Expertin für Säuglingsschreie

Babys werden total unterschätzt

Von Uwe Ebbinghaus
 - 16:58
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Sie sagen, Babylaute ähnelten denen von Singvögeln mehr als denen von Affen. Wie ist das zu erklären?

Kathleen Wermke: Wir haben festgestellt: Frisch geschlüpfte Singvögel erlernen ihren Gesang in ganz ähnlicher Weise wie menschliche Säuglinge ihre vorsprachlichen Laute erwerben. Singvögel sind eines der besten Modelle für die Anfänge des Spracherwerbs bei Kindern. Viele denken, die Affen sind dafür gute Prototypen, und viele Affenforscher verteidigen das auch mit Vehemenz - es sind unsere nächsten Verwandten und es gibt eine hohe Prozentzahl an Übereinstimmung beim Genom. Ich meine aber, die Prozentzahl ist dabei völlig irrelevant, weil selbst 99,9 Prozent Übereinstimmung nichts über die Größe des riesigen Abstands zwischen den Affen und dem Humanum aussagen würden. Affenmütter reden kaum mit ihren Babys, sondern sie interagieren intensiv mit Gestik und Körpersprache, während menschliche Mütter oft schon sofort nach der Geburt damit beginnen, ihr Baby anzusprechen. Wir sprechen mit unseren Nachkommen, Affen sind relativ stumm, sie haben ein paar angeborene Kontakt- und Ruflaute und lernen dann eigentlich im Wesentlichen nur noch, in welchem Kontext sie anzuwenden sind: bei Gefahr aus der Luft, bei Bodenfeinden und so weiter. Im Gegensatz zu Affen haben Singvögel, wie zum Beispiel Zebrafinken, tatsächlich auch Lernphasen, in denen sie von einem Tutor, einem Gesangsvorbild, lernen und ihre ersten primitiven Laute modifizieren.

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Unterschätzte SingvögelEin Zebrafink ergänzt sein Singen durch Körpersprache (Tapping)

Wie kamen Sie zu den Babylauten und zu der menschlichen Sprachentwicklung?

Am Beginn meiner Forschungen Anfang der Achtziger - ich habe Verhaltensbiologie an der HU studiert und war danach Assistentin am Universitätsklinikum Charité - habe ich wie viele Forscher damals Babystimmen analysiert, um potenzielle Störungen von Gehirnfunktionen frühzeitig zu erkennen. Es zeigte sich dabei, dass sich die Säuglingsschreie über die ersten Lebenswochen sehr schnell veränderten und rasant komplexer wurden. Dann habe ich in Zusammenarbeit mit Werner Mende von der Akademie der Wissenschaften in Berlin überlegt, warum das so sein könnte. Wir haben herausgefunden, dass das damit zusammenhängt, dass die Babylaute im Verlauf der ersten Monate einem universalen, mit der physiologischen Reifung raffiniert abgestimmten Entwicklungsprogramm folgen. Menschliche Babys fangen mit einfachen Melodiebögen in ihren Weinlauten an, die aus einer ansteigenden und nachfolgend absteigenden Melodiekontur bestehen; sie kombinieren diese Bögen dann und es entstehen Zweier- und Dreierbögen. Sie machen auch regelhaft Pausen zwischen den Bögen ohne dabei erneut einzuatmen und haben so, wenn sie sehr fit und gesund sind, schon ein richtiges rhythmisch-melodisches Repertoire. In den Weinlauten der Neugeborenen fanden wir vier Melodiegrundtypen, die alle miteinander und gleichzeitig noch in unterschiedlicher Zahl innerhalb eines Weinlautes miteinander kombiniert werden können.

Inwiefern war diese Entdeckung erstaunlich?

Es ist ja eigentlich unlogisch, dass ein „Warnsignal“, wie das in der Literatur den Babyschreien unterstellt wurde, permanent geändert wird. Ich verändere ja auch an einer Sirene nicht ständig die Töne. Also ist Babyweinen viel mehr als eine Bio-Sirene. Werner Mende und ich haben die These aufgestellt, dass das mit Evolution, also mit Sprachentwicklung zu tun haben muss. Mittlerweile, nach mehr als 30 Jahren Forschung und vielen Untersuchungen - wir haben hier am Zentrum inzwischen fast eine halbe Million Baby- und Kleinkindlaute im Archiv - sind wir der Meinung, dass wir mit dieser Theorie recht haben, dass das die einzige Erklärungsmöglichkeit für die reichhaltige Entfaltung der Babyweinlaute ist. Wir sehen in den Babylauten von Anfang an wahrscheinlich sogar Spuren dessen, was die Vormenschen vor etwa zwei Millionen Jahren von sich gegeben haben.

Wohin führen diese Spuren?

Unter allen Theorien, die sich mit der Frage beschäftigen, wie der Mensch zur Lautsprache kam, gibt es eine, die wir, Werner Mende und ich, zusammen mit anderen Forschern präferieren. Bei den Vormenschen gab es ganz sicher schon eine ausgeprägte Körpersprache und Mimik – warum nun haben sich unsere Vorfahren dazu entschieden, ein funktionsfähiges, weit entwickeltes körpersprachliches und mimisches System durch ein audio-vokales System zu ersetzen oder zu ergänzen? Dazu gibt es ganz unterschiedliche Theorien. Für uns ist aber am prägnantesten jene von der Paläoanthropologin Dean Falk, die besagt, dass die frühe Mutter-Baby-Interaktion dabei eine entscheidende Rolle gespielt hat.

Warum? Man nimmt an: Die Frauen, natürlich auch die Männer, haben in der fraglichen Zeit ihr Fell verloren, sie sind deutlich aufrechter gegangen, dadurch hat sich das Becken gedreht, die Kinder wurden früher geboren, da sonst die Köpfe nicht durch das Becken gepasst hätten - Babys sind physiologisch als Frühgeburten auf die Welt gekommen. Da kamen jetzt also diese kleinen hilfsbedürftigen Wesen auf die Welt und die Mutter hatte kein Fell, in das sie greifen konnten. Sie musste das Kind folglich sehr eng tragen; sie musste aber zeitweilig auch die Arme frei haben, um Nahrung zu sammeln oder sich um ältere Kinder zu kümmern, das heißt, sie musste das Kind von Zeit zu Zeit ablegen. Durch Weinen signalisierte das Baby den Wunsch nach Nähe zur Mutter; es war überlebenswichtig nicht allein der Kälte und Raubfeinden ausgeliefert zu sein. Die Eigenschaften der Babylaute haben sich auf diese Weise über eine lange Evolutionszeit optimiert und als Kontaktmedium etabliert. Die Mutter hat, so die Theorie von Dean Falk, das Baby stimmlich beruhigt und ihm stimmlich mitgeteilt, dass sie in der Nähe sei. Auf diese Weise hat sich wahrscheinlich die emotionsgeladene mütterliche Sprechweise ritualisiert, die ausgeprägte Melodiebögen entwickelt hat. Und dieser Mechanismus hat sich Generation für Generation über etwa eine Million Jahre vertieft. Das hinterlässt Spuren, die wir auch heute noch im Babyweinen wiederzufinden hoffen.

Wie genau stellen Sie sich das vor?

Die Tatsache, dass wir heute tatsächlich in den Weinlauten wenige Tage alter Neugeborener Elemente der pränatal gehörten mütterlichen Sprachmelodie sehen, spricht dafür, dass die evolutiven Gänge zu einer Vorprägung beim Menschen geführt haben, die mütterliche Sprache schon im Mutterleib zu analysieren. Das Hörsystem ist also extrem früh funktionstüchtig: Ein Baby in den letzten drei Schwangerschaftsmonaten lauscht intensiv auf die Umgebungstöne. Die Mutterlaute hört es am deutlichsten. Dann kommt es auf die Welt und kann die Mutterstimme wiedererkennen, und nicht nur die Stimme, sondern auch die Prosodie, also die melodisch-rhythmischen Eigenheiten der Muttersprache. Dieses Phänomen haben wir 2009 dadurch erstmalig demonstriert, dass wir zusammen mit anderen Forscherinnen festgestellt haben: die Melodiekontur in den Schreien zwei bis drei Tage alter französischer Babys steigen häufiger an, während sie bei deutschen Babys häufiger fallen.

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Hörprobe „Babylaute“ (1)Steigende Melodie bei französischen Babys

Auch haben wir herausgefunden: Alle bisher untersuchten Babys aus verschiedenen Ländern und Sprachkulturen zeigen die vier melodischen Grundkonturtypen im Weinen. Diese Fähigkeit scheint universal zu sein, also eine Spur früher evolutionäre Gänge. Die Fähigkeit der Neugeborenen in den ersten Tagen Melodiekonturen zu erzeugen, die Eigenheiten der Intonation der gehörten Muttersprache tragen, ist dagegen wohl deutlich später in unserer Stammesgeschichte entstanden.

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Hörprobe „Babylaute“ (2)Fallende Melodie bei deutschen Babys

Von Sprache würden Sie bei mehrere Wochen alten Babys aber noch nicht sprechen?

Noch nicht, aber nur, weil viele Linguisten Sprache sehr eng definieren. Für sie muss Sprache symbol-semantisch belegt sein. Die Belegung, die wir bei den Babys haben, ist eine rein emotional-affektive. Das ist, wenn man so will, eine Art körpernaher Gefühlssprache, etwa wie Musik. Es fehlt aber das Symbolische. Terrence Deacon zum Beispiel definiert den Menschen ja als „The symbolic species“. Für ihn ist die Tatsache, dass wir unabhängig von jedem Gefühl und jeder Form der Akustik eine beliebige Semantik als Symbol über Laute legen können, die reine Sprache im engeren Sinn. Auf der anderen Seite würde ich bei einem Spitzensportler, der eine tolle Übung am Barren macht, ja auch nicht sagen: Das ist jetzt Turnen, aber sein Krabbeln als Baby hat damit nichts zu tun. War es nicht vielleicht doch aber eine Vorstufe? Ich meine, dass Babylaute nicht Sprache, sondern der Beginn von Sprachentwicklung sind. Ich könnte allerdings ebenso gut sagen, das ist auch schon Sprache, weil es ein Körper-Emotionsausdruck ist. Linguisten allerdings würden sagen: Da ist keine Grammatik erkennbar, keine Symbol-Semantik, also ist es noch keine Sprache. Die evolutionsbiologische Perspektive verlangt jedoch eine erweiterte Interpretation.

Syntaktik ist bei den Babys in gewissem Sinn aber schon erkennbar, in Pausen und Grenzen, die sie setzen? Auch der pragmatische Aspekt, die Sprachhandlung ist schon angelegt. Es fehlt nur die Semantik.

Es fehlt die Symbol-Semantik. Ob schon eine Syntax erkennbar ist, in dem Sinn, dass die Babys bestimmte Lautformen aufeinander folgen lassen, dass sie bestimmte Formen kombinieren, das wollen wir noch erforschen. Zum Beispiel wollen wir jetzt bekannte Musterkombination beim Gesangerlernen von Jungvögeln mit Mustern in Babylautsequenzen vergleichen indem wir „Schrei-Strophen“ analysieren und schauen: Gibt es bestimmte Melodiestrukturen in bestimmter Kombination bei bestimmten Kindern in bestimmten Situationen? So gehen die Tierforscher bei den Vögeln auch vor. Sie wissen ja auch nicht, was der junge Singvogel sich gerade vorstellt.

Wir glauben, dass es wichtig ist, wenn wir das Rätsel „Sprache“ beim Menschen verstehen wollen, die Babylaute von Anfang an zu untersuchen. Menschliche Babys sind die einzigen Jungtiere, die tatsächlich eine Lautsprache lernen. Warum vernachlässigt man das so oft in der Forschung? Wenn Sie in die Literatur schauen, steht da heute immer noch: Babyschreie sind stereotyp und monoton, und haben nichts mit Sprache zu tun.

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Hörprobe Laute von Nso-Babys (1)Schnalzlaute im Alter von drei Monaten

Sie sind fest davon überzeugt, dass Babylaute ein frühes Stadium des stammesgeschichtlichen Spracherwerbs beim Menschen wiedergeben. Was kann man darüber hinaus erkennen - können wir Babylauten ablesen, wie es weiterging?

Ja, das kann man sehr gut. So beobachten wir die Imitation von Umgebungslauten und sprachspezifischen Klängen auch in den ersten artikulierten Lauten, im Gurren und frühen Babbeln. Zum Beispiel konnten wir typische Schnalzlaute bei drei Monate alten Babys in Nord-Kamerun, beim Volk der Nso beobachten. Bei der dort gesprochenen tonalen Sprache Lamnso sind auch paralinguistische Schnalzlaute typisch und die Babys haben sie in ihre Melodiebögen eingebaut. Wir waren ganz aufgeregt als wir das entdeckt haben, bei deutschen Babys hatten wir solche Laute nie gehört. Der Mensch ist eben ein typischer Vocal Learner. Es gibt so viele Tierarten auf der Welt, es gibt aber erstaunlicherweise nur eine Handvoll, die - wie der Mensch - Vocal Learner sind, also Gehörtes auch stimmlich wiedergeben. Ein Vocal Learner lernt nicht nur zu verstehen, wie ein Hund, wenn man ihm „Sitz!“ befiehlt und er das tut, sondern imitieren das Gehörte. Einige Singvögel, Delphine, Wale, Robben und Fledermäuse gehören zu dieser Gruppe. Bei diesen Arten hört es aber auch schon auf. Interessanterweise gehören unsere nächsten Verwandten, die Affen, nicht zu dieser Gruppe.

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Vocal LearnerPapagei imitiert schreiendes Baby

Das geht sehr wild durch die Arten.

Ja, das Phänomen kann man eigentlich nur mit den spezifischen evolutionären Umweltbedingungen erklären, die dazu führten, dass das akustische Kommunikationssystem dem visuellen überlegen war.

Die Mutter war in der Höhle nach Ihrer Ansicht auf gleicher sprachlicher Ebene wie die Babys heute?

Na ja, zumindest hat sie am Anfang auch wohl eher melodisch lautiert. Die Forscher sind sich ja heute einig darin, dass die Verständigung zu dieser Zeit sehr musikalisch war. Es gibt unter den Sprachevolutionsforschern zwei große Lager. Die einen sagen, Musik und Tanz waren zuerst da, dann kam die Sprache, während zum Beispiel Linguisten, wie Steven Pinker, sagen: Sprache war zuerst da, die Musik hat sich danach entwickelt. Beim Baby können Sie meiner Meinung nach sehen, dass das am Anfang gar nicht streng getrennt war. Babys lauschen auf Melodien und Rhythmen der Musik genauso wie auf die der Sprache. Die Aufteilung in eine eher musische und eher sprachliche Entwicklung geschieht erst nach einigen Monaten. Am Anfang erzeugen sie Melodiebewegungen von anderthalb und mehr Oktaven im Weinen, wie beim Singen. Wenn das Baby spielerisch babbelt und plötzlich eher zufällig die Doppelsilbe „ma-ma“ darin einbaut, drehen sich plötzlich alle am Kaffeetisch um: „Ups, es hat Mama gesagt!“ Also versucht das Baby solche sprachähnlicheren Laute, die deutlich weniger melodische Bewegungen erfordern, immer wieder hervorzubringen, denn die Umgebung reagiert darauf ja erstaunlich gut.

Sie haben eine halbe Million Babylaute aufgenommen und analysiert, wie Sie sagen. Haben wir verlernt, auf Babylaute richtig zu hören, sie zu verstehen – oder läuft das ohnehin intuitiv ab?

Das geht auch intuitiv.

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Hörprobe Laute von Nso-Babys (2)Schnalzlaute im Alter von drei Monaten

Wenn wir alle Ihre Forschungen kennen würden, könnten wir noch mehr aus der Kommunikation mit Babys herausholen?

Ich glaube, dass das intuitive Wissen vollkommen ausreicht, um mit Babys altersgerecht zu kommunizieren. Mütter und Väter können das sehr gut. Das Problem ist, dass wir mit unzähligen Ratgebern überhäuft werden. Viele junge Eltern trauen sich dadurch nicht mehr, ihrem Bauchgefühl zu vertrauen. Natürlich könnte man Sie vielleicht auch dahingehend trainieren, dass Sie an den frühen Babylauten per Gehör die jeweilige Sprachumgebung des Kindes heraushören könnten. Die Frage ist allerdings: Brauchen wir das? Ich denke nicht.

Wenn man Ihre Theorie weiterdenkt, sind die Babys ja im Grunde in der sonderbaren Situation, dass ihnen ein geeigneter Ansprechpartner fehlt. In der Höhle hatte sich die Mutter ja wahrscheinlich noch auf gleicher Ebene unterhalten.

Hat sie in gewisser Hinsicht – und heute macht sie das noch immer, mit dem typischen Stimmeheben, dem Dehnen von Silben und dem Ausformen großer Melodiebögen beim Sprechen gegenüber Babys, auch Väter machen das automatisch. Das ist wahrscheinlich ein Relikt einer früheren Zeit, nur dass wir die Melodie in der Kommunikation mit Babys heute noch zusätzlich mit Lautsprache unterlegen. Daher rate ich auch Müttern gehörloser Kinder, die ein Hörgerät oder ein Cochlea-Implantat bekommen und erst langsam in die Sprache reinkommen müssen, anfänglich möglichst viel diese Sprechweise zu benutzen. Auch bei Babys mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten ist es durchaus sinnvoll, die melodische Silbenbildung so zu fördern, da die Artikulation präoperativ noch stark eingeschränkt sein kann.

Da sehen Sie auch eine Spur der früheren Gänge. Probieren Sie es selbst bei Gelegenheit einmal aus, wenn Sie in Ihrem Bekanntenkreis Babys haben, und Sie mutig genug sind: Wenn das Baby anfängt zu weinen, sprechen Sie nicht mit ihm und sagen Sie nicht „Hallooo“, sondern lautieren Sie mit freundlichen Glissandi, einer Art Heulen. Sie und alle Anwesenden werden erstaunt sein, wie das Baby auf Sie reagiert, aufhört zu weinen und fasziniert schaut. Wenn Sie ein Baby mit richtig schöner Frequenzmodulation ansingen, dann reagiert es fasziniert. Eine vergleichbar starke Reaktion bekommen Sie durch Sprechen selten hin.

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Verbindende HeullauteHund und Baby lautieren gemeinsam

Wie ist aus Ihrer Sicht die Ferber-Methode einzuschätzen, die in Büchern wie „Jedes Kind kann schlafen lernen“ vertreten wird? Hier soll Kleinkindern ja beigebracht werden, sich selbst beim Schreien zu beruhigen.

Ich tue mich damit schwer. Wenn man in der Höhlenzeit ein Kind hat schreien lassen, musste es verstehen: Ich bin verlassen, der Wolf kann mich holen. Natürlich kann man das möglicherweise abtrainieren, das hängt vom Alter ab, irgendwann schläft das Kind schon vor Ermüdung ein. Also ich würde es nicht tun. Es mag wirken, aber es wirken auch andere Dinge. Ich glaube, dass wir die Kleinen maßlos unterschätzen - darin, was sie empfinden, was sie verstehen.

Wenn Sie irgendwo ein Baby hören – was hören Sie über ein intuitives Verständnis hinaus?

Ich höre, ob es emotional gut gestimmt ist. Ich schätze gern, nur hörend, wie alt das Baby nach seinen Melodiemustern ungefähr sein könnte; wenn ich es dann auch sehe, überprüfe ich meine Schätzung – sehr oft liege ich dabei richtig. Natürlich fällt mir auch auf, wenn es eigenartig klingt.

Bei wie vielen Prozent der Babys gibt es eigentlich Spracherwerbsstörungen?

Das weiß niemand genau. Das ist auch je nach Ursache der Störung unterschiedlich. Bei den spezifischen Spracherwerbsstörungen geht man von etwa fünf bis sieben Prozent eines Jahrganges aus. Man müsste dazu Kohortenstudien durchführen, die aber aufwendig sind und viel Geld kosten. Es wäre für ein besseres Verständnis zum Spracherwerb notwendig, Längsschnittuntersuchungen zumindest einer Geburtskohorte vom Schreien über die ersten artikulierten Laute, das Silbenbabbeln bis hin zur Wortproduktion durchzuführen. Niemand auf der Welt hat das bisher gemacht. Ich würde das sehr gern angehen, dafür bräuchten wir aber ungefähr eine Million Euro. Und versuchen Sie mal, von jemandem eine Million dafür zu bekommen, dass sie sagen: Ich möchte bei tausend Babys das Weinen, Gurren und Babbeln aufzeichnen, um Prädiktoren für die späteren Sprachleistungen zu finden oder unser Verständnis darüber zu erweitern, wie der Mensch zur Lautsprache kam. Schon mit weniger anspruchsvollen Babylautprojekten ist es schwierig, Mittel von den öffentlichen Förderinstrumentarien zu bekommen. Bei unserer eigenen Art tappen wir faktisch bei der vorsprachlichen Lautproduktion im Babyalter im Dunkeln! Wir haben keine Normwerte für gesunde Babys, wir wissen nur eingeschränkt etwas über spezifische Einflussfaktoren, wir wissen nur sehr grob, wie sich eine mehrsprachige Umgebung auf diese frühen Laute auswirkt und ob dies möglicherweise relevant für den nachfolgenden Spracherwerb ist. Warum ignorieren wir die frühe lautsprachliche Entwicklung unserer eigenen Art? Warum geben wir nicht auch einmal Millionen dafür aus, verlässlich und diagnostisch relevant zu verstehen, wie ein Baby in die Sprache kommt und wodurch wir erkennen, wenn es dabei Probleme haben könnte. Warum, überspitzt formuliert, traktieren wir Affen um Vorstufen der menschlichen Sprachentwicklung zu verstehen und geben nicht genauso viel Geld für eine vergleichbare Forschung bei menschlichen Babys aus, die als einzige tatsächlich eine Lautsprache erwerben?

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Hörprobe Laute von Nso-Babys (3)Schnalzlaute im Alter von drei Monaten

Gibt es Kinder, die ganz wenig schreien?

Es ist bekannt, dass Babys bei Naturvölkern weniger weinen. Diese Babys, die meist am Körper getragen werden, wachen auf, wenn sie Hunger bekommen, weinen kurz, und wenn nichts passiert, machen sie die Augen wieder zu und schlafen erst einmal kurz weiter. Ein Baby muss nicht die Nächte durchschreien, um Sprache zu lernen, nicht die Menge macht es.

Ist das frühe Lautieren eher ein Lernen oder ein Spielen?

Das hat viel mit Spielen zu tun. Gerade das typische stimmliche Interagieren mit der Mutter oder einer anderen Bezugsperson ist für Babys eine äußerst freudvolle Erfahrung und zugleich Spiel. Das spätere Silbenbabbeln kommt interessanterweise oft gerade nicht in der direkten Interaktion. Es erinnert eher an spielerische Selbstgespräche. Wenn sie genug geübt haben, erstaunen die Babys die Umgebung durch Silbenkombinationen, die dann oft wie „Mama“, „Papa“ oder „ba-ba“ interpretiert werden. Man muss sich das einmal wirklich bewusst machen: Nach drei Monaten sind unsere Nachkommen schon in der Lage, neben einem riesigen Repertoire an Melodie und Rhythmik Vokale mit Konsonanten zu verbinden und einen Monat später klingt das schon silbenartig und noch einen Monat später „versteht“ man es schon. Deswegen sind wir der Meinung, dass das, was wir bei den Babys beobachten, nicht nur einfache Imitation ist, sondern dass es eine enge Interaktion zwischen genetischen Faktoren und Lernmechanismen geben muss.

Schreien Jungen im Babyalter erkennbar anders als Mädchen?

Im Durchschnitt ja, wie eine gemeinsame Forschung mit dem Hormonforscher Volker Hesse in Berlin gezeigt hat. Die Sexualhormone spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie wirken auf die Gehirnorganisation und -funktion bereits im Uterus und dann nochmal in den ersten Monaten nach der Geburt. Diese Zeit nennt man sogar Minipubertät, weil die Menge der Sexualhormonausschüttung der der späteren Pubertät ähnelt. Interessanterweise wird bei Jungen die Testosteron-Produktion derart angeheizt, dass sie zum Teil Werte von erwachsenen Männern erreicht. Beide Geschlechter haben erhöhte Östradiol-Werte, Mädchen etwas höhere als Jungen. Die höchsten Werte findet man zwischen dem ersten und dritten Monat postnatal, danach fallen die Hormonkonzentrationen im Serum ab, im sechsten Monat ist das Phänomen so gut wie verschwunden. Mädchen, die mit vier Wochen viel Östradiol im Serum hatten, zeigten komplexere Melodiemuster in ihrem Weinen und artikulierten auch mit fünf Monaten mehr, wie Anja Quast, eine Doktorandin am Zentrum in ihrer Dissertation zeigen konnte. Also im Durchschnitt weinen Mädchen mit zwei Monaten melodisch modulierter und babbeln mit fünf Monaten auch besser.

Was könnte man im Umgang mit schreienden Babys noch - ein furchtbares Wort – optimieren, oder soll man sie in dieser Phase in Ruhe lassen? Man kann Babys heute ja fast unendlich Input geben.

Sie brauchen zunächst Körpernähe, gut ist, wenn sie den Herzschlag hören. Sie brauchen die stimmliche Kommunikation: Singen und Reden. Je mehr man mit ihnen stimmlich interagiert, desto entspannter sind sie und desto besser werden sie daher auch selber in die Sprache kommen. Alles, was man eigentlich schon lange weiß. Nur bitte keine künstliche akustische Extra-Stimulationen! Wir können es damit in der Regel nur falsch machen. Etwas anderes ist es natürlich bei Risikokindern, die eine angeborene Hörschädigung oder eine andere Entwicklungsstörung haben. Dort können wir versuchen, den Spielraum, den die Genetik zulässt, wirklich auszureizen. Da können wir, wenn wir die Zusammenhänge gut verstanden haben, gezielt einwirken.

Welche Thesen wünschen Sie in Ihrer Forschung am Ende zu belegen?

Erstens, dass die frühen Babylaute, einschließlich das kommunikative Weinen, mindestens genauso bedeutend für den Spracherwerb sind wie die späteren silbenartigen Babbellaute. Zweitens, dass die frühen Babylaute auch für das Verständnis des Ursprungs der Lautsprache hoch relevant sind. Und drittens, dass der Erfolg der vorsprachlichen Entwicklung, besonders vor der Babbelphase, ganz entscheidend für die sprachliche und geistige Entwicklung eines Kindes und damit auch von höchster klinisch-prognostischer Relevanz sind. Mit diesem Wissen könnten wir die Vorsprachliche Diagnostik bei Risikokindern für den Sprech- und Spracherwerb deutlich verbessern und geeignete therapeutische Konzepte erarbeiten.

Man müsste dazu ein Längsschnitt-Projekt machen, mit dem wir die bisher erarbeiteten Hypothesen systematisch testen könnten. Das kann aber eine Arbeitsgruppe wie meine nicht allein leisten, dafür bräuchten Sie eine Forschungsumgebung mit den Möglichkeiten, die Max-Planck-Institute haben. Ich hoffe aber sehr, dass unsere Erfahrungen, unser großes Datenarchiv und unsere spezifischen Analyseansätze später weitergegeben werden können an eine institutionelle Forschungsumgebung und so weitergeführt werden können. Unser stark interdisziplinär ausgerichtete Zentrum in Würzburg hätte sonst keine gesicherte Nachfolge in Deutschland.

Die Fragen stellte Uwe Ebbinghaus

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Prof. Kathleen Wermke leitet das interdisziplinäre Zentrum für vorsprachliche Entwicklung & Entwicklungsstörungen (ZVES) an der Poliklinik für Kieferorthopädie der Julius-Maximilians-Universität in Würzburg.

Weitere Folgen der Interview-Reihe „Nerdalarm“

Quelle: FAZ.NET
Uwe Ebbinghaus
Redakteur im Feuilleton.
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