Unbekannte Halbgeschwister

Warum hast du mir das verschwiegen?

Von Ebba D. Drolshagen
 - 10:47
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Ian und David aus England sind Brüder, doch sie haben lange nichts voneinander gewusst. Ian war fünfzig Jahre alt, als er erfuhr, dass seine Eltern sechs Jahre vor seiner Geburt einen Sohn bekommen und zur Adoption freigegeben hatten, weil die Mutter damals mit einem anderen verheiratet war. Nach dessen Tod heiratete das Liebespaar. Ian wurde geboren, doch ihren ersten Sohn erwähnten sie nie. Dieser, von seinen Adoptiveltern auf den Namen David getauft, spürte irgendwann seine leibliche Mutter und so auch seinen Bruder Ian auf. Das alles sei „eine große Überraschung“ gewesen, die an eine „Shakespeare-Komödie“ erinnere, sagte Ian später. Obwohl er selbst Schriftsteller sei, nämlich der vielfach ausgezeichnete Romancier Ian McEwan, werde er nichts darüber schreiben – auch wenn er sich freue, einen Bruder zu haben. Doch es sei dessen Geschichte, David müsse sie erzählen.

Für Ian McEwan sollte also der bislang unbekannte Bruder im Mittelpunkt einer solchen Geschichte stehen, als wäre er, der mit den eigenen Eltern aufwachsen durfte, nicht wirklich betroffen. Dem widerspricht allerdings seine Bemerkung, das Wissen um den Bruder habe eine „schmerzvolle Neukalibrierung der Familiengeschichte“ erforderlich gemacht. Das klingt weniger nach Komödie als nach Drama: Die Enthüllung, dass Vater oder Mutter (oder gar beide zusammen) ein vertuschtes Kind haben, bringt die Familiengeschichte aus dem Gleichgewicht, die dann neu kalibriert werden muss – und zwar nicht von den Eltern oder dem verheimlichten Kind, sondern von den überrumpelten, oft schon erwachsenen Kindern dieser Familie. Die neuen Tatsachen aus dem Leben der älteren Generation werfen Fragen nach Ehrlichkeit und Vertrauen auf, erzwingen einen neuen Blick auf die Eltern und auch auf die eigene Stellung im Gefüge der Familie. Das kann in Alltag und Psyche zu erheblichen Turbulenzen führen. Jene, die vermeintlich im Schatten der Ereignisse stehen, weil sie „nur“ die Halbgeschwister sind, müssen in Wahrheit die größte Anpassung leisten.

Geheimnisse der Eltern

Familiengeheimnisse üben eine große Faszination aus. Sie sind ein uralter, immer aktueller Topos, ohne sie wären nicht nur Hollywood und die Schreiber von Fernsehschmonzetten, sondern auch viele renommierte Schriftsteller verloren. Ödipus und Luke Skywalker verbindet über einige tausend Jahre hinweg, dass sie ihren wahren Vater nicht kennen, Luke wusste zudem nichts von seiner Zwillingsschwester Leia Organa.

Die meisten Erwachsenen glauben, alles über ihre Eltern und deren Leben zu wissen, während diese nicht alles über sie, ihre Kinder, wissen. Diese Annahme erweist sich dann als trügerisch, wenn aus dem Leben des Vaters oder der Mutter etwas ans Licht kommt, das von großer Tragweite ist: eine Verurteilung, ein schwerer Unfall, ein längerer Auslandsaufenthalt, eine Ehe – und eben ein Kind. Der erste Gedanke ist oft: Warum wusste ich das nicht? Warum wurde mir das verschwiegen? Dabei könnte man auch die Frage stellen, ob Kinder überhaupt Anspruch darauf haben, alles über das Leben ihrer Eltern zu erfahren. Haben Eltern ein Recht auf Intimsphäre? Gibt es Dinge, die sie sagen müssen? Wer bestimmt, was nur ihnen gehören darf? Und wenn man mehr weiß, kann dies womöglich schlimme Folgen haben?

Für viele ein „Schock“

Da ist der Fünfundzwanzigjährige, der durch Papiere im Nachlass des gerade verstorbenen Vaters nicht nur von einem älteren Halbbruder in Norwegen erfuhr, sondern auch, dass der Vater mit der Mutter jenes Kindes verheiratet war, dass sie nach Kriegsende mit ihm nach Deutschland gekommen und eine Zeitlang im Heimatdorf des Vaters gelebt hatte, wo sie von der Familie ihres Mannes so lange gehasst wurde, bis sie die Scheidung einreichte und mit dem Kind nach Norwegen zurückkehrte. Als er dieses Vorleben entdeckte, erzählt er, habe er verstanden, warum sein Vater depressiv gewesen sei. Der anfänglich unbeschwerte Gedanke „Vater verloren, Bruder gewonnen“ ließ ihn schnell mit dem Bruder Kontakt aufnehmen, er reiste nach Norwegen, und es kam zu einer freundlichen Begegnung. Nach der Rückkehr aber brach er völlig zusammen und geriet in eine Depression, aus der er fast zwei Jahrzehnte nicht herausfand.

Das mag extrem sein – doch in den Erzählungen derer, die Ähnliches erlebt haben, taucht fast immer das Wort „Schock“ auf. Eine Psychotherapeutin erläutert, eine solche Enthüllung sei „ein sehr belastendes Thema für die drei betroffenen Menschen, mit denen ich zu unterschiedlichen Zeitpunkten in Kontakt stand – so belastend, dass sie sich weigerten, die Tatsache anzuerkennen, darüber zu sprechen und dafür sehr vieles bereit waren in ihrem Leben in Kauf zu nehmen. Meist kam die Wahrheit über Bemerkungen von Verwandten ans Licht, die Offenbarungen unter großem Druck zustande. Kein Interesse an Aufarbeitung oder genauerer Recherche. Die Geschichte wird am liebsten verschwiegen und ignoriert.“ Das sei doch, habe jemand aufgebracht gesagt, als erfahre man, dass man von seinem Ehepartner nach Strich und Faden betrogen worden sei. Von den Eltern aber könne man sich nicht scheiden lassen.

Wann ist der richtige Zeitpunkt für die Wahrheit?

Da ist die Vierzigjährige, die einen Brief an die Tochter ihres Vaters schrieb, von der ihre Mutter wusste, sie selbst aber bis vor kurzem nichts. „In meinen Augen waren meine Eltern immer für mich ein Vorbild“, schrieb sie. „Sie waren beide sehr moralisch, korrekt, hilfsbereit gegenüber allen, so weit wie möglich. Das Bild meiner so von mir geschätzten Eltern brach bei dem Gedanken über das, was in der Vergangenheit mit Dir geschehen war, in tausend Scherben. Ich fühlte nur noch eine große Leere in mir und habe für mich geweint. Das Weinen ging vorbei, aber die totale Leere blieb.“

Die Eltern hatten der Schwester beharrlich jeden Kontakt verweigert. Und die Frau fragte sich: Hätten sie – unter anderen Umständen – auch sie selbst verraten, im Stich gelassen, verleugnet? Was brachte den Vater dazu, von diesem Kind zu schweigen, was die Mutter, das zu decken? Schämten sie sich für den Fehltritt des Mannes? Schwiegen sie, weil diese Lieblosigkeit sogar ihre eigenen Maßstäbe dafür verletzte, was richtig und anständig gewesen wäre? Peinigte es sie, dass sie ihre gemeinsame Tochter belogen? Empfanden sie die Geheimhaltung überhaupt als Lüge? Vielleicht hatten sie es ihr erzählen wollen. Aber wie allgemein bekannt, ist der richtige Zeitpunkt für eine solche Eröffnung schwer zu finden; irgendwann ist es einfacher, es ganz zu lassen. Schmerzlich für die Tochter war auch die Entdeckung, dass nicht nur ausnahmslos alle Verwandten, sondern das halbe Dorf über das voreheliche Kind ihres Vaters Bescheid wussten.

Heimlicher Kontakt zu anderen Kindern

Eine solche Offenbarung kann nicht nur das Bild der Eltern, sondern auch das Selbstbild ins Gleiten bringen. Da ist der Sechzigjährige, der mit strammer Stimme erzählte, das mit dem gerade aufgetauchten Sohn des Vaters „gehe schon in Ordnung“, um nach einigem Nachfragen, ob sich dadurch etwas verändert habe, hinzuzufügen, Papas Erstgeborener sei er ja nun nicht mehr. Der Vater habe ihn immer mit den stolzen Worten „Das ist mein Erstgeborener“ vorgestellt, was den Jungen angesichts vieler jüngerer Geschwister zu etwas Besonderem machte. Und jetzt? Und warum, fragt man sich, war es dem Vater so wichtig, wider besseres Wissen immer und immer wieder zu betonen, dass dieser Bub sein ältestes Kind sei?

Neben solchen Männern, die den Kontakt zu ihrem Kind und dessen Mutter abgebrochen und bestenfalls noch Alimente gezahlt haben, gibt es andere, die die Verbindung heimlich weiterführten – hinter dem Rücken ihrer Kinder und nicht selten auch dem der Ehefrau. Schwer zu sagen, welche dieser Varianten für ihre ahnungslosen Kinder die schwierigere ist.

Wie aus dem Gesicht geschnitten

Da ist die Sechzigjährige, die ihren fast neunzigjährigen Vater zu Grabe trug. Noch auf dem Friedhof sprach eine Unbekannte sie an und stellte sich als Tochter des Verstorbenen vor. Sie sei fünf Jahre jünger, wohne in derselben Stadt, der Vater habe sie seit ihrer Geburt jede Woche besucht; wenn er mit seiner „richtigen“ Familie in den Ferien war, habe er wenigstens angerufen. Da sind die Geschwister, die nach dem plötzlichen Herztod ihres Vaters feststellen mussten, dass er die gesamten Familienersparnisse einer volljährigen Tochter und deren Mutter überschrieben hatte.

Manchmal erübrigen sich Zweifel. Ihrem Halbbruder, erzählt eine Pfälzerin, war „die Wahrheit ins Gesicht geschrieben. Ich kam ins Café und habe mich furchtbar erschrocken. Er sah gespuckt wie mein Vater aus, von uns Geschwistern sieht ihm keiner so ähnlich. Und er bewegt sich genau wie er, obwohl er ihn nie gesehen hat.“ Dennoch wurde, „nun ja, der Ordnung halber“, ein DNA-Test gemacht. Hat das Auftauchen dieses Sohnes ihr Vaterbild verändert? „Nein, dass er sich nicht um ihn gekümmert hat, hat es eher bestätigt. Später erfuhren wir, dass er noch eine Tochter hat, die nicht mehr auffindbar ist. Mein jüngerer Bruder war wütend, diese Doppelmoral sei typisch für unseren Vater gewesen: an uns hohe Anforderungen stellen, und selbst . . .“

Geheimhaltung sorgt für Probleme

Aber da ist auch der Potsdamer, der auf die Nachricht, dass er eine Schwester habe, ganz anders reagierte, nämlich amüsiert, fast ein wenig bewundernd. In seiner Kindheit waren seine Eltern eng mit einem Ehepaar befreundet gewesen, sein Vater und die andere Frau verliebten sich und bekamen eine Tochter, die bei der Mutter aufwuchs. Als der Potsdamer das erfuhr, war er fast vierzig Jahre alt: „Ich fand das eigentlich ziemlich cool. Das hätte ich dem Alten gar nicht zugetraut.“ Und dass er jetzt diese großartige Halbschwester habe, sei „das größte Wunder überhaupt“.

Woher kommt die Sicherheit, genau zu wissen, wie viele Nachkommen die Eltern haben? Ein sexuell aktiver Mann kann das nicht einmal selbst wissen. Es überrascht nicht, dass ein Kind, von dem der Vater selbst nichts wusste, dessen Kindern kaum psychische Probleme bereitet – was ein klares Indiz dafür ist, dass die Ursache des Schocks nicht das fremde Kind per se ist, sondern dessen Verheimlichung durch den Vater.

Beziehungsweise durch die Mutter. Eine Frau kann natürlich kein eigenes Kind haben, von dem sie nichts weiß, und ein halbblütiges Geschwisterkind in einer Familie ist häufiger das Kind der Mutter als des Vaters. Eine Frau, die ihr Kind weggibt, wird, ob wegen der Erwartungen an das Mutterideal oder aus anderen Gründen, oft verachtet. Ohne konkreten Anlass kommt kaum jemand auf den Gedanken, die eigene Mutter könnte ein unbekanntes Kind haben.

Trauer um andere Kinder

„Ich habe ihr immer alles erzählt. Dass sie so eine wichtige Sache vor mir geheim gehalten hat, hat erst mal mein Verhältnis zu meiner Mutter gestört, bis ich begriffen habe, was sie das auch an Schmerz gekostet haben muss, dass sie das Kind weggegeben hat“, schildert die Filmregisseurin Margarethe von Trotta ihre Reaktion auf die Nachricht, dass ihre verstorbene Mutter fünfzehn Jahre vor Margarethes Geburt ein Mädchen zur Adoption freigegeben hatte. „Ich war total erschüttert. Ich habe richtig Weinkrämpfe bekommen, weil ich ja auch meine Mutter gar nicht mehr befragen konnte. Es war ja auch niemand da, mein Vater war nicht da, der war schon lange vorher gestorben. Ich war ganz alleine mit dieser Erkenntnis und habe das meiner Mutter natürlich auch erst mal innerlich sicherlich nicht so schnell verziehen. Und dann aber habe ich überlegt – auch allerdings mit Hilfe einer Psychoanalytikerin –, dass sie mich auch schützen wollte, dass sie vielleicht Angst hatte, dass ich da plötzlich sie auch in einem anderen Licht sehe oder auch sie dränge, herauszubekommen, wo die andere Schwester ist.“ Noch fünfunddreißig Jahre später beschäftigte sie das so sehr, dass sie in ihrem Spielfilm „Die abhandene Welt“ von zwei Schwestern erzählt, die einander nicht kannten.

Aber auch das: Als man einer fünfzigjährigen Frankfurterin erzählte, dass sie als kleines Kind mit einem Bruder zusammengelebt hatte, den die Mutter ein Jahr nach der Geburt ins Heim gab, folgte auf die erste Fassungslosigkeit große Erleichterung: „Es war, als habe jemand einen Deckel von meinem Leben genommen. Ich kann mich an ihn überhaupt nicht erinnern, habe aber immer gespürt, dass in der Familie etwas nicht stimmt, etwas fehlt.“

Eine gemeinsame Kindheit lässt sich nicht nachholen

Viele der Verwirrungen, Gefühlsstürme und Überforderungen, die ein bislang unbekanntes Familienmitglied auslöst, liegen darin begründet, dass dieser Mensch – sozial und emotional – ein völlig Fremder und zugleich – genetisch – ein enger Verwandter ist. Wie soll man sich ihm gegenüber verhalten? Wen definiert man als Familie? Weisheiten wie „Blut ist dicker als Wasser“ entpuppen sich sofort als fragwürdig. In einem Blog begründet eine Frau ihre Weigerung, die fremde Schwester auch nur kennenzulernen: „Wir anderen sind Familie, wir waren in guten wie in schlechten Tagen, in bodenloser Trauer und großem Glück füreinander da. Bei nichts davon war sie dabei.“ Das mag brüsk klingen, ist aber vermutlich nicht ungewöhnlich, denn entscheidend für das Familiengefühl ist das soziale Miteinander. Eine gemeinsame Kindheit lässt sich nicht nachholen, Geschwistergefühle müssen nachsozialisiert werden.

Es wird für alle einfacher, wenn man sich zumindest ohne Animositäten und Misstrauen begegnen kann. Vielleicht ist man sich sympathisch, findet Interesse oder gar Gefallen aneinander, kann sich anfreunden. Miteinander anfreunden. Aber auch mit der aktuellen Situation und mit Entscheidungen, die der gemeinsame Vater oder die gemeinsame Mutter einmal getroffen haben.

Allerdings haben jene, die mit dem betreffenden Elternteil aufgewachsen sind, dem fremden Kind gegenüber oft so etwas wie ein schlechtes Gewissen, als sei es ihre Pflicht, die Schuld des gemeinsamen Vaters oder der Mutter zu begleichen. „Ich will nicht die Verantwortung haben, etwas wiedergutmachen zu müssen“, sagte eine Schwester, die beim Vater aufgewachsen war. „Aber ich will ihm Auskunft geben, was den Vater angeht. Da muss ich ein gerechtes Bild zeichnen, seine guten und seine schlechten Seiten. Wir baden ja etwas aus, wofür wir nichts können.“

Quelle: F.A.S.
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