Streit um Stadtraum

Bobbycar trifft Bierflasche

Von Judith Lembke
 - 11:12
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Ein lauer Sommerabend in Frankfurt. Vater und Sohn aus Hausnummer 12 haben ihren Abendbrottisch vor die Haustür gestellt und schauen über Ciabatta und Oliven den Kindern aus Hausnummer 10 zu, die auf ihren Rollern die Straße hinunterdüsen. Hinter dem Haus wird unterdessen der Grill angeworfen, während die Kinder auf dem Trampolin um die Wette hüpfen. Nebenan werden selbstgezogene Tomaten und wilde Rauke gewässert. Auf einmal erzittert das Sommerabendidyll unter lauten Gitarrenriffs und dröhnendem Gesang. Der ergraute Nachbar aus Hausnummer 8 hat seine Stereoanlage voll aufgedreht und beschallt nun die Umgebung mit Heavy-Metal-Musik. Er wolle damit einen Kontrapunkt setzen, wird er später sagen.

Gegen diese Vorortspießigkeit, die sich in seinem Stadtteil breitgemacht hat. Andauernd von Kinderlärm umgeben, fühle er sich mittlerweile wie in Suburbia – und wohnt doch mitten in der Stadt, in einem Gründerzeitbezirk unweit des Zentrums. Doch statt von Studenten-WGs, Kneipen und Lebenskünstlern ist er nun umgeben von Familien, die in den sanierten Altbauten zu Hause sind. Alles sauber, grün und friedlich. Für den grauhaarigen Liebhaber lauter Rockmusik zu sauber, grün und friedlich.

Bis vor wenigen Jahren galt es als ausgemacht, dass Familien der Mittelschicht aus der Innenstadt an den Stadtrand zogen, sobald sich Nachwuchs ankündigte oder spätestens, bevor die Kinder in die Schule kamen. Zurück im Zentrum blieb vor allem, wer sich kein Eigenheim im Grünen leisten konnte. Doch seit mehr als einer Dekade kehren auch Eltern mit ihren Kindern verstärkt in die Innenstädte zurück. „Die Familien sind ein wichtiger Treiber der Reurbanisierung“, sagt die Dortmunder Stadtsoziologin Susanne Frank, die über Familien in der Stadt forscht.

Städte wollen hohe Einkommenssteuerzahler nicht verlieren

Diesem Wandel liegt eine gezielte Strategie der Städte zugrunde, die es seit der Jahrtausendwende nicht mehr hinnehmen wollten, gute Einkommensteuerzahler mit dem Zeitpunkt der Familiengründung ans Umland zu verlieren, und Eltern mit doppelten Gehältern seitdem gezielt umworben haben. Dazu kamen verheerende demographische Prognosen, die an vielen Orten ein Schrumpfen der Bevölkerung voraussagten. Seitdem stehen die deutschen Städte im Wettstreit, als besonders „familienfreundlich“ wahrgenommen zu werden. Ein wichtiges Lockmittel sind dabei die sogenannten Townhouse-Siedlungen: Quartiere, die in ihrer homogenen Architektursprache und Sozialstruktur den Reihenhaussiedlungen am Stadtrand entsprechen und den Eltern ermöglichen sollen, sich ihren Traum vom Eigenheim mit kleinem Garten mitten in der Stadt zu erfüllen. Diese innerstädtischen Familienenklaven sind zusammen mit den gründerzeitlichen Altbauquartieren die bevorzugten Wohnorte der Großstadtfamilien geworden.

Eine Veränderung, die nicht alle Alteingesessenen schätzen. Denn es wurden vielerorts nicht nur Kneipen von Kitas verdrängt, auch Mieten und Immobilienpreise sind durch den Zuzug der oft akademisch gebildeten Doppelverdiener kräftig gestiegen. „Die Rückkehr der Familien verändert das soziale Gefüge der Städte tiefgreifend“, sagt Frank. Sie bringen nicht nur ihre Bobbycars und Laufräder mit, sondern auch ihre besonderen Ansprüche an den öffentlichen Raum: Für die meisten Eltern wiegt eine verkehrsberuhigte Straße, auf der sich Kinder ohne Angst vor Autos frei bewegen können, schwerer als möglichst viele Parkplätze. Sie setzen sich dafür ein, dass auf dem Quartiersplatz Spielgeräte aufgestellt werden – was zur Folge hat, dass die Trinker und Hundebesitzer dort keinen Raum mehr haben. „Innerhalb der Stadt haben Mittelschichtseltern eine starke Stimme und sind gut darin, ihre Interessen zu artikulieren und durchzusetzen“, sagt Frank.

Dieser Wandel führt zu Konflikten. Sollen die hochverdichteten Metropolen doch Bedürfnissen gerecht werden, die kaum zusammenzubringen sind: Lebendig sollen sie sein und schillernd, gerne auch etwas subkulturell und verwegen – eben urban. Dass an vielen Orten Bier und Pizza bis spät in die Nacht auf öffentlichen Plätzen anstatt im Restaurant konsumiert werden, gilt fast schon als selbstverständlich und wird als „Mediterranisierung“ der deutschen Innenstädte gefeiert – während die Anwohner schlaflos bleiben. Andererseits sollen die Zentren auch wieder Orte sein, an denen Kinder behütet aufwachsen, mit ruhigen Nächten und in grüner Umgebung, ohne dass sie am Morgen auf dem Weg zur Kita mit dem Laufrad Glasscherben und Alkoholleichen umkurven müssen. Sicherheit und eine homogene Sozialstruktur, die typisch für die Vorstadt sind, schätzen auch viele Kiezeltern.

Berlin als Beispiel par excellence

Wie emotional der Streit darüber, wie die Stadt aussehen soll, geführt wird, lässt sich aktuell in Berlin beobachten. In der Hauptstadt knallen die unterschiedlichen Ansprüche besonders hart aufeinander: Einerseits wirbt das Stadtmarketing mit „365/24 Berlin“ gezielt mit dem Versprechen einer Partystadt, die niemals schläft, um Touristen. Andererseits sind die innerstädtischen Altbauviertel wie Prenzlauer Berg und erst recht die vielen neugebauten Familienquartiere bekannt für ihre hohe Kinderdichte. Vor ein paar Wochen entzündete sich die Debatte an dem Aushang eines genervten Anwohners der Kulturbrauerei, einem Gelände mit viel Gastronomie und Veranstaltungen. Der anonyme Verfasser führte auf Din-A4-Papier minutiös aus, unter welchen Telefonnummern man zu welcher Tageszeit am besten eine Anzeige wegen Lärmbelästigung beim Ordnungsamt plazieren könne.

Nachdem Bestsellerautor Michael Nast ein Foto des Aushangs auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht hatte, gingen die Kommentare schnell in die Hunderte. Der Tenor der meisten: Der Verfasser – offensichtlich Familienvater – oder -mutter – solle seine Kinder schnappen und mit ihnen gefälligst an den Stadtrand ziehen, um dem Partyvolk nicht den Spaß zu verderben. Seitdem folgt ein Pingpong-Spiel mit immer neuen Aushängen an den Häuserwänden des Kiezes. Die einen verteidigen darin das Recht auf ihr städtisches Idyll und fühlen sich als zugezogene Familien an den Pranger gestellt. Die anderen schwingen sich zu Konservatoren eines vermeintlich wilden und unangepassten Berlins auf, monieren ein Clubsterben und den Verlust kultureller Vielfalt.

Michael Nast, der selbst in Friedrichshain lebt, beobachtet, dass der Kampf um den Stadtraum immer aggressiver geführt wird – und beklagt eine zunehmende Spießigkeit. „Die Leute sind hierhergekommen, um der provinziellen Enge ihrer Heimat zu entfliehen, und merken gar nicht, dass sie dabei sind, Berlin in eine Kleinstadt zu verwandeln“, sagt Nast. Er kritisiert, dass in den vergangenen Jahren immer mehr Clubs schließen mussten, weil die Toleranz gegenüber Lärm deutlich gesunken sei. „Viele Menschen ziehen hierher, weil sie eine hippe urbane Kulisse wollen, aber gleichzeitig die Ruhe eines Villenviertels. Das passt nicht zusammen“, sagt Nast.

Gesunkene Toleranz auf beiden Seiten

Doch die Toleranz ist auf beiden Seiten gesunken. Stadtsoziologin Frank hat beobachtet, dass andererseits die Nutzung des Stadtraums als Partykulisse in den vergangenen Jahren rücksichtsloser geworden ist. „Die Menschen kommen, konsumieren den Ort und verschwinden wieder, ohne sich um die Folgen ihres Handelns zu kümmern“, sagt sie. Dabei könne es sich bei den Stadtkonsumenten ebenso um Touristen wie um Anwohner des Nachbarviertels handeln.

Die Kritik der Anwohner gegen die Ausbeutung der Stadt richtet sich in derart umkämpften Vierteln vor allem gegen den Lärm in der Nacht, den zurückgelassenen Müll und das wilde Pinkeln – aber nicht nur. Viele von ihnen haben in der Vergangenheit nicht nur die eigenen vier Wände, sondern auch den öffentlichen Raum gestaltet, Bänke vor die Haustüren gestellt oder Baumscheiben begrünt. Nun fällt das Partyvolk ein, nutzt die heimelige Umgebung, lässt sie dann aber zerfleddert zurück. Frank nennt das eine „neue Art von Touristifizierung“ der Städte. In Berlin, wo Partyurlauber mit dem Billigflieger einfallen und trotz Verboten besonders gerne in Ferienwohnungen in der Innenstadt absteigen, ist das Phänomen besonders ausgeprägt. Doch auch in Köln, Frankfurt und Hamburg wird darum gerungen, wie sich in den immer stärker verdichteten Zentren die Ansprüchen von Gastronomie und Hotellerie auf der einen Seite und den Anwohnern auf der anderen ausgleichen lassen.

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Die Berliner Stadtforscherin Christiane Droste, die mit ihrem Büro Urban Plus schon verschiedene Beteiligungsverfahren moderiert hat, ist überzeugt, dass der Ausgleich der unterschiedlichen Interessen am öffentlichen Raum gelingen kann. „Diese Widersprüche müssen ausgehandelt werden“, sagt sie. Allerdings brauchten diese Prozesse Zeit und den Willen, wirklich nach einer gemeinsamem Lösung zu suchen. Oft genug würden die Anwohner erst gefragt, wenn ohnehin schon alles entschieden sei – die Partizipation diene dann nur noch als Feigenblatt, um Ärger vorzubeugen.

„Am besten funktioniert es, wenn die Initiative zur Veränderung des Stadtraums von den Bürgern selbst ausgeht“, sagt Droste. Dann könnten meist Vereinbarungen getroffen werden, mit denen alle Anwohner leben könnten – indem zum Beispiel ein Platz so aufgeteilt werde, dass dort sowohl die Kinder als auch die Alten sowie die lokale Trinkerszene ihren Raum finde. Deutlich schwieriger sei es jedoch, die Touristen zu erreichen, die den Stadtraum nur für kurze Zeit als Szenerie ihrer Open-Air-Party nutzten. „Da weiß ich auch keine Lösung“, sagt Droste.

Wahrscheinlich werden leere Bierflaschen und Pizzakartons noch auf absehbare Zeit ebenso zum sommerlichen Stadtbild gehören wie Sandkästen in Hinterhöfen und Bobbycars auf dem Bürgersteig.

Quelle: F.A.S.
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Judith Lembke
Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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