Kindertheater „Starke Stücke“

Herrlich, Sand auf der Bühne!

Von Eva-Maria Magel
 - 12:09

„Haben da zwei Länder gegeneinander gekämpft oder die Leute von einem Land?“ will ein Junge wissen. Für Akim, den kleinen Jungen, der um sein Leben läuft, ist das ziemlich egal. Das haben die Grundschulkinder im Kinderhaus Nied sofort verstanden, als sie die ersten Bilder von „Akim rennt“ sahen. Das Buch der Belgierin Claude K. Dubois kommt fast ohne Worte aus, wie die Compagnie Toit Végétal aus Velbert im Ruhrgebiet, jedenfalls während der halben Stunde, in der sie, live mit einer Kamera auf ein karges Brett projiziert, Dubois’ Bilder bewegt. Schlicht in den Mitteln, dicht in der Wirkung.

Wo die Erwachsenen in den hinteren Reihen sich verstohlen eine Träne abwischen, schweifen die Blicke der Kinder zwischen der Projektionsfläche und dem Tisch von Lisa Balzer und Sarah Mehlfeld, die Blatt für Blatt Akims Geschichte auslegen, mal mit schwarzem Krepppapier das Feuer nach den Bombardierungen, mit Wasserflaschen die Reise über das Meer inszenieren, live begleitet von Jörg Buttler, dessen Gitarre Flugzeugdonner ebenso spüren lassen kann wie Kinderlieder.

Interessierte Fragen der Kinder

„Akim rennt“, eines der meistgebuchten Stücke des diesjährigen Festivals „Starke Stücke“, ist tatsächlich ein „starkes Stück“, das merkt man an der Ruhe im Saal und an den interessierten, aber nicht verschreckten Fragen der Kinder im Anschluss. Das ist nicht bei allen Produktionen so, schlägt doch die künstlerische Leitung des Theaterfestivals für Junges Publikum vor, was dann die Veranstalter selbst entscheiden und buchen – von Frankfurt bis Aschaffenburg. Ein bewährtes Verfahren auch bei der 24. Festivalausgabe.

Mit am häufigsten gespielt wird auch der ungewöhnlich neu und witzig erzählte „Froschkönig“ vom Berliner Theater Urknall, der an beinahe jedem Festivaltag kreuz und quer durch die Region gespielt wird. Wer also, wie viele Zuschauer an diesem Wochenende, nur noch das Schild „Ausverkauft“ lesen konnte, kann bei zahlreichen Stücken noch bis zum 12. März an einem anderen Ort zum Zug kommen. Schließlich ist das Festival eine Gelegenheit, neues und anderes Theater zu sehen, das mit „jungem Publikum“ durchaus auch die Erwachsenen meint.

Sandhaufen zum Wühle

„Akim rennt“ kommt, wie viele diesjährige Stücke, bis auf den anschließenden Gesprächsteil ohne Sprache aus. Auch bei „Sandscape“ ist das so, einem Stück der jungen Compagnie Kininso Koncepts aus Lagos, Nigeria. Zusammen mit dem Helios Theater aus Hamm haben die Theatermacher ihr „rhythmisches Spiel mit jeder Menge Sand“ konzipiert, das sich Zeit lässt und gleichzeitig mit seiner Frische und Gewitztheit schon die Jüngsten in den Bann der goldenen Sandkrümel zieht. Bis am Ende alle, auch das Publikum, zu singen und tanzen beginnen.

Denn ein Sandhaufen zum Wühlen auf der Bühne – dieser Verlockung kann kaum ein Kind widerstehen. Joshua Alabi, der Regisseur, war 2015/16 Teilnehmer des ersten „Next generation workspace“ des Festivals, das versucht, mit diesem und anderen Projekten Nachhaltigkeit in der Theaterausbildung und in der Theaterpädagogik auszubauen. Ihre Kurse können Schulen und Kitas auch buchen, wenn das Festival längst vorbei ist – Vorbereitung für die nächsten „Starken Stücke“.

„Starke Stücke“ endet am 12. März, Informationen zum Programm im Internet unter www.starke-stuecke.net.

Quelle: F.A.Z.
Eva-Maria Magel
Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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