Frankfurter Museen

Kein Kind soll ausgeschlossen werden

Von Hans Riebsamen, Frankfurt
 - 14:30

Folge der orangen Spur – so lautet die erste Aufforderung an junge Besucher der Sammler- und Stifter-Ausstellung im Historischen Museum. Eine Gruppe von Kindern, die dieser Spur gestern folgte, fand in der Barckhaus-Abteilung einen orangen Kasten mit vielen kleinen Objekten auf dem Deckel. Hier lautete der Auftrag: Sortiere nach Form. Ritsch, ratsch verschoben die Kinder die Objekte und brachten zum Beispiel den Mini-Globus, den Apfel und die Diskokugel in eine Reihenfolge der runden Dinge. Anders hat es Catharina von Barckhaus im 18. Jahrhundert auch nicht gemacht, als sie ihre Schätze in ihrem barocken Kunstkammerschrank ordnete, der jetzt im Historischen Museum steht.

Gestern sind auch zwei Erwachsene der Kinderspur in der Sammler- und Stifter-Abteilung gefolgt: Oberbürgermeister Peter Feldmann und Kulturdezernentin Ina Hartwig (beide SPD). Die beiden Politiker wollten natürlich nicht das Ordnen nach Kategorien üben, sondern sich vielmehr davon überzeugen, dass ihr Konzept „Kultur für alle“ funktioniert. Das hat vor einem halben Jahrhundert ein Vorgänger Hartwigs, der legendäre Kulturdezernent Hilmar Hoffmann, erfunden, doch vollständig in die Tat umgesetzt ist es noch immer nicht. Nach wie vor beißen sich die Kulturpolitiker die Zähne an den bildungsfernen Familien aus. Migrantenfamilien, zum Beispiel, schicken ihre Kinder eher selten ins Museum.

Wo die Nachfrage schon anzieht

Das jedoch soll sich jetzt ändern durch einen freien Eintritt in die städtischen Museen für alle im Alter bis 18 Jahre. Die von der Stadtregierung eingeführte Regelung gilt seit dem 1. Januar in zahlreichen Museen in der Stadt. „Kein Kind soll ausgeschlossen werden“, sagte Feldmann gestern und begründete diesen Entschluss mit der „Bildungsgerechtigkeit“ auch für kulturferne Familien. Ob der Wegfall des Eintrittsgeldes für Kinder und Jugendliche zu einem Ansturm auf die Ausstellungen geführt hat, lässt sich im Augenblick noch nicht seriös sagen, denn es liegen noch keine Zahlen vor. Die Reaktion bei Eltern und Lehrern sei aber „extrem positiv“, sagt Kulturdezernentin Hartwig. Für besonders wichtig hält sie es, dass nun Schulklassen umsonst ins Museum gehen könnten.

Im Kindermuseum jedenfalls merkt man schon nach zwei Monaten freiem Eintritt, dass die Nachfrage von Klassen angezogen hat, wie Museumleiterin Susanne Gesser berichtete. Sie wird mit ihrem Kindermuseum, das künftig Junges Museum heißen wird, im November von der Hauptwache in die Altbauten des Historischen Museums zurückkehren. Den Namenswechsel begründet sie damit, dass Kinder sich oft nicht mehr als Kinder, sondern schon als Jugendliche fühlten. Nicht nur mit dem Jungen Museum setzt das Historische Museum auf junge Besucher. Es will auch über eine „Familienspur“ Heranwachsende in die Dauerausstellung über die Frankfurter Stadtgeschichte locken, die am 18. Oktober zusammen mit dem neuen Ausstellungshaus eröffnet wird. Eltern sollen mit ihren Kindern kommen, der Opa mit seinen Enkeln, die Tante mit ihren Nichten, sagt Gesser.

Wer sich den freien Eintritt nicht leisten kann

Das ist ganz im Sinne des Oberbürgermeisters, der auf Museumspädagogik und spezielle Programme setzt, um Kinder aus allen Bevölkerungsschichten in die Museen zu holen. Allerdings können sich wichtige Museen wie Senckenberg, Städel oder das Filmmuseum, die keine städtischen Einrichtungen sind, den freien Eintritt für Jugendliche nicht leisten, weil ihnen niemand den Einnahmeausfall ersetzt. Leiden diese Häuser jetzt darunter, dass sie weiterhin Eintritt verlangen, verlieren sie dadurch junge Besucher? Bisher offenbar nicht. Weder Filmmuseum noch Senckenberg oder Städel vermelden einen Rückgang der Gästezahlen. Auch verzeichnen sie keine Verärgerung bei den Besuchern darüber, dass sie im Gegensatz zu den anderen weiterhin Eintrittsgeld erheben.

Ihr Haus würde jedoch sofort kostenlosen Zutritt gewähren, wenn die Stadt die Einnahmeausfälle ersetzte, sagt Frauke Hass vom Filmmuseum. Axel Braun vom Städel weist darauf hin, dass Kinder und Jugendliche ohnehin selten allein in das Kunstmuseum oder das Liebieghaus kämen, sondern meistens in einer Gruppe oder mit Eltern. Für diese gestalte sich der Eintritt ohnehin bereits günstig, weil sie entweder ein Klassenticket oder ein Familienticket kaufen könnten.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Riebsamen, Hans (rieb.)
Hans Riebsamen
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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