Familie
Jugendlicher Leichtsinn

Der Reiz des Unbekannten

Von Stefanie Hense
© dpa, F.A.Z.

„No risk, no fun“ – für manche Jugendliche ist das nicht nur ein Spruch, sondern ein Lebensmotto, das bis zu rücksichtslosem Fahrverhalten, Komasaufen und Rauschgiftkonsum führen kann. Versicherungsmathematiker wissen das. Aber wissenschaftliche Erkenntnisse über den Zusammenhang von Risikoverhalten und Spaß bei Jugendlichen gab es bislang kaum. Forscher des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung (MPIB) sind dem jetzt nachgegangen. Für ihre Studie, die in den „Scientific Reports“ erschienen ist, konfrontierten sie 105 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von acht bis 22 Jahren mit Glücksspielen, bei denen ein Geldbetrag zu gewinnen war. Dabei mussten sich die Teilnehmer für oder gegen eine bestimmte Spielvariante entscheiden, ohne dass sie alle notwendigen Informationen darüber gehabt hätten.

Die Forscher des MPIB bestätigten, dass Jugendliche sich bereitwilliger als Kinder und Erwachsene in Situationen mit ungewissem Ausgang begeben. Sie verharrten auch freiwillig länger in der Ungewissheit als unbedingt nötig. An Informationen, die sie dazu bringen könnten, ihre Entscheidung zu überdenken und gegebenenfalls zu korrigieren, hätten die Jugendlichen dann kein Interesse, so die Wissenschaftler – auch nicht, wenn sie sich informieren könnten, wie riskant eine Entscheidung wäre und wie wahrscheinlich ein negatives oder gar schädliches Ergebnis.

„Besondere Haltung gegenüber dem Unbekannten“

„Wir haben beobachtet, dass Jugendliche eine besondere Haltung gegenüber dem Unbekannten haben“, sagt der Erstautor der Studie, Wouter van den Bos, „also gegenüber Situationen, deren Auswirkung sie nicht kennen.“

Wenn Heranwachsende beispielsweise vor die Wahl gestellt würden, sich in einem Glücksspiel lieber für einen kleinen, aber sicheren Gewinn oder für einen höheren Gewinn zu entscheiden, der unter Umständen aber ganz ausbleibt, entschieden sie sich häufiger als Kinder und junge Erwachsene für die Variante, bei der ihr Gewinn nicht sicher war – auch wenn sie nicht wussten, wie groß oder klein die Gewinnwahrscheinlichkeit war. Selbst wenn sie durch Probe-Entscheidungen zunächst ausprobieren konnten, wie wahrscheinlich in einer vorher festgelegten Verteilung ein Treffer sein würde, machten sie von dieser Möglichkeit nur wenig Gebrauch.

Jugendlichen fehlt es an Motivation

„Unsere Experimente zeigen: Jugendliche sind einfach weniger motiviert, sich über die Wahrscheinlichkeit der Ereignisse zu informieren, die ihr Verhalten nach sich zieht“, sagt van den Bos. „Das liegt aber nicht etwa daran, dass die Jugendlichen kognitiv noch nicht in der Lage wären, sich mit den Konsequenzen ihrer Entscheidungen auseinanderzusetzen. Vielmehr suchen sie neue und intensive Erfahrungen und probieren sich aus.“

Laut den MPIB-Forschern fehlt vielen Jugendlichen die Motivation, von sich aus nach Informationen über die Auswirkungen ihrer Entschlüsse zu suchen, und zwar auch dann, wenn dieses Wissen vorhanden und leicht zugänglich ist. Das ist nicht nur in den Labors der Bildungsforschung, sondern auch in der Realität zu beobachten – wenn etwa gut gemeinte Informationskampagnen ins Leere laufen, obwohl sie Jugendliche über bestimmte Risiken aufklären sollen wie über Folgen von Alkoholmissbrauch oder Rauschgiftkonsum.

„Wer Jugendliche wirklich erreichen möchte, muss diese Erkenntnis in den Entwurf von Interventionen einfließen lassen“, sagt Ralph Hertwig, Direktor am MPIB und Koautor der Studie. Er verweist darauf, dass viele Informationskampagnen nicht den gewünschten Erfolg haben. „Wir müssen daher über neue Arten der Risikokommunikation nachdenken. So könnte man Jugendlichen die Konsequenzen des eigenen Verhaltens mit Hilfe realistischer Computer-Simulationen erfahrbar machen.“

Quelle: F.A.Z.
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