Smartphone-Sucht

Das gehackte Gehirn

Von Stephan Finsterbusch
 - 15:49

Manchmal bekämpft man Feuer mit Feuer, und manchmal Technik mit Technik. Apple geht mit der kommenden Version seines Betriebssystem iOS daran, der sogenannten Handy-Sucht das Handy entgegenzusetzen – wird der amerikanischen IT-Konzern seine Software doch mit Features ausstatten, die Nutzern helfen sollen, die Zeit, die sie beim Surfen im Internet, mit Video- oder App-Spielen verbringen, besser als bislang zu managen.

Mit der Markteinführung in der zweiten Jahreshälfte wird Apple das iOS 12 auf Hunderte Millionen Handys in aller Welt spielen. Mit den neuen Funktionen könnten fast schon krankhafte Zwänge von mittlerweile Millionen Menschen vorgebeugt werden, ständig auf ihre Handys zu sehen, aller paar Minuten ihre Accounts auf den sozialen Netzwerken zu checken und eigentlich wildfremden Menschen persönlichste Daten anzuvertrauen.

Psychologen und Neurologen, aber auch Aktionäre und Aktivisten machen schon lange darauf aufmerksam, dass Handys nicht nur die harmlosen technischen Alleskönner sind, als die sie erscheinen. Vielmehr schaffen sie auch Abhängigkeiten, die mit übermäßigen Alkohol-, Drogen- oder Spielsucht zu vergleichen sind. In Teilen der Forschung wird das Smartphones bereits als Droge dargestellt. Und das ist eine Gefahr vor allem für Jugendliche.

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Was passiert im Gehirn?

In Korea gelten eine Viertelmillion Menschen als internetsüchtig, in Japan eine Million, in China zehn Millionen. In Amerika verfügen 95 Prozent aller Jugendlichen über ein Smartphone, die Hälfte davon ist permanent im Internet, ergab jüngst eine Untersuchung des Meinungsforschungsinstituts PEW. Nach einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sind in Deutschland 270.000 junge Leute betroffen. Sie gehen ins Netz und kommen dort einfach nicht wieder heraus. Das hat Folgen für Geist und Körper, erklären Christian Montag und Martin Reuter.

Die beiden deutschen Psychologen hatten 2015 ihr Buch „Internet Addiction“ veröffentlicht. Darin schreiben sie, dass es mittlerweile eine „Nomophobie“ geben – das sind Ängste, die sich einstellen, wenn Nutzer eines sozialen Netzwerkes fürchteten, nicht mehr online zu sein. „Digitalen Medien haben uns fest im Griff. Mediziner und Psychologen sprechen von Internetsucht. Was aber passiert bei diesem Krankheitsbild im Gehirn?“

Montag und Reuter entdeckte schon im Jahr 2012 winzige Sucht-Spuren in den Genen von permanenten Internetnutzern. Eine Pionierarbeit. Im Juli 2017 hatten Neurologen um Aviad Hadar von der Ben-Gurion Universität in Israel festgestellt, dass die intensive Nutzung eines Smartphones nicht nur das soziale Verhalten vieler Menschen ändern und ihre Fähigkeit wie etwa Kopfrechnen verringern könne. Es sei auch in der Lage, die Erregbarkeit des sogenannten präfrontalen Kortex zu reduzieren. Dieser Teil des Gehirns empfängt sensorische Signale, wandelt Gedächtnisinhalte in emotionale Bewertung um und ist wichtig für die Persönlichkeitsstruktur.

Schwächen menschlicher Psyche

Kurz darauf trat der koreanische Neuroradiologe Hyung Suk Seo von der Korea University vor der Radiologischen Gesellschaft von Nordamerika auf, stellte eine Studie vor, in der er mit schweren aber feinen Geräten in die Gehirne internetaffiner Menschen geblickt hatte. Dort sah er, dass im Chemiehaushalt seiner Probanden einiges nicht stimmte. Er stieß vermehrt auf Substanzen, die Depressionen, Angstzustände oder Süchte auslösen, Wahrnehmungen manipulieren und Gefühle beeinflussen können.

Kurz zuvor hatte Sean Parker, Gründungspräsident von Facebook, erklärt, die Macher der Netzwerke wussten alle, was sie taten, als sie ihre Geschäftsmodelle aus der Taufe hoben: Gezielt nutzten sie Schwächen der menschlichen Psyche, sie wollten Abhängigkeiten schaffen. Justin Rosenstein, ein Facebook- und Google-Veteran, verglich Internetdienste wie Snapchat schon mal mit Heroin. Der einstige Google-Programmierer Tristan Harris sagte: „Gedanken kann man hacken. Unsere Entscheidungen sind nicht so frei, wie wir denken.“

„Wir haben diese behüteten und kluge jungen Leute“, sagt Simon Sinek in einem seiner berühmt gewordenen Vorträgen auf Youtube. „Sie haben alles, was sie wollen, und sind doch nicht glücklich. Warum?“ Sinek studierte einst die Anthropologie der Kultur, ist heute Motivationscoach und tritt in großen Firmen auf. Er suchte eine Antwort und fand sie tief im Gehirn. Dort befeuern Alkohol und Nikotin die Ausschüttung eines Glückshormon namens Dopamin. Es macht zufrieden und glücklich. Doch es hat es auch in sich.

Wie bei Alkohol, Nikotin und Gambling kann durch den übermäßigen Gebrauch von Smartphones und sozialen Netzwerken im Gehirn der Nutzer rasch zu viel Dopamin ausgeschüttet werden. „Wir senden zehn Texte zu zehn Freunden und fühlen uns gut, wenn wir Antworten von ihnen kriegen.“ Doch hier gebe es für viele Nutzer einen Punkt, von dem aus könnten sie nicht mehr zurück. Wieso? Die Antwort der Forschung: Weil im Gehirn das Lustzentrum aktiviert wird, der Nucleus accumbens.

Er ist ein Bündel von Nervenzellen im Vorderhirn. Dort sitzt das menschliche Belohnungssystem. Es wird von Zellen im ventralen Tegmentum, einer Struktur im Mittelhirn, mit Dopamin stimuliert. Dockt dieser Botenstoff an den Rezeptoren des Nucleus accumbens an, sendet er Erregungspotenziale an andere Gehirnstrukturen. Die lösen Zustände wie Freude und Zufriedenheit aus. Ein genialer Mechanismus der Natur. Der Mensch aber hat nun gelernt, dieses Belohnungssystem auszutricksen. Mit Alkohol, Nikotin oder Gambling.

Die können die Dopamin-​Rezeptoren auf den Zellen im Nucleus accumbens länger aktivieren und das Lustzentrum bis zu zehn Mal intensiver stimulieren als Essen, Trinken oder Sex. So spiele Dopamin eine wichtige Rolle bei Suchterkrankungen. Daher sei der Konsum von Alkohol, Nikotin oder Gambling reguliert. Der für Handys und soziale Medien aber sei es nicht. Die IT-Branche war alarmiert.

Tim Cook: Ich lag falsch

Anleger machten Druck auf die großen Handy-Hersteller Apple, Samsung und Huawei, Sie nahmen auch soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter oder Tinder ins Visier und sahen in den High-Tech-Riesen schon das, was vor zwanzig Jahren die Tabakindustrie war. Die Konzerne wiesen das zurück, aber sie reagierten. Google erklärte vergangenen Monat auf seiner Entwickler-Konferenz, dass es das „well-being“ seiner Nutzer im Blick habe und App-Funktionen anbieten werde, welche die Handy- und Internetnutzung überwachten und notfalls auch einschränkten.

Apple zieht nun mit. Der Vorstandsvorsitzende Tim Cook hatte bereits mehrfach erklärt, dass er zu viel Zeit im Netz verbringe. Anfang dieser Woche erklärte er im amerikanischen Fernsehsender CNN nun: Er sei bei seiner Handy-Nutzung bislang davon ausgegangen „ziemlich diszipliniert zu sein. Doch ich lag falsch.“ Als er die Daten seines Nutzerverhaltens in Händen hielt, „wurde mir klar, dass ich viel mehr Zeit damit verbringe als ich eigentlich sollte“.

Anfang des Jahres hatte Cook während eines Besuchs am Harlow College im britischen Essex gesagt, er wolle nicht, dass sein Neffe in einem sozialen Netzwerk virtuell unterwegs ist. Er glaube auch nicht, das viel Technologie immer viel helfe. „Ich bin keine Person, die sagt, dass wir Erfolg haben, wenn wird sie die ganze Zeit nutzen“. Maßhalten sei sein Rat – vor allem für die sogenannten Millennials, der Generation, die nach dem Jahr 1984 geboren wurde.

Facebook hat bislang nur sehr zögerlich und zurückhaltend reagiert. Das in den vergangenen Wochen und Monaten vermehrt in die Kritik geratene Soziale Netzwerk hat mit seinem „Like“-Button seit Jahren einen wahren Hit in der Szene. Apple macht sich mit seinem neuen Betriebssystem nun offenbar daran, genau jene Knöpfe und Knöpfchen zu deaktivieren, die für viele Menschen schon so etwas sind wie Alkohol oder Spielsucht – eine Droge. Und gegen diese Technik wirkt offenbar nur eins: Technik.

Quelle: FAZ.NET
Stephan Finsterbusch
Redakteur in der Wirtschaft.
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