Partnerwahl

„Lieber keine sexy Überflieger“

Von Anna-Lena Ripperger
 - 19:12

Als Soziologin beschäftigen Sie sich schon lange mit Geschlechterverhältnissen. Warum können Männer und Frauen bei der Verteilung der Haus- und Familienarbeit nicht aus ihrer Haut?

Das ist natürlich die allumfassende Frage. Aber auf die gibt es leider keine einfache Antwort. Ein wichtiger Grund dafür, dass viele Frauen immer noch den größeren Teil dieser Aufgaben übernehmen, ist sicherlich, dass deren Verteilung innerhalb einer Liebesbeziehung stattfindet. Und in der wollen Frauen nicht die ganze Zeit fordern, aufrechnen oder gar Putzpläne aufstellen. Schließlich leben sie ja nicht in einer WG, sondern zusammen mit einem Menschen, den sie lieben.

Und deshalb nehmen Frauen hin, dass sie häufiger putzen, einkaufen oder die Kinder zum Ballett fahren?

Was bei modernen Paaren zählt, ist oft die empfundene Gleichheit, nicht die tatsächliche. Beide Partner haben sich irgendwann darauf verständigt, eine gleichberechtigte Partnerschaft zu führen, in der sie sich den Haushalt teilen. Aber weil viele Frauen schon früh verinnerlicht haben, dass sie für den Haushalt zuständig sind oder die Verantwortung für Kinder und ältere Familienmitglieder tragen, übernehmen sie zu Beginn der Partnerschaft oft automatisch einen größeren Anteil. Und dann bilden sich Routinen – über die sich die Frauen und Männer oft selbst täuschen.

Wie tun die Paare das?

Viele teilen die Hausarbeit zum Beispiel in feine und grobe Tätigkeiten ein. Diese Aufteilung beschreibt in der Praxis aber eher die Häufigkeit als die Art der jeweiligen Aufgaben. Die Frau, die für die vermeintlich feinen Tätigkeiten zuständig ist, kümmert sich dann faktisch um alles, was ständig anfällt, während der Mann, der für das Grobe verantwortlich ist, sich nur punktuell einbringen muss, bei größeren Aktionen wie dem Frühjahrsputz vor Ostern, dem Bügelmarathon oder dem Großeinkauf.

So hat jeder das Gefühl, seinen Beitrag zu leisten …

… obwohl das auf höchst unterschiedliche Weise geschieht, genau. Das ist die Illusion der Gleichberechtigung, der viele Paare erliegen. Oft sind Frauen auch schon zufrieden, wenn sie von ihren Männern symbolische Gesten der Unterstützung bekommen, wenn sie mit den Kindern am Wochenende eine Radtour machen oder den Abwasch übernehmen. Das alles trägt dazu bei, dass die tatsächliche Ungleichheit lange verdeckt bleibt.

Haben vor allem Männer ein Interesse daran, dass sich an ihrer komfortablen Situation nichts ändert?

Das würde ich so nicht sagen. Auch Frauen tragen viel dazu bei, dass sich eine bestimmte Art der Aufgabenverteilung zementiert. Das rechtfertigen sie dann zum Teil damit, dass sie einfach höhere Ansprüche an Sauberkeit und Ordnung hätten als ihr Partner. Dabei ist das kein Naturgesetz, sondern hat viel mit der eigenen Identität zu tun und der Frage, welche Rolle dabei der häusliche Bereich spielt. Das sehe ich auch in meiner eigenen Beziehung. Eine perfekt gepflegte Wohnung ist für mich nicht so wichtig, wahrscheinlich, weil meine Arbeit so stark im Vordergrund steht. Wenn mein Partner, der eine eigene Wohnung hat, dann bei mir durch die Tür kommt, hält er das „Chaos“ manchmal kaum aus und schnappt sich erst einmal einen Staubsauger.

In Ihren Studien haben Sie festgestellt, dass die vermeintlich weibliche Zuständigkeit für Haushalt und Familie selbst dann noch fortbesteht, wenn die Frau der Haupternährer der Familie ist, nicht der Mann.

Das hat auch viel mit dem gesellschaftlichen Umfeld zu tun. Wenn der Mann, der jetzt vor allem Hausmann ist, vergisst, das Kind von der Kita abzuholen, rufen die Erzieher trotzdem zuerst bei der Mutter an. Die ist vielleicht gerade in einer Arbeitsbesprechung, fühlt sich dann aber trotzdem verpflichtet, so schnell wie möglich zur Kita zu fahren. Männer haben da oft eine viel größere Nonchalance – und auf ihnen lastet auch nicht so viel gesellschaftlicher Druck. Frauen müssen viel eher den Vorwurf fürchten, sie seien Rabenmütter oder hätten ihren Haushalt nicht im Griff.

Was raten Sie Frauen auf dem Weg, die eine gleichberechtigtere Partnerschaft tatsächlich umsetzen möchten?

Gelassenheit zu entwickeln gegenüber den Anforderungen, die von außen kommen. Sich zu denken: „Ihr spinnt doch alle, ich mache mir wegen eurem Ideal von einer guten Mutter keinen Druck.“ Außerdem sollten Frauen sich gerade am Anfang von Beziehungen zurückhalten und nicht direkt zu viele Bereiche des häuslichen Lebens besetzen – diese Routinen lassen sich später nur schwer wieder ablegen. Das gilt auch für die Kinderziehung.

Wie meinen Sie das?

Sobald sie eine Familie gründen, stellen Paare oft ganz formale Regeln auf: Du nimmst den ersten Part der Elternzeit, ich später den zweiten. So besteht die Illusion der Gleichberechtigung fort. Aber tatsächlich ist es so, dass die Frau sich in der ersten Zeit den ganzen Tag um das Kind kümmert beziehungsweise kümmern muss. Viele Männer sind dann, wenn sie in Elternzeit gehen, aber nicht ganz und gar für Haushalt und Familie da, sondern nutzen die Zeit zum Beispiel auch, um ihre Dissertation fertig zuschreiben oder ein anderes Projekt zu beenden. Hinzukommt, dass Frauen schon längst bestimmte Routinen entwickelt haben, bis der Mann Kind und Haushalt übernimmt. Sie haben ihre Zuständigkeit verinnerlicht. Deshalb kann ich Paaren, die sich mit Familienplanung beschäftigen, nur sagen: Wehret den Anfängen, wenn ihr es mit der Gleichberechtigung ernst meint – und hinterfragt eure Partnerwahl.

Was hat die Gleichberechtigung mit der Partnerwahl zu tun?

Untersuchungen zur Partnersuche über Onlineportale zeigen, dass Frauen Männer suchen, die ihnen bei der Bildung und dem sozioökonomischen Status mindestens ebenbürtig sind. Dafür sind sie bereit, beim Aussehen Abstriche zu machen. Bei Männern ist es umgekehrt. Ihnen ist die Attraktivität der Frauen wichtiger. Wenn die stimmt, dürfen Bildungsgrad und sozioökonomischer Status der Frauen sowohl unter als auch über ihrem liegen.

Hat das mit dem Wunsch der Frauen zu, finanziell abgesichert zu sein, eine Art Versorgungspartnerschaft einzugehen?

Der Mechanismus ist viel subtiler. Unser gesamtes gesellschaftliches Umfeld ist so mit der hegemonialen Vorstellung von Männlichkeit durchtränkt – von der eines gebildeten, mächtigen, starken Mannes –, dass Frauen es sexy finden, wenn Männer etwas auf die Beine stellen und beruflich erfolgreich sind. Und deshalb nehmen sie es später auch hin, wenn ihre großartigen Männer, sich erst mal selbst verwirklichen müssen, bevor sie sich um Haushalt und Kindern kümmern können. Deshalb sollten sich Frauen schon bei der Partnerwahl fragen: Muss ich denn wirklich immer diese sexy Überflieger haben, die im Zweifelsfall eher an beruflicher Selbstverwirklichung interessiert sind als am Staubsaugen?

Cornelia Koppetsch ist Professorin für Soziologie an der TU Darmstadt. Ihre Forschungsschwerpunkte sind neben Geschlechterverhältnissen und Familie auch soziale Ungleichheiten und der Wandel von Identität, Arbeit und Beruf. Zusammen mit Sarah Speck veröffentlichte sie ihre Studien zu den Geschlechterrollen in Paarbeziehungen 2015 in dem Buch „Wenn der Mann kein Ernährer mehr ist“.

Quelle: FAZ.NET
Anna-Lena Ripperger
Redakteurin in der Politik.
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