Kinderbuch „Bo sieht Gespenster“

Uns kriegen keine hundert Geister hier weg

Von Fridtjof Küchemann
 - 11:58

Für Bos Vater ist die Sache klar: Das alte Haus neben dem Friedhof ist wirklich ein super Ort, um sich ein neues Leben aufzubauen. Der Junge selbst hat allerdings Zweifel. So unsympathisch die Frau, die sie am ersten Tag durch diese Bruchbude geführt hat, auch ist: Damit, dass man hier nicht tot über dem Zaun hängen möchte, hat sie schon irgendwie recht.

In einem Punkt allerdings muss man auch dem Vater recht geben, so oft er sich in Harmen van Straatens neuem Kinderbuch „Bo sieht Gespenster“ auch vertut: Frau Gruselpudding, wie Bo die seltsame Dame wegen ihres bei jedem Wort wabbelnden Doppelkinns für sich nennt, will die beiden so schnell wie möglich vergraulen. Doch mit dem Spuken hat nicht nur sie ihre Sorgen.

Erst ist es der Vater, der noch für die seltsamsten Vorkommnisse natürlich Erklärungen findet und zugleich feststellt, dass nicht einmal hundert Gespenster die beiden aus dem Haus verjagen könnten. Dann erfährt Bo, von wem all das Knarzen und Klappern, das Stöhnen und Flüstern, die Zeichen, die Fallen und Überfälle kommen: Von gerade einmal zwei Dutzend Gespenstern, die übriggeblieben sind, als vor vierhundert Jahren ein alchemistisch veranlagter Onkel versehentlich das Schloss in die Luft jagte, das hier einmal gestanden hatte.

Tagsüber passt die Gesellschaft, so gelangweilt und streitsüchtig sie nach all der Zeit auch ist, in einen alten Koffer auf dem Dachboden. Nachts sorgt sie dafür, dass wenigstens das Haus – das steht, wo einst das Schloss stand, neben dem Friedhof, auf dem ihre Gebeine liegen, deren Existenz ihnen das Gespensterdasein überhaupt nur ermöglicht – wieder n.f.U. wird: „nur für Unseresgleichen“.

Adrian heißt ein Gespensterjunge, der nicht nur genau so alt zu sein scheint wie Bo, sondern dem Jungen auch zum Verwechseln ähnlich sieht. Er ist es, auf dessen Konto die meisten Streiche gehen, die Bo angelastet werden, bis der Vater beschließt, doch wieder wegzuziehen, die Umgebung habe einen schlechten Einfluss auf seinen Sohn. Adrian ist es auch, der schließlich die Freundschaft des Menschenkindes sucht – und mit ihm gemeinsam die Puzzleteile einer Geschichte zusammensetzt, die, bloß weil sie begriffen wurde, noch lange nicht gelöst ist: Auch Frau Gruselpudding weiß von dem einstigen Schloss – und vermutet in dessen Kellerräumen unter dem Friedhof einen Schatz. Zwei Komplizen sollen Vater und Sohn verjagen. Schaffen sie es, haben nicht etwa auch die Gespenster ihr Ziel erreicht. Vielmehr fürchten sie, dass es ihnen ergeht wie einst der Stöhnenden Louise oder Schnorre Schnorr, als deren Gräber auf dem Friedhof geräumt wurden: Die Gespenster haben sich in Rauch aufgelöst.

Jetzt, davon können Bo und Adrian die entsetzte Schlossgesellschaft überzeugen, müssen sie alles daran setzen, den Vater von seinen Auszugsplänen abzuhalten. Und das ist doppelt viel verlangt: Zum einen müssen sie sich selbst jeden Spuk verkneifen. Zum anderen ist es auch noch eine Ehrensache. In den Worten von Graf Geifergeist: „Wie tief sind wir gesunken, dass wir die Hilfe eines Jungen brauchen, der sich noch nicht einmal vor Gespenstern fürchtet!“

Gut, dass der niederländische Kinderbuchautor Harmen van Straaten, Jahrgang 1958, für diese Geschichte, in der sich echte und falsche Gespenster, wechelseitige Missverständnisse und muntere Seitenwechsel in den Wünschen der Figuren abwechseln, einen so klaren, einfachen Ton gewählt hat. Seine eigenen, entfernt an Quentin Blake erinnernden Zeichnungen geben der Geschichte um Bo und Adrian dazu eine Verspieltheit und Leichtigkeit, die man im Text aller Situationskomik zum Trotz nicht zwangsläufig finden muss.

Bis der Gespensterjunge seinem lebenden Doppelgänger nämlich die Freundschaft vorschlägt, ist Bo in einer unangenehmen Lage: Seine Mutter hat die Familie verlassen, der Vater ist mit ihm in eine Gegend gezogen, in der Bo keine Freunde hat, dafür ein munter wachsende Schar an Feinden und Widersachern, bei denen sich der Vater auch noch für vermeintliche Streiche des Sohnes entschuldigen zu müssen glaubt. Und als der Vater schließlich in letzter Sekunde doch noch begreift, was Frau Gruselpudding wirklich plant, wird zwar alles gut, aber längst nicht allen alles klar: Von den Gespenstern nämlich weiß er auch am Ende der Geschichte noch nichts. Die wiederum feiern, dass sie nicht mehr fürchten müssen, in Rauch aufzugehen, lieber auf dem Friedhof statt unterm Dach. Um die Nachtruhe des Ahnungslosen nicht zu stören.

Quelle: F.A.Z.
Fridtjof Küchemann
Redakteur im Feuilleton.
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