Mehr Platz zuhause

Wenn das Kind auszieht

Von Birgit Ochs
 - 12:15

Wir brauchen den sanften Übergang

Im vergangenen Jahr ist unsere Tochter ausgezogen. Ein Jahr nach dem Abitur. Im Sommer war noch nicht sicher, wohin es sie verschlagen würde, aber dann kam die Zusage von der Universität in Kassel, und damit war klar: Das Kind würde von nun an die meiste Zeit in einer anderen Stadt leben und nicht mehr zu Hause. Ein seltsames Gefühl. Auch wenn es gar kein richtiger Auszug war, denn ihre Möbel sind alle hiergeblieben. Für uns Eltern hat sich überhaupt nie die Frage gestellt, das Zimmer auszuräumen. Wozu auch? Wir haben ja Platz genug. Wir leben in einem großzügigen alten Stadthaus, in dessen oberster Etage unsere beiden Töchter ihre Zimmer haben. Da gibt es auch noch ein „Schlumpelzimmer“. Wenn ich darüber nachdenke, dann war es für meinen Mann und mich wichtiger als für unsere Tochter, dass ihr Zimmer erst mal so bleibt. Wir brauchen sanfte Übergänge. Mir hätte es weh getan, das Zimmer leer zu sehen. Das habe ich gemerkt, als unsere Tochter überlegt hat, ihr Bett abzuholen, weil sie in ihrem WG-Zimmer keins hatte. Das wollte ich nicht und hab ihr gesagt, dass wir lieber ein Gestell besorgen oder zwei Matratzen zum Stapeln.

Kassel ist wohl nur eine Zwischenstation. Trotzdem glaube ich nicht, dass sie dauerhaft nach Hause zurückkommen wird. Warum ich trotzdem nicht möchte, dass sich so bald in ihrem Zimmer etwas ändert? – Weil man jetzt noch ihr gelebtes Leben bei uns sieht. Alles ist noch da, die Bilder an den Wänden, die Bücher im Regal. Auf dem Schreibtisch liegen sogar noch ihre Unterlagen aus der Schule. Seit dem Abitur hat sie ihren Schreibtisch nicht mehr aufgeräumt.

Countdown – der politische Newsletter der F.A.Z.
Countdown – der politische Newsletter der F.A.Z.

Starten Sie den Morgen mit diesem Überblick über die wichtigsten Themen des Tages. Eingeordnet und kommentiert von unseren Autoren.

Mehr erfahren

Meine Tochter hat ein weniger emotionales Verhältnis zu ihrem Kinderzimmer als ich. Wenn sie in den Semesterferien zu Hause ist, hält sie sich dort nur zum Schlafen auf. Das war eigentlich schon in dem Jahr zwischen Abi und Studium so. Entweder war sie unterwegs, hat sich mit Freunden getroffen oder gejobbt, oder sie saß unten im Wohnzimmer, im Garten oder war in der Küche. Wenn sie jetzt bei uns ist, macht sie es genauso. Und wenn sie für die Uni zu tun hat, setzt sie sich an meinen Schreibtisch. Eigentlich hängt sie mir jetzt mehr auf der Pelle als früher, wenn sie da ist. Dann wird noch ein Teechen gekocht und noch ein Schokolädchen gegessen – nur in ihr Zimmer zieht sie nichts mehr. Jetzt, nachdem sie schon ein Jahr ein Zimmer in einer anderen Stadt hat, gewöhne ich mich natürlich daran, dass in unserer Familie etwas zu Ende geht. Vielleicht ist es überhaupt auch mehr dieses grundsätzliche Gefühl, dass etwas vorbei ist. So wie nach Weihnachten, wenn der Tannenbaum rausmuss. Das klingt jetzt vielleicht komisch. Irgendwann ist dafür einfach die Zeit gekommen, man weiß es und will es auch gar nicht anders – und ist zugleich doch auch voller Wehmut.

Ob wir, was das Haus angeht, keine Pläne oder Ideen für die Zukunft haben? Doch sicher. Natürlich denken wir daran, was sein wird, wenn mal beide Kinder wirklich aus dem Haus sind. Vielleicht teilen wir es dann räumlich neu auf und vermieten eine Wohnung. Aber das liegt noch in der Zukunft. Unsere jüngere Tochter, die bald Abitur macht, kann sich noch überhaupt nicht vorstellen auszuziehen und will erst mal hierbleiben. Mal sehen. (U., verheiratet, Mutter von zwei Töchtern, lebt im eigenen Haus)

Plötzlich wieder Raum für mich

Manchmal habe ich den Auszug meiner Tochter herbeigesehnt. Nicht, weil wir uns schlecht verstehen würden. Im Gegenteil. Wir haben ein sehr enges und gutes Verhältnis. Aber seit sie auf der Welt ist, hatte ich keinen Rückzugsort mehr. Wir haben zusammen in zwei etwa gleich großen Zimmern auf 65 Quadratmetern gelebt. Das ist eigentlich nicht schlecht. Die Wohnung ist an sich auch gut geschnitten. Aber neunzehneinhalb Jahre lang habe ich zu Hause keinen Raum gehabt, in dem ich für mich sein konnte. Es gab in unserer Wohnung neben Küche und Bad ein Kinderzimmer und ein Wohn-Ess-Arbeits-Aufenthaltszimmer, in dem ich geschlafen habe. Im Laufe der Zeit habe ich unser Wohnverhältnis als immer beengter empfunden, zumal eine Jugendliche oder junge Frau einen anderen Lifestyle hat als Mama. Das ist ja ganz normal. Mit ihren Freundinnen hat meine Tochter oft bis nachts um halb vier zusammengesessen, gelacht und Musik gehört –, und ich konnte dann nicht schlafen. Da hat es dann ein paarmal auch ganz schön Krach gegeben.

Als sie sich entschied, nach dem Abitur zu studieren, habe ich in gewisser Weise auf ihren Auszug hingearbeitet. Sie selbst hatte zunächst gar nicht daran gedacht und konnte sich das im ersten Moment auch nicht vorstellen. Ich habe dann von meinen eigenen Erfahrungen erzählt. Meine Eltern haben meine Schwester und mich damals aus dem Nest geschubst. Die Situation war etwas anders, unser Verhältnis viel komplizierter. Ich habe es sehr genossen, auf eigenen Füßen zu stehen, ein eigenes Zuhause zu haben, in dem ich die Regeln bestimme. Freiräume zu haben. Das habe ich ihr erzählt – und sie hat sich dann schnell mit dem Gedanken angefreundet. Wir haben auch darüber geredet, dass sie nach einem Auszug kein eigenes Zimmer mehr bei mir haben würde. Das hat sie verstanden.

Jetzt lebt sie schon seit gut einem Jahr in einer anderen Stadt. Der Auszug war natürlich ein großes Ereignis. Vor allem, weil sie alles weitgehend selbst organisiert und gemeistert hat. Eine ganz schöne Leistung. Ich selbst konnte ihr praktisch nur wenig helfen, weil ich mir den Arm gebrochen hatte. In den ersten zwei Monaten standen in ihrem alten Zimmer noch viele Sachen. Doch bis Weihnachten hatte sie die alle abgeholt.

Und ich? Tatsächlich habe ich eine ganze Weile gebraucht, mir das Zimmer anzueignen. Erst im Januar habe ich mir ein Bett bestellt. Ein schön großes. Vorher habe ich auf einem Schlafsofa geschlafen. Auch Yoga habe ich die ersten Monate noch im Wohnzimmer gemacht. Doch mittlerweile liegt die Matte immer ausgerollt in meinem neuen Zimmer, das ich so gestaltet habe, dass es Spaß macht, dort die Übungen zu machen oder zu meditieren. Allmählich komme ich in dem Raum an – und genieße es.

Wie meine Tochter mit der neuen Situation umgeht? Gut! Wenn sie nach Hause kommt, was sie regelmäßig tut, dann schläft sie im Wohnzimmer. Da sie nun selbst eine Wohnung hat, legt sie mehr Wert auf Ordnung, und davon profitiere ich jetzt. Vorher sah es in ihrem Zimmer meist aus, als habe eine Bombe eingeschlagen. Der Auszug war ein großer Schritt in die Selbständigkeit. (P., alleinerziehende Mutter einer Tochter, lebt in einer Zwei-Zimmer-Wohnung)

Aufgezeichnet von Birgit Ochs

Quelle: F.A.S.
Birgit Ochs-Koffka  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Birgit Ochs
Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
TwitterGoogle+
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenKassel