Leben in der Großfamilie

Alle unter einem Dach

Von Judith Lembke
 - 11:12

Dieses Jahr ist das Weihnachtsfest bei Familie Schröder anders abgelaufen als sonst, und das haben die Berliner auch den rasant gestiegenen Hauspreisen zu verdanken. Zum ersten Mal haben die vierzehn Mitglieder der erweiterten Großfamilie am ersten Weihnachtsfeiertag bei Tochter Johanna und ihrer Familie im zweiten Stock gefrühstückt, nachdem sie sich wie üblich Heiligabend bei ihren Eltern Klaus und Clara im Erdgeschoss versammelt hatten. Zusammenzuziehen hatten weder die jungen Schröders noch die Eltern im Sinn – bis sich Johanna und ihr Mann Paul auf die Suche nach einem bezahlbaren Haus in Berlin-Charlottenburg begaben.

Dort, am Rande des Grunewalds, ist Johanna aufgewachsen, dort wohnen ihre Eltern, und dort wollte sie mit Mann und ihren zwei kleinen Söhnen auch wieder hinziehen, weil der jungen Familie das Leben in Berlin Mitte zu trubelig geworden war. Doch die Häuser oder Wohnungen, die ihnen gefielen, konnten sich die beiden Wissenschaftler nicht leisten. Von jeder Besichtigung kehrten sie frustriert zurück. „Da hatten Klaus und ich die Idee, dass wir unser Haus teilen könnten“, erzählt Clara. Schließlich biete das freistehende Haus mit Keller, ausgebautem Dach und einem großen Garten doch Platz genug für alle. „Das wollen die beiden nie“, prophezeite Klaus. Er lag falsch.

Die Rückkehr aufs Dorf – ein Scheitern?

Johanna und Paul Schröder waren nicht nur angetan von der Aussicht auf ein neues altes Zuhause im Grünen – ihnen gefiel auch die Vorstellung, näher bei Johannas Eltern zu wohnen, die sie ohnehin im Alltag mit den kleinen Kindern unterstützten. Eine Architektin schlug vor, das Haus in der Mitte zu teilen: Johanna und Paul bauten sich das Dachgeschoss aus, wo jetzt ihr Wohnzimmer, die Küche und der Hauswirtschaftsraum liegen. Im ersten Stock befinden sich die Schlafzimmer der jungen Familie. Klaus und Clara schlafen nun im ausgebauten Keller und bewohnen das Erdgeschoss. Über das Treppenhaus sind beide Wohneinheiten separat zu begehen – die Großfamilie wohnt unter einem Dach, aber nicht in einem Haushalt.

Den Umbau haben Johanna und Paul finanziert, zudem zahlen sie Miete. Trotzdem hatte Paul am Anfang ein schlechtes Gewissen, dass seine Schwiegereltern jetzt im Keller schlafen müssen. „Ich weiß, wie sehr Clara ihr helles Zimmer im ersten Stock geliebt hat. Die beiden haben schon ein großes Opfer dafür gebracht, dass wir jetzt so schön wohnen dürfen“, sagt er. Clara Schröder sieht das ganz anders: „Der erste Stock fehlt mir kein bisschen. Im Gegenteil freue ich mich, dass die Räume endlich wieder mit Leben gefüllt sind und sinnvoll genutzt werden“, beteuert die ehemalige Ärztin. „Ich bin glücklich, dass mein Enkel jetzt in meinem Lieblingsraum sein Kinderzimmer hat.“ Jeden Morgen das Getrappel der Kinderfüße zu hören, ihre Enkel aufwachsen zu sehen und die junge Familie bei der Kinderbetreuung unterstützen zu können, sei viel mehr wert als der verlorene Raum. „Mein Luxus ist jetzt nicht mehr der Platz, sondern die Nähe“, sagt die Großmutter.

In ganz Deutschland rücken die Familien wieder enger zusammen. Das bestätigt auch eine Befragung des Allensbach-Instituts. „Wir beobachten seit sieben Jahren eine Zunahme der Mehrgenerationen-Haushalte, vor allem im städtischen Umfeld“, heißt es von dem Forschungsinstitut. Gaben 2010 nur fünf Prozent der Befragten an, mit wenigstens drei Generationen zusammenzuleben, waren es 2017 schon sieben Prozent. Auch wohnen deutlich mehr junge Familien in direkter Nachbarschaft der Eltern – oder wie die Schröders sogar unter einem Dach – als allgemein angenommen. „Die gegenseitige Unterstützung der Generationen ist nach wie vor beträchtlich“, heißt es, und dass fast 90 Prozent der Mütter und Väter mit minderjährigen Kindern damit rechnen, dass die Familie in einer schwierigen Situation hilft. Auch diese Zahl ist in den vergangenen Jahren gestiegen.

Für die Stuttgarter Wohnsoziologin Christine Hannemann ist die neue Nähe auch eine Folge der hohen Wohnkosten, vor allem in den Städten. „Wer auf dem Markt eine Wohnung sucht, verschlechtert sich fast immer. Deshalb versucht man eher, innerhalb der Familie eine Lösung zu finden, zum Beispiel durch Wohnungstausch“, sagt Hannemann. Dadurch lebten jahrhundertealte Traditionen des Zusammenlebens unter einem Dach oder auf einem Grundstück auch in den Metropolen wieder auf.

Ein „seelenloses Neubaugebiet“ im Speckgürtel

Auch Jan Schrader wird entgegen seiner eigentlichen Pläne im nächsten Jahr wieder seine Eltern als Nachbarn haben. Mit seiner schwangeren Frau und den beiden Kleinen zieht der Ökonom aus einer gemieteten Dreizimmer-Altbauwohnung im Frankfurter Zentrum nach Gambach, ein Dorf in der Nähe von Gießen. Seine Eltern haben ihm dort ein großes Grundstück überschrieben, auf dem die junge Familie gerade ein Haus baut. Eigentlich wären sie lieber in der Großstadt geblieben und hätten sich dort eine Wohnung gekauft, „aber die Preise werden immer höher, selbst eine Vierzimmerwohnung in einem schönen Viertel kostet mindestens 700.000 Euro“, sagt Schrader.

In ein „seelenloses Neubaugebiet“ im Speckgürtel zu ziehen, konnten sich die Schraders nicht vorstellen – dann wollten sie schon lieber dorthin zurück, wo Jan aufgewachsen ist und die Natur ebenso nah ist wie die Eltern, die bei der Betreuung der bald drei kleinen Kinder helfen wollen. „Für die Kinder ist es das Beste“, ist Jan überzeugt. Er und seine Frau Veronica, die aus Ecuador stammt, haben jedoch lange mit sich gerungen, das lebendige Frankfurter Altbauquartier gegen die dörfliche Ruhe einzutauschen. „Am Anfang hat sich die Rückkehr aufs Dorf ein bisschen wie Scheitern angefühlt“, gibt Jan Schrader zu. Schließlich sei er derjenige von den vier Brüdern gewesen, den es immer am weitesten in die Ferne gezogen hat – erst zum Studium nach Heidelberg und dann nach Lateinamerika, wohin er auch jetzt für seinen Job als Projektleiter in der Entwicklungsfinanzierung noch regelmäßig reist.

Lebensstile der Generationen haben sich angeglichen

Die engen Beziehungen in die Ferne waren auch ein wichtiger Grund dafür, dass sich die Schraders am Ende doch für die Provinz entschieden haben. Schließlich gibt es in dem großen Haus bald genügend Platz, um Veronicas Familie auch einmal für längere Zeit aufzunehmen. Von der räumlichen Nähe zu Jan Schraders Eltern erhofft sich das arbeitende Paar Entlastung im Alltag. „Die Großeltern freuen sich auf mehr Zeit mit den Enkeln. Und wenn sie älter werden, können wir ihnen unter die Arme greifen“, plant der Finanzfachmann.

In dem Trend zur verstärkten Berufstätigkeit von Frauen sehen Wissenschaftler eine weitere Ursache dafür, dass sich die Generationen wieder näherkommen. Die Unterstützung durch die Großeltern ist heute oftmals vonnöten, da immer mehr Mütter relativ kleiner Kinder an den Arbeitsplatz zurückkehren. Die meisten jungen Familien haben ein besseres Gefühl dabei, wenn ihre eigenen Eltern auf die Kleinen aufpassen als Familienfremde. Auch der demographische Wandel spielt eine Rolle: Die heutige Großelterngeneration ist so fit, langlebig, mobil und wohlhabend wie keine zuvor.

Ein zusätzlicher Grund für die neue Lust auf Nähe ist, dass sich die Lebensstile der Generationen angeglichen haben. „Die Beziehungen der jungen Erwachsenen zu ihren eigenen Eltern ist heute viel weniger konfliktbeladen als früher“, sagt Soziologin Hannemann. Zudem hätten die neuen Großeltern verstanden, dass sie ihre Lebensentwürfe nicht einfach auf die Jüngeren übertragen dürften. „Intimität auf Abstand“ nennen Altersforscher das Rezept für ein harmonisches Verhältnis zwischen den Generationen. Besonders gut klappe das Zusammenleben deshalb auch bei Familien, denen es gelinge, eine äußere Freiheit bei innerer Verbundenheit zu wahren: ein Zustand, in dem sich jeder im Notfall aufeinander verlassen kann, man den anderen aber nicht mit Ansprüchen überfrachtet.

Die Schröders in Berlin leben nach diesem Prinzip. Die Türen stehen jederzeit offen, keine Generation ist der anderen aber zu etwas verpflichtet. Dazu gehört auch, dass Johanna und Paul die Großeltern nicht an festen Tagen als Babysitter einspannen. „Unsere Kinder sollen einfach zu Oma und Opa gehen, wenn es gerade passt, und umgekehrt“, sagt Johanna.

Intimität auf Abstand

Auch Albrecht und Gabriele Korsch haben sich ausbedungen, nicht auf regelmäßige Betreuungsdienste festgelegt zu werden, bevor sie mit ihrer Tochter Maja samt Familie in ein Mehrgenerationen-Wohnprojekt in Bochum gezogen sind. Und auch in diesem Fall war das abermalige Zusammenleben der Eltern mit ihrer erwachsenen Tochter eher dem Zufall geschuldet. Zunächst waren Albrecht und Gabriele nur auf der Suche nach einem neuen Zuhause. „Wir konnten in unserem alten Haus nicht bleiben, weil es nicht altersgerecht ist“, erzählt der Fünfundsiebzigjährige. Die Jugendstilvilla im Bergischen Land sei zwar wunderschön gewesen, hatte aber einfach zu viele Treppen. Deshalb begab sich das Paar auf die Suche nach einer neuen Immobilie in Köln, wo beide studiert hatten und immer noch viele Freunde wohnen. „Wir haben aber nicht das Passende gefunden, und es wurde auch immer teurer“, berichtet der Arzt im Ruhestand von der frustrierenden Suche.

Da fragte Tochter Maja, die in Bochum mit Mann und ihren beiden Kinder wohnt, ob ihre Eltern nicht mit in das Wohnprojekt ziehen wollen, dass sie und ihr Mann gerade mit anderen Parteien planten: sieben Familien auf dem Grundstück einer alten Fabrikantenvilla samt Ziegelei, die zum Teil in den sanierten Altbauten und zum Teil in Neubauten leben würden. „Am Anfang waren wir skeptisch“, gibt Albrecht Korsch zu. Als eine andere Partei absprang, stiegen sie ein, planten aber, ihren Neubau zu vermieten. „Doch dann haben wir uns in das Projekt und die Gruppe verliebt und auch in die Idee, wieder Tür an Tür mit unserer Tochter, ihrem Mann und den Enkeln zu wohnen“, erzählt er.

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Seit etwas mehr als einem Jahr wohnen die drei Generationen nun wieder Tür an Tür. Konflikte gibt es bisher keine. „Meine Eltern machen ihr Ding, und wir machen unseres“, sagt Tochter Maja. Trotzdem treffe man sich beinahe täglich, vor allem, seitdem Maja wieder in Elternzeit ist. Meistens spontan auf einen Kaffee am Morgen oder ein Glas Wein am Abend, am Wochenende kochen die Großeltern häufig mehr, damit Kinder und Enkel mitessen können. „Für uns ist es eine große Hilfe, wenn unsere Kinder einfach nach nebenan gehen können, wenn wir Termine haben“, berichtet Maja.

„Dafür hat Adam unseren Weihnachtsbaum geschleppt“, sagt Albrecht. Er empfindet es als „großes Geschenk“, dass die Enkelin auf dem Weg zum Kindergarten noch einmal vorbeikommt, um sich einen Abschiedskuss von Oma und Opa abzuholen. Überhaupt habe es viel Spaß gemacht, im Alter noch einmal neu zu starten, noch einmal ein eigenes Haus nach den gewandelten Bedürfnissen zu planen. „Und die Gesellschaft der Jungen hält uns auch jung.“

Hätte er sich in derselben Situation vorstellen können, wieder mit seinen Eltern zusammenzuziehen? Da muss Albrecht Korsch nicht lange überlegen. „Das wäre undenkbar gewesen“, sagt der Ruheständler. „Unsere Generation ist viel toleranter als die meiner Eltern. Wir versuchen, unsere erwachsenen Kinder eher so sein zu lassen, wie sie sind“, findet er. Aber auch: „Die jungen Leute sind auch nicht mehr so kompliziert, wie wir es waren.“

Quelle: F.A.S.
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Judith Lembke
Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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