Das andere Studentenleben

Kinder, Küche, Kolloquium

Von Marion Halbach
 - 15:03

U-Bahn-Halt Universität, ein kalter Morgen Ende November. Geschiebe die Rolltreppe rauf, Kaffeebecher in Handschuhhänden, Kopfhörer auf Pudelmützen. Eine Welle aus Winterjacken, Rucksäcken und Baumwollbeuteln rollt zum Haupteingang der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU). Alex ist wie immer mittendrin, er ist längst Uni-Kenner: Ob Hörsaal, Mensa oder Bibliothek, er kennt sich aus. Dabei ist Alex erst vier Monate alt.

Alex’ Mama heißt Julia Busch und studiert Jura. Nebenbei arbeitet sie in der Beratung für Studierende mit Kind. Das winzige Altbaubüro im Uni-Hauptgebäude ist höher als breit. Hier sitzt die 30-Jährige mit dem blondem Wuscheldutt und der schwarzen Brille am Schreibtisch. Neben ihr Baby Alex in der Trage, noch ganz vergnügt, mit den gleichen graublauen, wachen Augen wie seine Mama. Julia hat Studentinnen am Telefon, die fragen: Ich bin schwanger, kann ich dann überhaupt weiterstudieren? Oder: Wo kann ich mein Kind betreuen lassen, während ich an der Uni bin? Oder auch: Wie kann ich mein Studium mit Kind finanzieren? Kompetent und einfühlsam informiert Julia und gibt Ratschläge. „Es ist wichtig, flexibel zu bleiben, sich nicht etwas vornehmen und dann sehen, es klappt nicht, und dann total darüber zerbrechen.“

Das Wort Burn-out mag die Jurastudentin nicht, das klinge immer so abgedroschen. Aber sie selbst war auch schon drei Tage einfach „ausgeknockt“, alles tat ihr weh. Das war vor dreieinhalb Jahren, nach der Geburt von Finn, Sohn Nummer eins. „Er war ungeplant, aber gewollt, sagen wir immer.“ Julia lächelt. Ein Baby, das immer wach war, immer laut, immer Mamas Aufmerksamkeit brauchte. In das Seminar hat sie Baby Finn trotzdem mitgenommen. „Und wenn er laut geworden ist, bin ich rausgegangen.“ Aber dann kam der K. o., sie hat drei Tage bei ihren Eltern übernachtet. Einfach mal nur schlafen.

„In der Arbeitswelt wird es nicht einfacher“

Da ist Sohn Nummer zwei ganz anders: ein Sonnenschein-Baby, mit dem die zweifache Mutter sogar ihre Arbeit in der Studienberatung weitermachen kann. Nur wenn er müde wird, fängt er an zu quengeln. Julia hat mit Kind Nummer zwei nicht bis nach dem Studium warten wollen, damit der Altersunterschied nicht zu groß ist. „Ich habe mir gesagt, im Referendariat oder auch in der Arbeitswelt wird es nicht einfacher.“ Und das, obwohl der Papa auch noch studiert: Er macht gerade seinen Anglistik-Bachelor.

Und wie funktioniert das alles? Ein Patentrezept gibt es nicht. Bei den mehr als 2000 Studierenden mit Kind an der LMU ist jeder Fall anders. Wenn nötig, verweist Julia die Ratsuchenden an die beiden Mitarbeiterinnen der Zentralen Studienberatung, Abteilung Studieren mit Kind, Tür schräg gegenüber. Hildegard Adam hat die Stelle vor gut 15 Jahren aufgebaut, im Moment unterstützt Annette Doll die Pionierin. Insgesamt 20 Stunden können die beiden promovierten Studienberaterinnen wöchentlich investieren. Bis zum Jahr 2020 sind die Mittel gesichert, in welchem Umfang es danach weitergehen kann, ist fraglich. Ganz wichtiger Tipp für alle studierenden Eltern: Networking! Einmal im Semester können sich Uni-Mamas und Uni-Papas jeweils über Urlaubssemester, Krippen oder Kindergärten und über alles rund ums Geld informieren. Bei den offenen Treffs geht es ums Kennenlernen und Sichaustauschen. Solche Treffen gibt es auch für schwangere Studentinnen. Da war Allegra Skiebe dabei, die alles noch vor sich hat.

Sie hat ihre hellen Dreadlocks hinten lose zusammengebunden, sitzt im Schneidersitz auf ihrem Sofa und nascht einen Bio-Fruchtriegel. Unter dem schwarzen Schlabberpulli ist der Babybauch versteckt, sie ist im siebten Monat. Die 20-Jährige hat gerade erst angefangen zu studieren, ebenfalls Jura. „Das wird noch sehr, sehr aufregend“, ist sich Allegra sicher und grinst. Das Baby wird ein Mädchen, es soll Mitte Februar auf die Welt kommen und wird ein WG-Baby, denn Allegra und ihr Freund Jona wohnen mit einer Tiermedizinerin und zehn anderen Studenten zusammen, die meisten von ihnen Techniker. „Meine Mitbewohner finden das super. Sie wissen halt noch nicht, was auf sie zukommt. Ich weiß es aber auch noch nicht.“ Allegra meint, sie werde die Kleine wohl auf dem Boden wickeln müssen oder auf dem Schreibtisch. Denn für einen Wickeltisch ist auf den knapp 25 Quadratmetern kein Platz: Wenn das Sofa zum Bett ausgeklappt ist, bleibt gerade noch ein schmaler Pfad zum Kleiderschrank und zur Zimmertür. Schlafen soll das Kind im Bastkörbchen neben dem Schlafsofa. Einziger Luxus: Allegra und Jona haben ein Bad für sich allein.

Auslandssemester, soziale Projekte, Partys – eine andere Welt

Als Allegra den Zulassungsbescheid für Jura an der LMU bekommt, weiß sie, dass sie schwanger ist. Studieren will sie trotzdem, denn: Was soll sie sonst machen, daheim sitzen? „Ich wollte dann auch irgendwie erwachsen werden“, sagt sie. Aber der Einstieg ist hart: Bei der Einführungsveranstaltung geht es um alle Möglichkeiten, die Studierenden offenstehen: Auslandssemester, soziale Projekte, Partys. „Es ist mir sehr schwergefallen zu akzeptieren, dass ich jetzt in einer ganz anderen Situation bin als viele andere. Die haben alle ihre Träume, ihre Wünsche, und ich hatte kurz das Gefühl: O Gott, was ist eigentlich mit meinen Träumen und meinen Wünschen?“

Zum Beispiel ein Auslandssemester in Paris. Aber mit Kind? Jona sagt, er würde dann mitkommen. Im nächsten Sommersemester macht er seinen Physik-Bachelor. Vielleicht könnte er danach zwei Urlaubssemester nehmen, und sie würden zusammen nach Frankreich gehen. Dass es sehr aufwändig ist, ein Auslandssemester mit Kind zu organisieren, weiß auch die Broschüre „Studieren mit Kind“ von der Studienberatung und empfiehlt einen Vorlauf von zwei Jahren. Denn die Themen sind die gleichen, ob hier oder dort: Kinderbetreuung, Wohnen, Geld.

Den Kommilitonen will Allegra am Anfang gar nichts vom Kind erzählen, „weil das dann ja voll komisch ist“. Als sie sich ein Herz fasst und es trotzdem macht, ist die Reaktion ernüchternd: Ein skeptisches „Okay“ oder auch: „Krass, warum machst du das?“ Aber dann haben sie darüber geredet, mittlerweile ist es kein Problem mehr. Andere schreiben mit, wenn Allegra einen Arzttermin hat. Jetzt müssen es nur noch die Professoren wissen: „Hinzugehen und zu sagen, hey, übrigens – das ist sehr unangenehm, es fühlt sich einfach komisch an“, sagt sie. Der Schritt erfordere viel Mut.

Nach der Uni: Kinder abholen, Haushalt, Hausaufgaben kontrollieren

Astrid Scheifele war auch erst 21 wie Allegra, als sie Mutter wurde. Heute sind ihre beiden Jungs zwölf und sieben Jahre alt, und die gelernte Krankenschwester studiert Medizin. Sie ist total aufgelöst: Vier Pflichtveranstaltungen nachmittags bis 18 Uhr, wie soll sie das machen? Eigentlich kann sie ja nichts umhauen: Beim Sezieren der Leichen im Präparationskurs haben andere Studenten sich an ihren Arm geklammert, denn sie war Unfallopfer von der Intensivstation gewöhnt. Außerdem ist sie alleinerziehend und kann es sich nicht leisten, beim kleinsten Widerstand einzuknicken. Doch jetzt postet sie ihr Problem in der Facebook-Gruppe Medi-Eltern München: „Hallo Leute, hat hier zufällig jemand eine Ahnung, ob das wirklich nicht anders zu organisieren ist, oder hat vielleicht jemand einen Stundenplan, der nur bis 16 Uhr geht?“ Ihr pubertierender Großer, Samuel, geht zwar nach der Schule zur Oma, und der Kleine, Jakob, in den Hort. Aber spätestens um 17 Uhr muss sie ihn abholen. Astrid muss ja nach der Uni zurück nach Ebersberg, östlich von München: Kinder einsammeln, Samuel zum Fußball fahren, einkaufen, Haushalt, Hausaufgaben kontrollieren.

Im Gruppen-Forum gibt es viel Verständnis, anderen geht es genauso mit den Seminaren bis in den frühen Abend. Die 33 Jahre alte Astrid ist seit drei Jahren an der Uni, sie wollte immer Medizin studieren. „Ich hab die Kinder, aber ich möchte nicht nein sagen deswegen.“ Einmal die Woche schiebt sie Nachtschicht in der Klinik. Die Arbeit bringt Geld und den Luxus einer 4-Zimmer-Staatsbedienstetenwohnung. Aus Ebersberg wegziehen, das geht schon wegen der Oma nicht, es sind ja auch irgendwie deren Kinder. „Ohne Eltern – ich wüsste gar nicht, wie man das macht“, gesteht sie. Die Geschichte mit den Abendveranstaltungen geht schließlich gut aus: „An welchen Tagen können Sie – und bis wann?“ Dass der zuständige Professor das Problem so elegant löst und Astrid ihren Stundenplan auf den Leib schneidert, hätte sie nicht erwartet.

Was Erleichterungen für Studierende mit Kind betrifft, so kocht jedes Institut sein eigenes Süppchen. LMU-einheitliche Regelungen gibt es nicht. Oft haben studierende Eltern die Priorität bei der Anmeldung für Veranstaltungen. Das müssen sie aber selbst klären, zur Fachstudienberatung gehen, sich kümmern. Mittlerweile wird es selbst in der Zahnmedizin besser, wo es bisher geknirscht hat: Da hätten Dozenten nicht kooperiert und gesagt: Sie sind Studentin wie alle anderen, und wenn Sie Kinder haben, dann gehen Sie doch lieber nach Hause.

Wann ist der richtige Zeitpunkt für die Kita?

Julia Busch kennt viele solcher Geschichten. Wenn Professoren sich querstellen, machen sie und die anderen aus der Studienberatung Druck. In einem besonders schwierigen Fall sind sie sogar bis zum bayrischen Bildungsministerium gegangen. Aber oft finden die Uni-Eltern selbst eine Lösung. „Für mich ist es immer wieder faszinierend, wie sie sich durch den Dschungel kämpfen“, sagte Julia. Alex ist auf ihrem Arm inzwischen eingeschlafen, sie kann jetzt auch mal im Eltern-Kind-Raum nach dem Rechten sehen. Der liegt ganz unauffällig im Hauptgebäude am Hintereingang. Wer es nicht weiß, läuft vorbei. Julia tippt den Code ein, die schwere Tür öffnet sich, sie streift die Schuhe ab. Zwischen Spielecke und Wickeltisch steht ein ausgesessenes Ledersofa, in der Ecke ein Esstisch. Die kleine Spielküche steht neben der Küchenzeile für die Großen.

Hier geht eine Sozialpädagogik-Studentin noch schnell ihre Präsentation durch, während ihr Kleiner krabbeln darf. Gleich kommt eine Freundin zum Babysitten, aber vorher soll der Kleine doch noch schnell etwas essen und am besten auch schlafen. Auch Veronika findet den Eltern-Kind-Raum toll, sie setzt sich auch mal einfach zwischen zwei Veranstaltungen rein, um kurz abzuschalten. Ihr Jüngster ist anderthalb und normalerweise bei den Campuskindern in der Amalienstraße, einer Krippe für Kinder von Studierenden und Uni-Mitarbeitern. Für die 34-Jährige mit der farbenfrohen Strickmütze total praktisch: Sie studiert Nordistik, von ihrem Institut aus braucht sie zu den Campuskindern nur die Treppe runterzugehen. „Ich bin sofort da, wenn irgendwas ist, das ist mir sehr wichtig.“ Auch für andere Uni-Eltern ist die Nähe zur LMU ein unschlagbares Argument: Wenn sie ihre Kleinen abgegeben haben, brauchen sie nur über die Straße zu gehen.

Andere LMU-Kinder gehen zu den „Rabauken“ oder in den Universitäts-Kindergarten. Für die unter Dreijährigen hält das Studentenwerk München knapp 500 Plätze in über 20 Kitas bereit. Ab wann ist der richtige Zeitpunkt, um die Knirpse abzugeben? Das wird viel diskutiert, auch beim Frühstückstreff der Uni-Mamas. Der Eltern-Kind-Raum hat sich gefüllt: Babys liegen auf der Spieldecke und kauen an Teddyohr und Schnuffeltuch, Mamis sitzen auf dem Fußboden daneben oder auf dem Sofa. Es geht viel um die Kleinen, nicht so viel ums Studium: Wie heißt sie denn? Wie alt ist er denn? Oh, meine wird auch im Dezember zwei. Und wie heißt du noch mal? Das Stimmengewirr mischt sich mit Kinderlachen und Babygekreische. Julia hat alle im Blick und redet mit. Sie ist zufrieden, einige Mütter sind ja doch gekommen. Aber wo sind eigentlich die Väter? Männer: Fehlanzeige. Auch zum Väter-Stammtisch kommt keiner. Vernetzen läuft über die Mamis, die Papis ziehen lieber mit den Kumpels von früher los, weiß Julia.

Der Papa von Finn und Alex bringt sich sehr ein, heute zum Beispiel holt er den Großen vom Kindergarten ab, da kann Julia länger an der Uni bleiben. Wie wird es bei ihr weitergehen? In ein oder zwei Semestern ist sie scheinfrei, dann wird sie ein ganzes Jahr für das Staatsexamen lernen. Umso glücklicher ist sie, dass sie im Moment viel jobben kann, denn im Urlaubssemester gibt’s kein Bafög. „Es geht, irgendwie geht es immer“, das will sie auch den anderen Studierenden mit Kindern vermitteln. Und dann kommt doch noch ein Bekenntnis der Kämpfernatur: „Ich neige dazu, Mut machen zu wollen, und viele brauchen das auch. Aber es gibt Momente, da ist einfach alles zu viel. Ich hatte das auch schon öfter, dass ich alles hinschmeißen wollte: Das Studium hat seine Prüfungsfristen, da kommt niemand und sagt, ja, ich verstehe das, du hast ein stressiges Kind zu Hause. Das vergesse ich manchmal, dass ich das vielleicht auch sagen sollte.“

Quelle: F.A.Z.
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