Familie
Kindererziehung

Selber Duzi-Duzi!

Von Ursula Kals
© INTERFOTO, F.A.S.

Identifikation mit dem Projekt Kind

„Wir haben Scharlach“, „wir sind in der vierten Klasse“, „wir machen Ballett“. Ja, geht’s noch? Korrekt ist: Tim ist krank, Laura ist in der letzten Grundschulklasse, Sofie tanzt einmal in der Woche. Sprache ist verräterisch, zeigt die ganze, ungesunde Übergriffigkeit, mit der Vorzeigeeltern Kinder durchs durchgetaktete Wunschleben dirigieren. Später sind das dann die Mütter, die davon schwärmen, die beste Freundin ihrer Tochter zu sein. Nein, sie sind deren Mutter, lieben und setzen Grenzen, wo es nötig ist. Freundinnen sind für andere Dinge des Lebens zuständig.

Achtung, verräterische Sprache

Wer mit seiner Katze spricht, lockt sie mit Zischlauten an, herzt die Tochter Kleinpferd „Flicka“, liebkost sie es als „mein süßes Flickalein“. Doch das Leben ist kein Ponyhof. Wer liebt, schwelgt in Kosenamen, sollte aber daran denken, dass andere das „Duzi-Duzi“ nicht so entzückend finden, dass sein „Lauralein“ einen schönen Namen trägt, „Mauseöhrchen“ vor seinen Freunden lieber Niko genannt werden möchte. Und „Wauwau“ keine Sammelbezeichnung für Hunde ist. Der Begriff Babysprache ist in der Tat vielsagend. Und ja, die Namenswahl ist eine persönliche, hochemotionale Sache für die meisten Eltern. Aber muss das gleich kommentiert werden? Muss die Mutter, die ihre Tochter lässig Lotte genannt hat, die Augenbrauen hochziehen, als sie erfährt, dass sich die Nachbarn für Constanze-Katharina entschieden haben? Muss der Vater von Wilhelm über den Namen Finn herziehen? Guntram mag gewöhnungsbedürftig sein, wer weiß, vielleicht hieß der allseits geschätzte Großvater so. Namen sind Lästerthema Nummer eins. Das wird schnell verletzend.

Kollektive Duzerei

Unter Eltern gehört Duzen zum guten Ton, auf einmal sind alle per Du. Wer mit Kind aufkreuzt, ist halt der Papa von Laurin, nicht Dr. Meier. Dabei ist der einzige gemeinsame Nenner die Tatsache, dass man sein Kind in demselben Kindergarten, Verein oder Schule angemeldet hat. Plötzlich hockt man auf Zwergenstühlchen neben seinem Bankberater und muss ihn mit Jürgen ansprechen. Oder die Studentin, die im Waldkindergarten ihre Professorin hinterm Tann hervortreten sieht und sie fortan ideologisch-korrekt Gisela nennen soll. Und wehe, einer schert aus und bleibt beim Sie. Der gehört umgehend in die Schublade arroganter Spießer.

WhatsAppFacebookTwitterGoogle+
WhatsApp
Was macht ein nerviges Elternpaar aus? Wir haben für Sie ein paar Merkmale gesammelt!
WhatsAppFacebookTwitterGoogle+
WhatsApp
Komische Babysprache und im Partnerlook mit dem eigenen Sprössling auftreten? Achtung infantile Eltern!

Pädagogische Ansprachen

Manche Eltern reden gestelzt einher, wenn sie mit ihrem Kind sprechen, sie wollen pädagogisch gewieft erscheinen, adressieren ihre lautstarken Reden aber ans Umfeld. Allein schon deshalb ist es verständlich, dass die Kinder die für sie unverständlich vorgetragenen Anweisungen meist ignorieren. Zum Beispiel in einem Münchner Drogeriemarkt. Privatsphäre Fehlanzeige. Da dröhnt ein moderner Ich-bin-ein-toller-Hecht-Vater zwischen Küchenrollen und Spülmittel mit seinem höchstens Zweijährigen, der durch die Gänge stakst: „Nicht wahr, Konrad, wir gehen noch mal Ski fahren. Das ist toll! Da ist Schnee. Wir fahren in die Schweiz. Du freust dich doch aufs Skifahren!“ Derweil kramt Konrad Wattepackungen aus und schweigt. Unverdrossen schmückt Ski-Papi seine Sportlerrolle aus. Sein dozierender Tonfall ist so unergiebig wie pädagogisch konstruierte Kinderliteratur. Sympathisch, dass die beiden betagten Damen vor den Gebissreinigern die Augen verdrehen und etwas von „armer Bua“ seufzen.

Strenges Regelwerk für Außenstehende

Eltern sind intolerant. Sie machen eigene Gesetze, die eisern gelten, und überwachen autoritär ihr Regelwerk. Besserwisser informieren sich, lesen Erziehungsratgeber, haben stets etwas gegoogelt oder eine aktuelle Studie parat, die den Erkenntnissen der jüngsten Untersuchungen eklatant widerspricht. Sie möchten alles richtig machen. Malte ist vier Jahre alt und bringt zum Kindergeburtstag im teuren Viertel seine Tupperdose mit, drin stecken Dinkelkekse, die guten aus dem Biomarkt. Marmorkuchen soll er nicht essen, zu viel Weißzucker, mahnt seine Mutter beim Abschied. Malte hat das verinnerlicht und hält sich daran. Die anderen betrachten ihn erst erstaunt, dann mitleidig, den Gästen vergeht die Lust auf Süßkram.

Der Auftritt dieses jungen Vaters an Halloween ist durchaus originell. Aber muss man sein Baby auch im Alltag an sein eigenes Äußeres angleichen? Die beiden sollen übrigens einen Stormtrooper und einen Wookiee aus dem Star Wars-Universum darstellen.
© Lueft FAZ, F.A.S.

Darf er ein Gummibärchen haben? So fragt die Verkäuferin an der Kasse. Ja, das Kind darf Gummibärchen haben. Auch eine Wurstscheibe an der Fleischtheke ist nett. Warum wird da vorsichtig nachgefragt? Bei den Verkäufern öffnen sich die Schleusen: Was denken Sie, wie wir von Eltern beschimpft werden. Verständlich, wenn das Kind eine Allergie hat, unverständlich, wenn es die nicht hat. Der Einkauf ist ein gefährliches Terrain. Stichwort Quengelware: Gibt die Mutter nach, spendiert sie den ernölten Lutscher, gilt sie als Weichei, bleibt sie hart, steht möglichst ungerührt neben dem Wutzwerg, der sich in der Schlange auf den Boden geworfen hat, dann ist sie zu streng. Alle erziehen mit, spiegeln mit Blicken, Gesten, Worten oder Taten, was die Frau ihrer Meinung nach zu tun oder lassen hat. Hier hilft ausnahmsweise einmal wegschauen.

Optische Angleichung

Es gibt ein Phänomen, das ist wirklich seltsam. Modebewusste Menschen, die Mütter werden, schlüpfen plötzlich in andere Kleidung. Schlüpfen ist wortwörtlich gemeint. Fortan geht es bunt, praktisch, kapuzenträchtig zu, das ist optisch nicht immer von Vorteil. Plötzlich tragen gestandene Frauen ausschließlich farbstarke Funktionskleidung, greifen zu Anoraks mit zwergigen Zipfelmustern, zu mädchenhaftem Mustermix und verspielten Haremshosen. Sie gleichen sich optisch ihren Kindern an. Warum eigentlich? Um das klarzustellen: Niemand sitzt im Kostümchen auf dem Spielplatz oder erscheint im stylishen, schwarzen Jumpsuit zum Bastelnachmittag – es sei denn, er kommt direkt aus dem Büro. Natürlich taugen da Jeans und sportliche Kleidung mehr. Aber muss es gleich ins krasse Gegenteil abdriften? Modisches Mittelmaß hat doch auch etwas. Und dann wundern sich diejenigen, dass sie von Nichteltern nicht ernst genommen werden.

Die Sache mit den Ausscheidungen

Wer wickelt, der härtet zwangsläufig ab, da müssen alle durch, das geht ohne Gezicke und Wäscheklammer auf der Nase. Aber es stinkt zum Himmel, wenn auf das ästhetische Empfinden der anderen keinerlei Rücksicht genommen wird. Nein, wir mögen nichts über die mögliche Konsistenz von – Sie wissen schon, was – erfahren. Wir mögen keine Pupsprotokolle lesen. Das sollte dem kleinsten Betreuungskreis und dem Kinderarzt vorbehalten bleiben. Unvergessen die energische Mutter, die die „Aussprache über Läuse“, das wurde wirklich so angekündigt, im Kindergarten gehörig mit Wissen über wimmelnde Windelinhalte ihres Eineinhalbjährigen aufmischte. Ein Vater verließ fluchtartig die Froschgruppe, bei einer Mutter rebellierte nicht nur der Magen. Das sollte reichen zum Thema Parasitenbefall. Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker – oder holen Sie Rat ein in einschlägigen Foren.

Jubelausbrüche für Normalität

Irgendwann läuft das Krabbelkind. Drei kleine Schritte sind ein gewaltiger Schritt nach vorn. Und gut ist. Was die Eltern als Fortschritt vom Kaliber einer Atlantiküberquerung wahrnehmen, ist für andere ein Gähnthema. Das Kind matscht im Brei, hebt seinen Löffel und führt ihn zum Mund. Ein Quantensprung in der Kleinfamilie. Essen haben noch alle gelernt. Warum wird das so angepriesen, als habe eine Zweijährige Wachteln tranchiert? Bitte mal schön realistisch bleiben. Ja, das erste Mal ist toll. Wieder und wieder. Ein Familienleben ist voll von solchen Premieren. Die Freude darüber lässt einen erstarken, wenn die Nacht wieder kurz und ohne Tiefschlafphase war. Aber das ist Privatsache.

Die Schönsten und Schlausten

Jedes Kind ist schön, hoffentlich geliebt und darf familienintern als Wunder betrachtet werden. Es ist das Wunder des Lebens, die Züge, die es vom geliebten Partner, der geliebten Partnerin hat und nicht zuletzt von einem selbst. Aber muss man das nach außen tragen, dokumentieren, posten und hinausposaunen? Direkt verschmiert aus dem Kreißsaal und dann bis zum dekorierten Durchstart in Stanford? Müssen wir täglich unsere eigene Dokusoap abfeuern? Natürlich ist das Herz übervoll, wenn die Hebamme den Wimpernaufschlag lobt, die Kindergärtnerin die frühen Fünf-Wort-Sätze preist und die Lehrerin auf Annikas rasche Auffassungsgabe verweist. Aber das ist ein Thema für den engen Kreis. Das Leben mit Kindern findet längst auf der großen Bühne statt. Klar doch, eine Laudatio in eigener Sache zeugt nie von Souveränität, aber immer von großer innerer Unsicherheit. Ärgerlich ist das trotzdem. Auch der eigene Nachwuchs macht schließlich was her – aber lassen wir das. Der Rest ist Schweigen, etwas fürs Tagebuch oder den Liebsten.

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite