Geschlechterforschung

„Väter wollen heute mehr vom Kind mitkriegen“

Von Marlene Grunert
 - 21:02

Frau Villa, Mütter und Väter teilen sich berufliche und familiäre Aufgaben heute häufiger als früher. Welche Folgen hat das für die Familie?

Wenn diese Aufteilung stattfindet, führt das zu einer Pluralisierung von Rollen und einer Entgeschlechtlichung vieler Tätigkeiten. Damit ist nicht die Abschaffung des Geschlechts gemeint. Aber es steht nicht mehr qua Gebärmutter oder Penis fest, welche Tätigkeiten für wen überhaupt in Frage kommen. Die Entgeschlechtlichung betrifft ganz unterschiedliche Ebenen – die berufliche wie die private, bis hin zu Fragen der Kleiderwahl. Die am Geschlecht orientierte Vorstrukturierung von Aufgaben in Familien besteht ja darin, dass es selbstverständlich heißt: „Papa ist für dies, Mama für das zuständig.“ Wenn das wegfällt, dann wird die Familie offener. Kinder lernen, dass alle Geschlechter alles können, soweit es körperlich geht.

Wie hat sich die Vaterrolle verändert?

Wenn man es empirisch genau nimmt, muss man sagen: So viel hat sich nicht verändert. Junge Männer wollen es häufig anders machen als ihre eigenen Väter. Das ist in Westdeutschland ein ziemlich durchgängiges Motiv. Sie wollen aktiver in der Vaterrolle sein, mehr mitkriegen vom Kind und liebevoller sein, als sie es selbst erlebt haben. Sie wollen den Kindern mehr ein Gefährte als eine respekt- oder gar angsteinflößende Autorität sein. Werdende Väter sind auch stark an einer egalitären Teilung von Freud und Leid des Sich-Kümmerns orientiert. Einerseits.

Und andererseits?

Wenn es dann real wird, also das Kind geboren ist und etwa die Entscheidung ansteht, weniger im Beruf zu arbeiten, dann beobachten wir eine starke Retraditionalisierung. Selbst die Väter und Mütter, die es sich anders vorgestellt haben, fallen häufig in Muster zurück, die sie eigentlich nicht wollten. Ein verbreitetes Phänomen ist dann die Behauptung, dieser Vorgang habe nichts mit Geschlecht, Gesellschaftsstrukturen oder Rollenbildern zu tun. Die Rede ist von einer „bewussten Entscheidung, weil es so für uns das beste war“. Und das stimmt ja auch – die Entscheidung war sicher authentisch und individuell. Das ökonomische Kalkül stützt oft noch die bekannte Rolle des Vaters als Ernährer und der Mutter als Kümmernde. Dabei werden die institutionellen Mechanismen übersehen, die eine traditionelle westdeutsche Form nach wie vor begünstigen.

Worin bestehen die Unterschiede zwischen Ost und West?

Das ostdeutsche Elternmodell sah vor, dass beide – Vater und Mutter – gleichermaßen erwerbstätig waren, während in Westdeutschland das bürgerliche Ernährerprinzip normativ und empirisch dominant war. Unterschiede bestanden in West- und Ostdeutschland vor allem in Bezug auf die Mütter, wobei sie auch in der DDR das Gros der Care-Tätigkeiten und Hausarbeit übernommen haben. Die Vaterrolle war dort insofern nicht so anders als im Westen.

Machen sich die Unterschiede heute noch bemerkbar?

Die Erwerbsquote von Müttern in Ostdeutschland ist noch immer deutlich höher als im Westen, und die Infrastruktur für Kinderbetreuung ist im Osten stärker ausgebaut. Sachsen hat etwa eine Hortplatzgarantie für Grundschulkinder. Insgesamt ist die kulturelle Selbstverständlichkeit von Müttern in Erwerbsarbeit in Ostdeutschland nach wie vor deutlicher als im Westen, wo für Mütter stärker ein Entweder-Oder gilt.

Sie sagen, dass sich die Vaterrolle weniger geändert hat, als gemeinhin angenommen wird. Woran machen Sie das fest?

Deskriptiv-statistische Untersuchungen nehmen etwa in den Blick, wie viel Elternzeit Väter nehmen, in welchen Monaten nach der Geburt und in welcher Jahreszeit. Skandinavische Studien zeigten, dass Väter dort vor allem in den Sommermonaten Elternzeit nahmen, wenn die Familie in den Urlaub fährt. Das hat sich aber auch dort geändert. Auch in Deutschland ist es nicht unüblich, während der Elternzeit des Vaters zu reisen, anstatt einen Alltag zu etablieren. Über die statistischen Untersuchungen hinaus finden in der Forschung vielfach Gespräche mit jungen Vätern statt, in denen es etwa um diese Fragen geht: Wie ist der Tagesablauf, wer holt das Kind von der Krippe ab, wer steht nachts auf, wie organisiert ihr eure Freizeit?

Sind Väter heute emotionaler?

Das Idealbild von Männlichkeit hat sich verändert. Zu einem positiven Bild von Männlichkeit gehört immer mehr auch Fürsorgefähigkeit. Es ist nicht mehr automatisch unmännlich, sich zu einem Kind hinabzubeugen, sich auf Augenhöhe zu begeben. Es geht nicht mehr nur darum, ein Kind zu haben, das gut gedeiht, sondern auch darum, gerührt zu sein, wenn das Kind sich eine Schramme holt oder wenn es Angst vor Monstern unterm Bett hat. Das kann man auch daran sehen, wie eine Figur wie Mark Zuckerberg als Vater von zwei Kindern in die Öffentlichkeit tritt. Dass das strategischen Zwecken folgt – geschenkt! Figuren wie er oder Barack Obama verkörpern einen neuen Mann, der auch mal weint. Zu einer guten Vaterschaft gehört es jedenfalls nicht mehr nur, gutes Geld nach Hause zu bringen, einen Schlag in den Nacken für die Disziplin zu geben und Naturwissenschaften zu pauken.

Spielt der Vaterfür Kinder deshalb heute eine wichtigere Rolle?

Wenn ich an Romane, Sachbücher oder historische Quellen denke, dann ist die Vaterfigur für Kinder auch historisch, mindestens in der Moderne, ganz wichtig gewesen, die Anerkennung durch ihn, die Auseinandersetzung mit ihm. Der Vater verkörpert gesellschaftliche Normen. Heute ist das sicher anders, könnte man trivialerweise sagen: Der Vater ist heute auch ein Individuum mit Emotionen und Bindungen. Dass er wichtiger ist, glaube ich aber nicht.

Wie wirken sich die Veränderungen auf das Verhältnis zwischen den Geschlechtern aus?

Die meist undramatische alltägliche Auseinandersetzung zwischen den Partnern wird essentiell, das bekommen auch die Kinder mit. Wenn es eine geteilte Elternschaft geben soll, müssen sich die Partner darüber einigen, wer gerade mehr Zeit hat, den Müll runterzubringen oder zum Elternabend zu gehen. Diese Verhandlungen sind bisweilen anstrengend, aber sie bedeuten erst mal eine große Freiheit. Und auch eine Lust!

Wie neu sind die neuen Väter eigentlich?

Sie begleiten mich, seitdem ich 1988/89 angefangen habe zu studieren. Dass die Debatte bis heute andauert, zeigt, dass sich langsamer etwas tut, als man meint. Das liegt auch daran, dass es nicht allein um individuelle Entscheidungen geht, sondern strukturelle berufliche oder ökonomische Fragen entscheidend sind. Auch habituelle Muster, derer sich Eltern nicht bewusst sind, spielen eine große Rolle.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
Autorenporträt / Grunert, Marlene
Marlene Grunert
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