Urlaub mit Kindern

Keine Angst vorm bösen Wolf

Von Thomas Lindemann
 - 12:16

Ein paar Förster und Jäger haben dichtgehalten und außerdem nicht geschossen. Im Sommer 1996 war das, da wurde in der Lausitz zuerst ein Wolf gesehen, zwei Jahre darauf ein Paar. Die Förster der Muskauer Heide entschieden, das geheim zu halten und die Ansiedlung zuzulassen. Im Sommer 2000 ist es da: das erste deutsche Wolfsrudel seit über einhundert Jahren.

Heute leben etwa 70 in Deutschland. Die meisten in Brandenburg und Sachsen, neun in Niedersachsen. Ein einziges in Bayern, seit August erst, und schon redet der Agrarminister Helmut Brunner von einem Problem und fordert Abschussquoten.

Die Angst vor den Wölfen hat Tradition. Rund 150 Jahre lang war Deutschland wolfsfrei, nicht zufällig, die stolzen Tiere wurden ausgerottet. In Westfalen steht ein Denkmal für den Gastwirt, der im Januar 1835 dort den letzten Wolf erschoss. Ähnliche Denkmäler, manchmal heißen sie „Wolfssäulen“, stehen an etlichen Stellen der Republik. Rotkäppchen ist nicht die einzige Deutsche, die ein Problem mit dem bösen Wolf hat, bis heute. Doch seit der Wende ist der Wolf in ganz Deutschland geschützt.

Bloß ist das nicht in jedem Jägerkopf angekommen. Immer wieder kam es zu illegalen Abschüssen, bis heute. Erst im vergangenen Winter wurde ein Brandenburger Wolf von einem Unbekannten geköpft und gut sichtbar in einem Naturschutzgebiet am Oberspreewald abgelegt. Gerade erst wurde am Schluchsee im Hochschwarzwald ein Wolf geschossen, obwohl das verboten ist. Die Forensik untersucht gerade die Kugel, um den Jäger oder Wilderer zu stellen. Das Tier kam aus der Heide, war 700 Kilometer gewandert auf der Suche nach einem Partner.

Mit dem Wolfsberater auf Wolfwanderung

Das alles erklärt Kenny Kenner. Und seine Gäste, alle zwischen acht und elf Jahre alt, lauschen gebannt. Kenner sieht aus wie ein Förster, mit Gummistiefeln, wetterfester Kleidung und einem tiefbraunen, breitkrempigen Hut. Er ist aber „Wolfsberater“ des Landes Niedersachsen. Ein Ehrenamt. Eines, das man mit Verve erfüllen kann. Oft ist Kenner schon frühmorgens im Wald. „Mein Mann ist wieder auf Wolfswanderung“, sagt Barbara Kenner dann, sie leitet mit ihm seit 19 Jahren das gemeinsame Hotel. Ein hübsches, gemütliches Biohotel. Aber erst durch eine Besonderheit wurde es ein wenig berühmt: Wolfswochen für Kinder.

An einer solchen nehmen wir gerade teil. Kenner steht still und aufmerksam auf einem der langen geraden Wege, die die Göhrde durchziehen, den größten Mischwald Norddeutschlands. „Der Wind steht günstig für uns“, erklärt Kenner. „Wäre das anders, würden die Tiere uns auf Hunderte Meter sofort wittern und fliehen. Der Wolf will mit dem Menschen nichts zu tun haben.“ Kenner schaut durch sein Fernglas. Es war aber nur ein Baumstumpf. Dass wir keine Wölfe sehen würden, war zu erwarten. Manchmal passiert es trotzdem. „Schade“, stöhnt mein Sohn. Aber sein Gesicht zeigt freudige Erregung. Er ist aufmerksam wie die anderen Kinder und stellt beim Weiterwandern immer neue Fragen. Kenner beantwortet alles geduldig, als redete mit Erwachsenen. Die wissen meist genauso wenig über den neuen wilden Vierbeiner.

Die Wolfswoche im Hotel „Kenners Landlust“, die auch beim ambitionierten Kinderreisen-Veranstalter Vamos angeboten wird, ist nicht der einzige Wolfsurlaub, den es neuerdings im Lande gibt. Der Wildpark Schorfheide veranstaltet bei Vollmond Wolfsnächte. Dabei werden die Gäste zu den Wölfen im Gehege geführt und füttern diese sogar. Der Wildpark Lüneburger Heide bietet Wolfswanderungen und kooperiert mit einer Pension. Und im Wolfscenter in Dörverden an der Weser kann man in einem Baumhaus über den Wölfen der Gegend übernachten. Kenners Programm ist also nur ein Teil einer ganzen Welle touristischer Angebote, die das neue Interesse am Wolf bedienen, aber es ist vielleicht das aufregendste. Denn da stapft einer mit Leidenschaft durch den Wald.

Die Eltern dösen, die Kinder lernen

Er zeigt Spuren, hier ein paar Kratzer, das könnte ein Wolf sein – oder ein großer Hund. Dort aufgewühlte Erde am Wegesrand, ganz klar: Wildschweine. Ein paar Schritte weiter ein verlassener Bau, sehr nah am Weg. „Das ist ungewöhnlich“, sagt unser Experte. Die Wölfe haben ihn in Hast gegraben, als in der Nähe ihres eigentlichen Baus Forstarbeiten begannen. Und er zeigt die Losung, den Kot des Wolfs, markant, weil stark von Fell und Knochen durchsetzt. Eine Probe kommt in ein Tütchen und geht ins Labor nach Baden-Württemberg. Später werden die Informationen, wo es Rudel gibt und wie viele, auch wo Tiere wandern, online gebündelt. Wir wissen heute von großen Teilen Europas, wo es Rudel gibt und wie die Tiere sich bewegen – wertvolle Informationen und ein schönes Argument für die vielgescholtene EU-Bürokratie.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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Die Kinder absolvieren jeden Tag ein solches Programm, sehen sich auch mal die Suhle der Wildschweine an, stellen eine sogenannte Wildkamera auf, die per Bewegungsmelder automatisch auslösen wird, auch nachts, mit Infrarot. Die Eltern haben dagegen meist frei. „Kenners Landlust“ ist ein Ökohotel mit phantastischem Essen, das in Buffets bereitsteht, mit einem eigenen Tiefbrunnen und einem Leitungswasser, das nach Detox und Gesundheit schmeckt: Kurzum, hier möchte man tagelang nur schlafen, nicht rauchen und keinen Alkohol trinken. Und lesen. Fernseher gibt es auch nicht, und die Handys haben nur an einzelnen Ecken des ehemaligen Bauernhofes Empfang. Ein Ort, um alles andere zu vergessen. Doch während Eltern hier vergessen und dösen, scheinen die Kinder ihre Köpfe zu füllen. Und zwar erstaunlich schnell.

Am vierten Tag hält Kenner abends einen Vortrag über die Wölfe, wie sie im 19. Jahrhundert zum Angstobjekt und schließlich ausgerottet werden, nur noch in Ostpolen überleben. Wie sie nach 1961 den Eisernen Vorhang nicht überqueren können, der um die DDR hochgezogene Streckmetallgitterzaun lässt maximal Käfer durch. Wie sich im Jahr 2000 wieder Wölfe ansiedeln und bis heute intensive Debatten auslösen. Das Thema ist fesselnd. Alle Anwesenden sitzen drei Stunden lang, hören aufmerksam zu und studieren die projizierten Bilder und Landkarten. Auch Neunjährige. Mein Sohn meldet sich immer wieder und weiß vieles schon, was Kenner erklärt. Offenbar wird Kindern hier auch beigebracht, wie man mit Freude etwas lernt. Unsere Schule scheitert daran in fast allen Fächern, seit Jahren.

Der Sohn, ein Wolf-Experte

Wahrscheinlich muss man einfach nur ein aufregendes Thema aus nächster Nähe zeigen. Vielleicht helfen auch die vielen Einzelheiten, die man mit dem eigenen Familienleben vergleichen kann. Mensch und Wolf ähneln sich im Sozialleben. In manchem, nicht in allem. Wölfe sind monogam und bleiben ein Leben lang zusammen, ein Rudel besteht immer genau aus einem Paar und ihren Welpen. Nach einem Jahr verlassen die ersten Jungen das Rudel, spätestens nach zwei Jahren ist Schluss mit Hotel Mama.

Einen Satz sagt Kenner immer wieder: „Man muss es auch wollen, dass Wölfe unter uns leben.“ Ein Wolfsberater hat auch viel mit Kritik zu tun – von Jägern, von Bauern, von Nutztierbesitzern. Er gibt uns kluge Antworten auf die meisten vermeintlichen Probleme. Etwa diese: Weil Wölfe ihr Revier genau markieren und keinen fremden Wolf dort dulden und weil diese Reviere in unseren Gefilden 100 bis 300 Quadratkilometer und mehr umfassen, sei die Angst vor „unkontrollierter Expansion“ der neuen Nachbarn unbegründet.

Wie interessant das alles ist! Und wie begeistert der Sohn, ein Wolfsfan ist er nach sechs Tagen, ein richtiger Experte. Genauso schön aber auch, dass man sich als Vater immer wieder raushalten kann, wenn man möchte. Wie gesagt, das phantastische Essen, die Ruhe, die viele frische Luft . . . mich plagt vor allem wölfischer Hunger. Und tierische Müdigkeit.

Der Weg zum Wendland-Wolf

Anreise Züge in die Göhrde, einen der großen Wälder Deutschlands, fahren von Lüneburg. Die Gemeinde Göhrde im Landkreis Lüchow-Dannenberg hat eine eigene Station.

Unterkunft „Kenners Landlust“ ist ein Ökohotel mit 22 Zimmern, sehr ruhig am Waldrand gelegen, mit großem Garten für Kinder. DZ ab 57 Euro p. P., Frühstück und ein hervorragendes Abendbuffet inklusive.

Wolfswochen Hotelier Kenny Kenner ist Wolfsberater des Landes Niedersachsen und gibt sein Wissen in Wolfswochen weiter (Wanderungen, Vorträge). Mehr: kenners-landlust.de Familienreisen mit Thema, auch die bei Kenners, unter vamos-reisen.de

Quelle: F.A.S.
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