Familientreffen

Boah, sind wir viele!

Von Ursula Kals
 - 19:40

Die Idee wurde auf einer Beerdigung in Aachen geboren. Die Familie hatte sich lange nicht gesehen. Schade eigentlich. Das ließe sich ändern. Wäre doch schön, wenn wir uns alle mal zu einem fröhlichen Anlass wiedersehen könnten! Die Rede ist weder von einer Hochzeit noch von einer Taufe, wo Brautpaar oder Säugling im Mittelpunkt stehen, die Rede ist von einem Begegnungsfest für alle, also einem Familientreffen. Wer sich bei der Frage nach der Organisation nicht schnell genug wegduckt, den trifft es. Das ist in diesem konkreten Fall Arno van den Boom. Der Vertriebsdirektor einer Versicherung hat mit tatkräftiger Unterstützung anderer nach Jahrzehnten wieder ein Familientreffen in der Nordeifel organisiert. Rund 80 Familienmitglieder trafen sich im Saal Stollenwerk im Dorf Steckenborn. Ein Zweig war von Windpocken gebeutelt und musste absagen. Alt und Jung aus nah und fern schwelgten in Erinnerungen, erfreuten sich am Wiedersehen oder überhaupt erst Kennenlernen. Kamera drauf, und ein launiger Heimatfilm hoch über dem Rursee wäre im Kasten. Mehr Klischee geht nicht. Mittendrin die glücklichen Familien. Und alle, wirklich alle, fanden und finden das gut. Wer sich für so viel Nähe nicht erwärmen konnte oder wollte, der blieb fern. Auch in Ordnung.

Sechs Geschwister lebten einst auf dem schönen Fachwerkhof gleich gegenüber der Kirche des Dorfes. Inzwischen sind die drei Jungen und drei Mädchen von damals gestorben, fast alle hochbetagt nach dem, was in Nachrufen „erfülltes Leben“ genannt wird. Jetzt vernetzen sich die Nachfahren. An dem bewegten Abend im September wurde das jüngste Familienmitglied vorgestellt und vom stolzen Papa ein bisschen wie eine Trophäe in die Höhe gereckt: ein 18 Tage altes Mädchen.

Ältere Semester freuen sich über Zusammenkunft

Das wiederum entzückt wider Erwarten nicht nur die älteren Semester, also die Söhne und Töchter der sechs Steckenborner Geschwister, sondern die Enkel und Urenkel. Die finden es toll, einmal nicht die Kleinsten zu sein, sagt der neunjährige Münchener voller Nachdruck. Nicht nur ihm gibt es ein warmes Gefühl im Bauch, Teil eines großen Ganzen zu sein. Besonders die Handvoll Einzelkinder unter den Gästen finden es wundersam, sich plötzlich in einer Art Clan wiederzufinden. Dieses Zurück-zu-den-Wurzeln mutet – je nach Lebensalter – vorgestrig an. Aber in Zeiten auseinanderbrechender Partnerschaften und kräftezehrender Patchwork-Konstellationen kann eine Rückbesinnung auf die Ursprungsfamilie trösten. Auch wenn das Teenager nur zeitverzögert erkennen.

Immer vorausgesetzt, ein wichtiger Punkt wird nicht ignoriert: Ein launiges Familientreffen ist nicht der Ort und Anlass, die große, gehässige Generalabrechnung einzuläuten und familiäre Dramen zu inszenieren. Das mag eine Steilvorlage für Drehbuchautoren sein: Beim Familientreffen donnern die schwarzen Schafe, die Erbschleicher, die zweibeinigen Trennungsgründe aufeinander, und ein hochexplosives Figurenkabinett spielt sich aneinander ran. Da geigt der Loser dem angepassten Streberbruder endlich mal vor versammelter Mannschaft so richtig die Meinung. Da ist die Hochleistungshorrorshow eröffnet, die da lautet: „meine Villa, mein Porsche, meine Gattin, meine Supersöhne“ gegen deine verkrachte Aussteigerexistenz. Dieses Schaulaufen verbietet sich von selbst, sonst wird das einer der unschönsten Tage im Leben.

Was auch klar sein sollte: Wer nach Zwist auf große Momente der Versöhnung oder Aussprache hofft, der ist an einem solchen Tag ebenso eine Fehlbesetzung. Das geht nur in kleinerem Rahmen. Wenn überhaupt.

Zurück an die Orte der Kindheit und Jugend

Am gelungenen Eifelwochenende lief das komplett anders. Beruf, geschweige denn Besitz, das waren keine Themenfelder, mit denen sich die meisten aufhalten wollten – geschweige denn, darüber zu Gericht zu sitzen, wer es zu was gebracht hat oder eben nicht. Viel wichtiger war doch, zu rekonstruieren, was sich tatsächlich in den hochdramatischen Kriegswochen in der keineswegs beschaulichen Eifel ereignet hatte. Da wurden die Erzählungen der verstorbenen Mütter und Väter und Großeltern detailgenau miteinander abgeglichen. Beim im wortwörtlichsten Sinne bewegten Spaziergang an die Orte der Kindheit und Jugend rund ums Dorf wurden die Reste der Unterstände aufgesucht – dorthin hatten sich die verzweifelten Vorfahren in den Wald gerettet, weil die Front näherrückte. Quer durch die Gemeinden ging der Westwall. Aus Berichten und Erinnerungsfetzen wussten das die Älteren und erschauerten dennoch, als sie das Fundament der Hütten in dem heute so lauschigen Tal sahen. Für die mitlaufenden Kinder ist der Krieg zum Glück weit weg. Dass noch bei der Oma in harten Wintern das Wasser in der Waschschüssel fror, das hören sie mit ungläubigem Staunen. So richtig glauben können sie es nicht. Dass Kinder damals stundenlang durch den Wald streiften, um Blaubeeren zu sammeln und pro Blecheimer einen Pfennig, einen halben Cent, erhielten, lässt sie vollends verstummen. So viel ultraspannender Heimat- und Sachkundeunterricht war nie . . .

Denn das ist eine Riesenchance solcher Tage: Viele Fragen stellen Kinder ihren Großeltern und Eltern zu Lebzeiten nicht. Wer jung und lebenshungrig ist, dem fehlt das Bewusstsein für Vergänglichkeit. Aber irgendwann ist es zu spät, diese Fragen zu stellen, die kein Geschichtsbuch beantwortet, und die Antworten der Altersverwirrten fallen konfus aus. So gesehen, dient ein Familientreffen der Vergangenheitserkundung, wenn auch nicht der -bewältigung. Die lässt sich ja später bei einzelnen Treffen in Angriff nehmen. Die ersten Kontakte sind zumindest geknüpft. Wer nicht so richtig miteinander kann oder einfach kein Interesse aneinander hat, der geht sich freundlich lächelnd aus dem Weg.

Entspanntes Durcheinander zu Spezi und Pommes

Später bei Spezi, Pommes und Prummetaat, also Pflaumenkuchen, gibt es ein entspanntes Durcheinander. Hier tummeln sich drei Arten von Verwandten: diejenigen, zu denen man einen mehr oder weniger engen Alltagskontakt pflegt, diejenigen, die man selten sieht, und jene, die man nur vom Hörensagen kennt, falls überhaupt. Mitorganisatorin Gesa van den Boom hat ihren Vater Arno sanft gedrängt und sich richtig reingehängt, „damit sich die nächste Generation überhaupt mal kennenlernt“, strahlt die 26-jährige angehende Wirtschaftsingenieurin. Nicht nur für die hübsche junge Frau ist es spannend, abzugleichen, wer das in Fleisch und Blut ist, der sie im Fotoalbum anblickt. Sie und ihre Mutter Doris haben tatkräftig mitorganisiert und viel Lob dafür bekommen. Auch für die Idee mit den unkonventionellen Namensschildern. Fremde, aber nicht wildfremde Menschen starren einander auf die Brust. Denn dort kleben Namensschilder mit Vornamen und einem grünen, roten, blauen Strich. Die Farbe zeigt die Herkunft an: Aha, das sind die Nachkommen von Tante Klara, der Tante, bei der die Stadtkinder ins Heu springen und Hühner füttern durften und deren Gastfreundschaft in einer seligen Erinnerungswolke an jene Wochenenden auf dem Land einen legendären Platz einnimmt. Je später der Abend, desto verklärter die Weißt-du-noch-Geschichten, aber darum sind wir alle schließlich auch hier.

In fünf Jahren soll es wieder so weit sein. Nicht alle der Gäste werden dann noch leben. Bei der Rückfahrt nach Bayern sind auch die Kinder auffallend still, als sie sich das klarmachen. Sie wollen wieder mitkommen.

TIPPS FÜR EINEN BEWEGTEN TAG

Termin festlegen und vorher einen Blick in den Schulferienkalender werfen. Drei Alternativen anbieten, Doodle-Liste zur Abstimmung mailen. Organisationsarbeit delegieren und Kleingruppen bilden: Zum Beispiel kann sich jedes Geschwisterkind um seinen direkten Anhang kümmern. Die anderen haben keine Arbeit, aber auch kein Recht, später an allem herumzukritteln. Keine Experimente bei der Ortswahl machen: Das Elternhaus bietet sich nur bedingt an, ist es überhaupt noch im Familienbesitz und, falls ja, bietet es genügend Platz? Lieber einen Saal anmieten. Viele Säle sind umsonst buchbar, solange ein gewisser Verzehr für Umsatz sorgt. Bilder sagen mehr als Worte. Per Rundmail um Fotos bitten, kleine Fotoausstellung bestücken. Wer Bilder doppelt hat und Abzüge herschenken mag, bringt sie mit und breitet sie auf einem Geschenketisch aus – der Tisch ist dicht umringt. Schön, aber aufwendiger ist eine Slideshow, die im Hintergrund läuft und für Gesprächsstoff sorgt. Ein Stammbaum muss her. Das geht inzwischen leicht – zum Beispiel über das kostenlose Programm Ancestry.de. Den Stammbaum ausdrucken und gleich vor Ort ergänzen. Wer ist denn jetzt wer? Selbstklebendes Papier vorbereiten, Namen draufschreiben, jeder Familienzweig erhält eine Farbe. Das hilft beim Zuordnen und ist unaufdringlich. Keine Tischordnung vorschreiben, das verhindert das Kennenlernen oder Auffrischen von Kontakten. Abstand wahren von Partyspielchen, fürs Speeddating eignet sich die Mehrgenerationenklientel nicht. Gewarnt sei vor ausschweifenden Reden! Wer reden mag, soll sich kurzfassen und sich klarmachen: Es geht um launiges Beisammensein und nicht um das große Abrechnen oder Angeben. Gewarnt sei ebenso vor Vorstellungsrunden! Es liegt nicht jedem, sich vor einer großen Gesellschaft selbst vorzustellen: Während die Extrovertierten zur Hochform auflaufen, treibt das den Schüchternen den Schweiß auf die Stirn. Also lieber lassen. Bewährt hat sich ein Dreiklang, zu dem sich auch einzeln dazustoßen lässt: Kaffeetrinken, gemeinsamer Spaziergang zu Erinnerungsorten, Abendessen mit offenem Ausklang. Je nach religiösem Hintergrund bietet sich ein gemeinsamer Gottesdienst an. Schön, wenn Speisen aus der Kindheit mit aufgetischt werden. Beim Buffett gibt es einen Pauschalpreis für Erwachsene und einen für Kinder. Getränke zahlt jeder selbst. Streit ums Geld kommt in den besten Familien vor. Das muss nicht sein.

Quelle: F.A.S.
Ursula Kals - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Ursula Kals
Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.
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