Familie
Neue Großväter

„Das Geschäft nicht den Frauen überlassen“

Von Anke Schipp
© Picture-Alliance, F.A.S.

Professor Hammer, welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Großväter?

Den Vater meines Vaters habe ich nicht erlebt. Das ist nicht untypisch, weil die Großväter väterlicherseits im Durchschnitt wegen des höheren Lebensalters des Vaters früher sterben. Mein Großvater mütterlicherseits war für mich der Inbegriff des netten alten Opas, der mit seinen Enkeln Späße macht. Ich habe nur gute Erinnerungen an ihn, obwohl ich heute weiß, dass er eher ein autoritärer Patriarch war.

Das klassische Bild eines Großvaters ist das eines autoritären, distanzierten und strengen Mannes.

Ja, so ist bei vielen die Erinnerung. Das hat auch damit zu tun, dass der Großvater an den Rand gedrängt wurde. Er hatte in der Geschichte mal eine prominentere Position. Die endete im 19. Jahrhundert, als Großeltern zunehmend als Störfaktoren gesehen wurden. Hinzu kommt eben das Männerbild von vor 100 Jahren, bei dem Männer und Väter insgesamt distanzierter waren. Die Mutter war bei den Kindern zu Hause, der Vater ging raus in die Welt und galt als weniger zugewandt.

Es gab aber auch die Geschichten vom strengen Großvater, der sich in einen gütigen Großvater verwandelt, wie bei „Heidi“ oder „Der kleine Lord“. War das Phantasie oder Wunschdenken?

Einerseits ist es das Wunschdenken, der Großvater möge auch ein bisschen nett sein. Zum anderen ist es aber auch schon eine Beobachtung, die man häufig bei Großvätern unserer Zeit macht: dass Männer durch die neue Rolle des Großvaters, der eben nicht der strenge erziehende ist, noch einmal eine andere Seite zeigen. Oft wird Männern im Alter erst klar, was sie im Leben durch eine möglicherweise zu distanzierte Rolle verpasst haben. Deswegen haben viele ein großes Bedürfnis, mit ihren Enkeln etwas nachholen zu wollen.

Sozialwissenschaftler Eckart Hammer
© privat, F.A.S.

Sie sprechen in Ihrem Buch „Großvater sein“ von den neuen Großvätern. Wie sehen die aus? Und was machen die anders?

Sie sind im Durchschnitt deutlich zugewandter und nehmen die Rolle als Großvater so wahr, dass sie eine zentrale Bedeutung bekommt. Zum Teil kommen sie aus der 68er-Generation und haben selbst neue Vaterbilder gelebt. Viele von denen sagen jetzt: Ich will noch mal richtig dabei sein und nicht das Geschäft den Frauen überlassen.

Trotzdem wird Großelternschaft oft immer noch als weibliches Phänomen wahrgenommen. Es ist immer die Oma, die sich kümmert, der Opa steht im Schatten. Hat sich das wirklich geändert?

Die Sozialforschung hat sich, wenn es um das Thema Großeltern ging, bislang vorwiegend mit dem Thema familiäre Unterstützung auseinandergesetzt, damit sind vorwiegend die Großmütter gemeint. Die Großväter sind fast nicht im Blick der Forschung. Dadurch wird das, was Großväter tun, eher im Kontrast wahrgenommen, indem festgestellt wurde, dass sie weniger machen als die Großmütter. Das stimmt im Durchschnitt auch, aber die spezifische Leistung und das, was die Großväter ausmacht, wird zu wenig wahrgenommen. Aber das ändert sich eben jetzt dadurch, dass sie sagen: Enkelkindbetreuung ist nicht bloß Frauensache, das machen wir gemeinsam oder auch ich allein.

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Sie galten lange als distanziert und streng: Ein Sozialwissenschaftler über die neuen Großväter

Mittlerweile sind auch bei den Großeltern viele geschieden. Führt das auch dazu, dass Großväter ein größeres Interesse an ihren Enkeln haben?

Es kann eine Chance sein, allerdings wachsen immer noch 90 Prozent der Scheidungskinder hauptsächlich bei den Müttern auf. Die Gefahr, dass der Kontakt zum Vater mit der Scheidung abbricht oder weniger wird, ist daher relativ groß. Nur noch ein Drittel von ihnen kann die Beziehung zu ihrem Kind aufrechterhalten. Wie soll er es dann als Großvater schaffen?

Wenn man also zu seinen eigenen Kindern kein enges Verhältnis hat, wird es schwierig mit den Enkeln?

Es gibt diesen Satz: Der Weg zum Herzen der Enkel führt über die Herzen der eigenen Kinder. Und wenn keine gute Vater-Kind-Beziehung da ist, muss sich der Großvater bei seinen Enkeln schon sehr bemühen.

Großvater Trump mit seinen Enkeln
© dpa, F.A.S.

Sie sagen aber auch, dass Großväter den Zusammenhalt in einer Patchworkfamilie stärken können. Inwiefern?

Großväter haben dafür oft bessere Voraussetzungen, weil Großmütter meistens die mütterliche Rolle in der Betreuung ihrer Enkel fortsetzen und deshalb oft emotional stärker involviert sind. Großväter können oft eine etwas distanziertere Position einnehmen. Sie haben dann einen neutraleren Standpunkt, von dem aus sie vermitteln können.

Großeltern tragen mitunter auch dazu bei, dass Kinder sich leichter von den Eltern lösen können. Wie funktioniert das?

Wenn ein Kind zum Beispiel keine Geschwister hat, kann es von seinen pädagogisch anspruchsvollen Eltern schon mal fürsorglich umzingelt sein. Es ist dann vielleicht gut, dass es einen Großvater gibt, der mit diesem Kind Dinge tut, die am Rande der pädagogischen Legalität sind. Er ist dann ein Bündnispartner, bei dem man ein paar Dinge macht, die nur beim Großvater gehen. Kinder können sehr gut zwischen den Spielregeln bei Eltern und Großeltern unterscheiden.

Großväter können also die Überbehütung der Helikopter-Eltern abfedern?

Die teils übergroße Fürsorge der Eltern führt zwangsläufig dazu, dass heute die Bindungen zwischen Kindern und Eltern sehr eng sind. Und deswegen ist es gut, wenn im Verbund von Kind, Mutter und Vater ein Vierter im Spiel ist, und für diese Rolle ist der Großvater prädestiniert. Während die Großmutter die mütterliche Rolle fortsetzt, kann der Großvater mit verrückten Ideen auch einen guten Akzent setzen. Er kann oft auch der Bündnispartner für den Vater sein und den auch stärken, dass er seine Rolle wahrnimmt.

Männer, heißt es, brauchen im Ruhestand ein neues Projekt, mit dem sie sich beschäftigen. Können Enkel ein Projekt sein?

Der Ruhestand ist für Männer oft eine große Zäsur. Frauen stehen meist auf mehren Beinen und empfinden das Ende der Berufstätigkeit als nicht so schlimm. Männern wissen oft nicht, was sie mit ihrer vielen Zeit tun sollen. Die Beschäftigung mit den Enkeln kann sie ausfüllen. Aber man muss sich andererseits klarmachen: Enkel werden älter und verlieren naturgemäß mit zunehmendem Alter auch ein bisschen das Interesse an den Großeltern. Wenn die Enkel der einzige Lebensinhalt sind, kann es schwierig werden. Vor allen Dingen, wenn man bedenkt, dass ein Enkelkind in der Regel vier lebende Großeltern hat und bei Patchworkfamlien vielleicht noch mehr. Da kann es auch schon mal Konkurrenzkämpfe geben.

Sie warnen auch davor, die Großvaterschaft zu verklären, denn es kann auch zu Konflikten kommen. Welche sind das?

Großeltern werden weniger als pädagogischer Störfaktor wahrgenommen als noch vor hundert Jahren. Das ist heute anders, weil die Generationenbeziehungen anders geworden sind. Es gibt heute eine große Nähe zwischen erwachsenen Kindern und ihren Eltern. Insofern sind da die Vorstellungen auch näher beieinander. Aber es kann dennoch zu Konflikten kommen, wenn es um konkurrierende pädagogische Vorstellungen geht oder Eltern befürchten, ihre Kinder würden bei Oma und Opa zu sehr verwöhnt. Andererseits kann das auch schon zu einem Problem zwischen zwei Elternteilen werden, auch da gibt es einen Abstimmungsbedarf.

Wie sieht der ideale Großvater aus. Zuschauer, Libero oder Miterzieher?

Auf keinen Fall sollte er ein Miterzieher sein. Ich würde grob sagen: Der Großvater ist zugewandt, aber hält sich zurück. Es ist zum Beispiel keine gute Idee, Kritik an der Erziehung der Eltern zu äußern. Er sollte sich auch nicht einmischen, wenn Jugendliche Probleme haben. Wenn überhaupt, ist er der taktvolle Berater. Es gibt in der Gerontologie auch den Begriff: Intimität auf Abstand. Einerseits Nähe, aber keine Einmischung.

Was kann der Großvater besser als der Vater?

Das Hauptthema ist: Er hat mehr Zeit und Muße. Und er kann deswegen meist besser zuhören, kann besser Dinge aushalten, weil er ein bisschen gelassener ist, weil er eben auch diese distanzierte Rolle hat und ein gutes Stück mehr Lebenserfahrung.

Kann man grundsätzlich sagen: Wer ein guter Vater war, ist auch ein guter Großvater?

Zumindest steigen die Chancen. Vermutlich werden die jetzt aktiven jungen Väter, die sich die Kinder auf den Bauch schnallen, auch später als Großväter aktiver sein. Es ist einfach so: Viele Männer wissen nicht, was sie verpasst haben, weil sie immer berufstätig waren und die Kinderbetreuung den Müttern überlassen haben. Und Väter, die jetzt aktiv sind und sich mit ihrer Frau die Betreuung teilen, wissen, wie bereichernd ein Kinderleben sein kann. Und werden darauf auch später nicht verzichten wollen.

Quelle: F.A.S.
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