezeigt, „inklusive Handschellen und Schlagstock, um Bankräuber und andere Schurken festzunehmen (kinderfreundliche Handschellen aus Kunststoff, Öffnen ohne Schlüssel möglich)“. Angebot Nummer zwei: ein S.W.A.T. Officer, die amerikanische Version eines SEK-Beamten, schwarz und komplett vermummt. Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch ein schwarzes Maschinengewehr mit Licht- und Soundeffekten, einen Helm mit beweglichem Visier und eine schusssichere Weste. Weiter im Angebot: Star-Wars-Figur, Pirat, Ritter, Ninja, Dämon, Harry Potter, Soldat.

Sie haben eine Tochter? www.amazon.de, „Faschingskostüm Mädchen“: Eiskönigin, Bauchtänzerin, Prinzessin, Cheerleaderin, Elfe, Cowgirl. Es gibt auch eine Polizistin, aber sie trägt keine schusssichere Weste, sondern ein kurzes schwarzes Röckchen. Es gibt 50 000 Polizistinnen in Deutschland, die allesamt Hosen tragen, aber an Fasching wird die Figur zum Püppchen degradiert.

Nirgends sonst ist die Kinderwelt so eindeutig in Geschlechter eingeteilt wie zu Faschingszeiten. Selbst kleine Mädchen, die im Alltag meistens Hosen tragen und zu Hause „Feuerwehrmann Sam“ gucken, wollen im rosa Rüschenkleid zum Kinderkarneval. Umgekehrt ist das selten der Fall, und wenn doch, ist es gleich so spektakulär, dass es in den sozialen Netzwerken Aufsehen erregt. Wie bei dem dreijährigen Caiden aus Virginia, der sich vor gut zwei Jahren zu Halloween als Eiskönigin verkleidete. Sein Vater postete davon ein Foto auf Facebook und schrieb: „Bleibt ihr bei eurem maskulinen Mist und den ordinären Kinderkostümen. An Halloween geht es aber um Kinder, die sich als ihre Lieblingsfiguren verkleiden. Und diese Woche ist seine eine Prinzessin.“ Der Beitrag wurde binnen weniger Tage über 25 000 Mal geteilt, englischsprachige Fernsehsender und Zeitungen von MTV bis hin zur „Daily Mail“ berichteten über den Jungen.

Kostümierung vorgeben?

Die Realität in einem vierköpfigen Haushalt sieht so aus. Ich frage gegen Ende Januar meine Tochter, 6 Jahre: „Als was willst du gehen?“ „Ich weiß noch nicht. Prinzessin oder Eiskönigin.“ – „Du kannst doch auch als was anderes gehen. Fliegenpilz vielleicht.“ Meine Tochter denkt gerne über die Vorschläge ihrer Mutter nach. Das muss man ihr zugute- halten. Aber meistens macht sie dann doch, was sie will. Und sie will nun mal Prinzessin sein.

Ist das schlimm? Muss man es ändern? Will man es ändern? Kann man es ändern?

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Von Trump bis Steam PunkDie Trendkostüme im Karneval

Sicher, man könnte die Dinge auch nicht einfach nur laufenlassen und es so machen wie bei Süßigkeiten: Um der Verführung zu entgehen, kauft man sie erst gar nicht. Wenn das Kind sagt: „Ich will Prinzessin werden!“, sagt man einfach, „Nein, wir haben kein Prinzessinnenkostüm, nimm das Drachenkostüm von deinem großen Bruder, das muss reichen.“ Gut möglich, dass es dann zum Faschingsboykott kommt.

Jungskostüme haben bei Mädchen keine Chance

Oder man liest dem Kind das Buch „Jonas wird Prinzessin“ vor. In der Geschichte will ein Junge als Prinzessin gehen, die Mutter rät davon ab, weil er gehänselt werden könnte. Doch dann tauscht Jonas im Kindergarten sein Kostüm mit seiner Zwillingsschwester, tritt als Prinzessin auf und die anderen lachen. Aber es wird doch noch alles gut, weil Basti, der coole Praktikant, Jonas’ Kostüm super findet und sich selbst als Pippi Langstrumpf verkleidet hat.

Es ist nur so: Jonas wollte ein Mädchenkostüm tragen, meine Tochter will aber partout kein Jungskostüm anziehen.

Habe ich etwas falsch gemacht?

An Fasching herrscht Narrenfreiheit

Natürlich schauen sich Kinder das meiste von anderen Kindern ab und nicht von ihrer Mutter. Meine Töchter haben mich niemals im Prinzessinnenkleid gesehen, allenfalls im kleinen Schwarzen. Aber sie sehen die größeren Mädchen im Kindergarten Prinzessinnenkleider tragen, sie lesen Märchen, in denen Prinzessinnen vorkommen, sie sehen Filme wie „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ und „Die Eiskönigin“. Natürlich sehen sie auch andere Filme, aber zu Fasching gehen sie trotzdem nicht als „Pettersson und Findus“ oder „Paddington“.

Aber ist das wirklich so schlimm? Fasching ist immerhin eine Zeit, in der man sich seit jeher in jemanden verwandeln kann, der man gerne sein würde, mitunter in das Gegenteil von einem selbst. Schon mit dem Aufsetzen einer Perücke erreicht man ein Stück Freiheit, das es einem ermöglicht, anders zu gehen, anders zu sprechen, anders zu agieren.

Karneval ist der kontrollierte Ausbruch aus der Vernunft. Auch Kinder probieren sich aus: Jungs werden als Ritter plötzlich mutig, Mädchen spielen im langen Kleid feine Dame. Es ist natürlich schön, wenn sie auch da mal die Klischees verlassen und Pippi Langstrumpf werden, die eindeutig ein Mädchen, aber eben so stark und mutig ist, wie man es sonst nur Jungen zuschreibt. An Fasching herrscht ein Stück Narrenfreiheit. Und diese Freiheit zu beschränken ist mindestens humorlos.

Mit Platzpatronen Luft ablassen

In den achtziger Jahren gab es noch keine Gender-Diskussion, aber Eltern waren damals beunruhigt, wenn ihre Söhne als Cowboy gingen, aber nur, weil sie es blöd fanden, dass diese mit einer Spielzeugpistole rote Zündplättchen knallen ließen. Dass Kinder mit Waffen spielen, galt in friedensbewegten Zeiten als pädagogisches No-Go. Sind diese Kinder alle gewalttätig geworden? Nein, sie sind Ärzte, Handwerker, BWLer geworden. Und wenn sie doch kriminell wurden, dann sicher nicht, weil sie mal mit einer Spielzeugpistole hantierten. Das Faschingstreiben hat sie offenbar nicht nachhaltig geprägt. Man könnte eher sagen, sie haben als Cowboy mit Pistole einfach mal Luft abgelassen.

Entwicklungspsychologen sagen, es sei wichtig, dass Kinder sich durch Verkleiden in jemand anderes verwandeln, nur so könne man sich in andere Menschen einfühlen. Eine Studie der Universität Wuppertal fand auch heraus: Kinder tolerieren eher abweichendes Verhalten, wenn sie einmal „typisch“ Junge und „typisch“ Mädchen sein konnten.

Rosa ist schon nicht mehr angesagt

Grundsätzlich sollte man Kinder natürlich immer ermutigen, mal gegen den Strom zu schwimmen. Alle Mädchen gehen als Prinzessin? „Ist doch langweilig, denk dir doch mal was anderes aus“, könnte man erwidern. Und wenn sie es trotzdem nicht tun, ist es auch nicht schlimm, die Prinzessinnenjahre gehen garantiert vorbei, schließlich ist Rosa plötzlich eine „voll peinliche Babyfarbe“.

Bei meiner älteren Tochter war die Prinzessinnenphase abrupt beendet, als sie mit acht Jahren auf die Frage, als was sie gehen wolle, ziemlich trocken antwortete: „als Wassertropfen“. Tatsächlich zog sie sich eine blaue Perücke aus unserem Fundus an, bemalte ihr Gesicht mit blauen Tupfen und trug dazu ein weißes T-Shirt und weiße Hose. Das schöne am Wassertropfen-Kostüm: Es ist garantiert geschlechtsneutral.

Kinderfasching

Das Spiel mit den Geschlechtern gehört zum Fasching wie Luftschlangen und „Helau“. Es gibt das klassische Männerballett; andersherum sind es Frauen, die als Funkenmariechen männliche Uniformen tragen, wenngleich in ziemlich knappen Röckchen.

Prinzessin ist man nicht von Geburt an: Mit zweieinhalb verstehen Kinder, welchem Geschlecht sie angehören. Ab diesem Zeitpunkt beginnen sie, sich der Norm entsprechend zu verhalten, sagen Entwicklungspsychologen.

Nicht nur bei Kindern, auch bei Erwachsenen sind die Lieblingskostüme stereotyp. 57 Prozent der Frauen gehen am liebsten als Prinzessin oder Hexe. Bei Männern ist es nicht ganz so eindeutig: 29 Prozent gehen als Vampir oder Zauberer, 28 Prozent wählen Berufe (Polizist, Pilot, Matrose), 24 Prozent Pirat, und 22 Prozent wollen ein Superheld sein.

1,9 Millionen Kinderkostüme werden jährlich gekauft. Bei den Erwachsenen sind es 2,34 Millionen.

Quelle: F.A.S.
Anke Schipp
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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