Tamara Bachs Roman „Mausmeer“

Schwermutproben und Einzelheiterkeiten

Von Dietmar Dath
 - 15:55

Sehr plötzlich, ohne Vorwarnung, kann eine Momentbeobachtung etwas vom ewigen Menschenlos enthüllen, ganz ohne Pathos oder Raunen, im Vorbeihasten und Sichdurchwursteln: „Nein, keiner blutet, niemandem fehlen Körperteile. Aber wir brauchen trotzdem Hilfe.“

Man kann das „Alltagswahrheit“ nennen oder „Conditio humana“; es stimmt fast immer, in allen unseren oberflächlich gesunden und scheinbar unbedrohten Zwischenkriegsjahren, von der Geburt bis zum Tod – außer in der Erinnerung an die Kinderzeit natürlich, von der zwei einigermaßen junge Menschen in Tamara Bachs neuem Roman „Mausmeer“ keine großen Sprüche machen, in denen etwa von „Urvertrauen“ oder „Geborgenheit“ die Rede wäre – man kann das nämlich besser, klarer, konkreter sagen, eben wie die zwei Erzählstimmen das in diesem Buch tun: „Damals war immer Sommer“ oder „Es gab immer kleine Tiere, hier oder bei den Nachbarn“.

Ein Bruder entführt seine Schwester zum Haus des Großvaters am See, das demnächst vielleicht verkauft und eingerissen wird und wo man früher unschuldigen Spaß gehabt hat. Ein bisschen wird die Schwester entführt und manipuliert, ein wenig revanchiert sie sich; alles, was passiert, ließe sich auch anders deuten, als die beiden es tun, die abwechselnd zu Wort kommen und sich nicht nur selbst, sondern auch einander erinnern: „Einmal durfte ich Trecker fahren.“ „Einmal war im Ort Jahrmarkt mit Autoscooter und so.“ Er sagt: „Die Bäume“, zwei Wörter nur, ein ganzes Bild, so knapp und evokativ, dass man meint, man könnte sie rauschen hören, aber die Schwester nimmt das Bild nicht an, sondern sagt, wie man ein altes Fotoalbum zuklappt: „Die machen die dann bestimmt auch weg.“

Von einer Wortwiese im Niemandsland

Wenn Menschen wie Annika und Benedikt, die weit von der Rente entfernt sind und mit etwas Glück noch ein paar Jahrzehnte Leben vor sich haben, sich an die gute alte Zeit erinnern, als sie noch Kinder waren statt bloß jung, kann man ihnen natürlich vorwerfen, sie hätten ein affiges Verhältnis zu ihrem Gefühlshaushalt – wer wird denn, wenn er wie Benedikt, der Bruder in diesem Buch, eben erst achtzehn ist und dabei ohne jeden Plan fürs Weitere, schon von gestern reden? So ein Einwand, der das Jungsein platt aufs Weitermüssen und Vorwärtsdrängen festlegen will, verkennt, wie sehr die Existenz vor der Vereinnahmung durch Beruf, selbst gegründete Familie und sonstige Dressurerfolge eine im riskantesten Wortsinn „theoretische“ ist, eine der Anschauung ohne Sachzwang oder Nützlichkeitskalkül also, von der man paradoxe Sachen sagen kann wie: „Wer nicht zu alt ist, hat noch Zeit, sich zu erinnern“, oder: „Was eben erst angefangen hat, fühlt sich noch wie ein Ganzes an, ein Leben, später erst zerfällt es in biographische Stationen.“

Für solche Widersprüche, die, wie alles, das nicht flach identisch mit sich selbst ist, unersetzlich einzigartige Erkenntnisse und Erlebnisse hervorbringen, hat Tamara Bach in „Mausmeer“ eine Sprache gefunden, deren Wortatome und Satzmoleküle sich verhalten wie die Leute, von denen sie einmal schreibt: „Einer, der noch einen anstupst, fragt, wer das denn sei.“ Sprache ist immer ausgedacht, immer Kopfprodukt, aber wenn es so etwas wie eine Sprache der Ereignisse selbst, einen Dialog von Ursachen mit Wirkungen in der Natur und im Menschenherzen gäbe, müsste sie klingen wie diese: „Das Radio läuft und sagt, dass es Abend ist. Zählt auf, was den ganzen Tag passiert ist.“ Oder, noch schöner, wie frisch gepflückte Sprechdisteln von einer Wortwiese im Niemandsland zwischen Gertrude Stein, Samuel Beckett, Unica Zürn und Ror Wolf: „Laufe links rechts links rechts. Kann den Weg nicht in Liedern, nicht mal in Minuten messen. Irgendwann also der nächste Hof, nicht in Rufnähe, keinen Steinwurf entfernt, so weit kann man keinen Stein schleudern, ohne Hilfsmittel. Langstreckenkatapult für Steine mittlerer Größe, denk ich, und plötzlich schlägt ein Hund an.“

Was jemand beim Hören denkt

Erste, im Internet publizierte Leserechenschaftsberichte aus dem teils mit Recht begeisterten, teils befremdeten jungen Publikum nennen diese Sprache „abgehackt“ oder „knapp“, aber das stimmt nur teil- und passagenweise; die Autorin hat nicht einfach ihren Text gekürzt, bis er nur noch Haut und Knochen war, sondern schenkt auch immer wieder sahnige Redundanzbonbons her, schmucke Selbsterläuterungen, wie an der Stelle, an der es von einigen Figuren heißt, sie „lachen sich scheckig und kringelig und ein Loch in den Bauch“, dreimal das Gleiche, sinnlos und überflüssig und aufgereiht wie die Japser im Lachkrampf selbst. Lakonisch, sparsam ist das nicht und trocken noch viel weniger, es hat Musik, wie viele Töne hier, der „Untersetzer aus verkokeltem Kork“ oder der „Regen mezzo forte“ zum Beispiel.

Die scheinbare Einfachheit ist also Effekt von Kontrolle, ist Reflexionsleistung, Hirnarbeitsergebnis und trotzdem, nein: ebendeshalb, emotional resonant bis in Tiefen, wo man am Grund eines stehenden Gewässers einen Schlüssel zu vielen Rätseln vermuten darf. Es geht um etwas Einfaches und Großes: Jugend bedeutet, sich noch nicht abfinden zu müssen mit all den unsinnigen, im Erwerbs- und sonstigen Erwachsenenleben von der Arbeitsteilung und ihren Hierarchien erpressten Trennungen von Empfinden und Verstehen, von Handeln und Erleben, von Innen und Außen, von Mein und Dein. Davon handelt „Mausmeer“: über etwas, das eine der Erzählstimmen einmal nebenher hört, denkt sie: „Das klingt richtig und lustig. Ich möchte mir das aufschreiben. Ich will mir das merken.“ Man denkt, wenn man das liest, dass man teilhat daran, was jemand beim Hören denkt, aber in Wirklichkeit ist da ja nichts gehört und gedacht, sondern geschrieben. Ein Zaubertrick ist das, der älteste, der unverwüstlichste: Kunst.

Tamara Bach: „Mausmeer“. Roman. Carlsen Verlag, Hamburg 2018. 144 S., geb., 12,99 Euro. Ab 14 J.

Quelle: F.A.Z.
Dietmar Dath
Redakteur im Feuilleton.
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