„Ehe für alle“

Wer wie mit wem?

Von Christian Geyer
 - 09:34

Zum Überschnappen besteht kein Anlass. Weder bei den Befürwortern noch bei den Gegnern der jetzt „Ehe für alle“ genannten Homo-Ehe. So kann niemand wissen, welche Einstellungen genau sich hinter den knapp achtzig Prozent der Deutschen verbergen, die laut Umfragen die „Ehe für alle“ befürworten.

Wird hier mit der institutionellen Aufwertung homosexueller Partnerschaften auch die Überzeugung von der Gleichrangigkeit von homo- und heterosexueller Geschlechtsliebe zu Protokoll gegeben? Oder ist es doch nur eine Haltung mehr oder weniger gönnerhafter Toleranz, die dahinter hervorlugt, ein Erdulden und Ertragen des Devianten?

Versteckte Vorbehalte gegen Homosexuelle

Mit anderen Worten: Es ist durchaus unklar, ob eine Etablierung der „Ehe für alle“ eine entstigmatisierende Wirkung für den Kern des Konflikts, nämlich für die gleichgeschlechtliche Liebe bewirkt oder im Gegenteil von dieser zentralen kulturellen Frage ablenkt und sie bloß administrativ-gesetzgeberisch überdeckt (eine Frage der Wirkungsforschung, wenn man so will, deren Ergebnisse freilich für sich genommen noch nicht gegen diese Ehe sprächen). Wie viele der befragten Deutschen mögen die „Ehe für alle“ befürworten und dabei trotzdem auf die eine oder andere Weise den tief in unserer Kultur verankerten Naturvorbehalt gegen die Homosexualität teilen?

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Der Naturvorbehalt unterscheidet die naturgemäße von der naturwidrigen Sexualität dergestalt, dass der kulturelle Charakter jedweder Geschlechtlichkeit undurchschaut bleibt. Trotz aller „Gender“-Hysterie, die mit fragwürdigen Methoden in die Grundschulklassen dringt, ist unser Alltag durchsetzt von biologistischen Stereotypen, von einem geheimen oder offenen Naserümpfen gegen die „Anormalen“. Schulhofwitze gegen die Schwulen sind bei weitem nicht das einzige Symptom. Wenn es gegen Schwule geht, lassen auch ältere Weicheier den Machismo raushängen.

Angebliche Naturgesetzlichkeiten sind schlechte Argumente

Diesem Ressentiment sollten nun auch nicht die Gegner der „Ehe für alle“ Vorschub leisten, indem sie ihrerseits überschnappen angesichts der parteipolitisch motivierten Eile im Parlament, welche in der Tat etwas Verstörendes hat. Die anthropologische Gegebenheit von Mann und Frau führt ja nicht selten auch bei reflektierten Kritikern der „Ehe für alle“ zu biologistischen Kurzschlüssen, was die „Natürlichkeit“ oder „Unnatürlichkeit“ von Sexualität angeht.

Statt harte juristische Fragen ins Feld zu führen, wie sie derzeit ja auch zu Recht debattiert werden – bräuchten wir für das geplante neue, heute zur Abstimmung stehende Gesetz eine Grundgesetzänderung oder nicht? –, werden mitunter dubiose Naturgesetzlichkeiten bemüht: sei es, dass man aus dem Sein von Mann und Frau das exklusive Sollen der Heterosexualität ableitet – als könnten sich aus der Zweiheit der Geschlechter nicht auch die Verbindungen Frau und Frau sowie Mann und Mann ergeben; sei es, dass man allein aus der natürlichen Kinderlosigkeit homosexueller Paare deren Eheunfähigkeit folgert – als blieben nicht auch heterosexuelle Ehen kinderlos, wie das Bundesverfassungsgericht anmerkte, um die kulturelle Deutungsabhängigkeit jeder biologischen Empirie in Erinnerung zu rufen.

Biologie ist menschlich bestimmt

Schon Immanuel Kant vertrat die Ansicht, dass „der Zweck der Natur in der Beiwohnung der Geschlechter einzig die Fortpflanzung, d.i. die Erhaltung der Art“ sei, und meinte aus dieser Prämisse folgern zu dürfen, dass der „naturwidrige Gebrauch seiner Geschlechtseigenschaft eine die Sittlichkeit im höchsten Grad widerstreitende Verletzung der Pflicht wider sich selbst sei, in dem Maße, dass selbst die Nennung eines solchen Lasters bei seinem eigenen Namen für unsittlich gehalten wird“. Noch heute hält Putin es mit Kant, wenn er den Straftatbestand der homosexuellen Propaganda hochhält.

Was der zivilisatorische Vordenker Kant wie die vulgären Naturrechtler von heute verkennen: Die Biologie des Menschen ist eine genuin menschliche Biologie und bleibt eben darin kulturell bestimmt. Normalitätsvorstellungen sind gerade kein Naturprodukt, können es bei der in Hetero- und Homosexualität ausdifferenzierten menschlichen Biologie auch gar nicht sein, sondern bleiben eminent deutungsabhängig. In diesem Sinne trifft zu: Die Kultur und nicht die Biologie bestimmt unsere Sexualität – was kulturellen Eigensinn in sexualibus herausfordert und nicht etwa verbietet.

Kirchen und Staat gehen auseinander

Das gilt zumal für die Religionen und deren Ehekonzeptionen. So kann der Münchener Kardinal Reinhard Marx einerseits bedauern, dass nun „die christliche Auffassung von Ehe und das staatliche Konzept weiter auseinandergehen“. Ja, er kann aus seiner Sicht sogar von einer staatlichen Pflichtvergessenheit sprechen. Andererseits hindert eine staatliche „Ehe für alle“ niemanden, ein anderes, eigenes Eheverständnis dagegenzusetzen.

Niemand verlangt staatlicherseits von Kardinal Marx, das Ehesakrament gleichgeschlechtlich „zu öffnen“. Solchen Öffnungsphantasien könnten wohl nur die Kirchen selbst verfallen in ihrem Furor, alles Sakrale gesamtgesellschaftlich plausibilisieren zu wollen. Sollte die „Ehe für alle“ eine weitere Entzerrung von Staat und Kirche zur Folge haben, wäre auch dies kein Grund zum Überschnappen.

Quelle: F.A.Z.
Christian Geyer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Geyer-Hindemith
Redakteur im Feuilleton.
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