Wie erkläre ich’s meinem Kind

Warum man auch an schönen Orten Heimweh hat

Von Florian Kölsch
 - 12:20

Die meisten Menschen freuen sich auf eine Reise an entlegene Sehnsuchtsorte. Endlich haben sie Zeit und Ort gefunden, um die Hängematte zwei Wochen lang nicht zu verlassen. Diese Auszeit ist vor allem für Berufstätige wichtig. Kinder und Jugendliche erleben den Urlaub allerdings anders als ihre Eltern. Auch sie mögen Vorfreude empfinden und in den letzten Tagen vor Ferienbeginn Löcher in die Decke des Klassenzimmers starren. Doch ihnen geht es weniger um das Kennenlernen eines fremden Orts, sondern eher um die Freiheit vom Klassenzimmer und der Pflicht, morgens pünktlich aufstehen zu müssen.

Kinder empfinden noch nicht den Fluchtreflex der Eltern, auch denken sie nicht an die Sterne des Hotels oder die „perfekte Lage“ vor Ort. Ein 5-Sterne Hotel in Venedig, direkt am Lido? Das wird Kinder nicht zwingend beeindrucken und schon gar nicht von Heimweh abhalten. Die Ortskategorien von Kindern begrenzen sich in den meisten Fällen auf „zuhause“ und „woanders“. Daher ist der Urlaubsort für sie erst einmal nur ein Ort fernab des gewohnten Umfelds.

Das fängt oft schon beim Packen der Urlaubstasche an: Viele Kinder nehmen gerne Andenken an Zuhause mit. Für ältere ist das oft das Lieblingsbuch, bei kleineren Kindern mag das eine Decke oder das liebste Kuscheltier sein – jenes, das abgenutzter, ja durchgekuschelter als alle anderen aussieht. Da hängen die meisten Erinnerungen dran. Das ist so etwas wie ein Zuhause zum Mitnehmen.

Je nachdem ob das Kind mit oder ohne Eltern wegfährt, werden diese Andenken wichtiger oder nicht. Bei Reisen mit Jugendorganisationen beispielsweise – bei denen die Eltern meist nicht dabei sind – sind die Kinder auf sich selbst gestellt, also nicht nur örtlich von Zuhause getrennt. Bei Reisen mit den Eltern fühlen sie sich meistens aufgehobener.

Ob nun allein oder mit den Eltern - manche Dinge fehlen Kindern dann. Mag es der Hund sein, der nicht mit auf die Reise durfte und deswegen zuhause bei den Großeltern (die man vielleicht ebenfalls vermisst) weilt. Oder die Freunde, die jetzt ohne einen zuhause auf dem Fußballplatz spielen. Oder der Baum im Garten, an dem die leckeren roten Kirschen wachsen. Kirschen gibt es in Italien – oder irgendeinem anderen Reiseziel – sicherlich auch. Aber es sind eben nicht die vom eigenen Baum zuhause.

Jüngere Menschen haben sowieso öfter Heimweh: Eine GfK-Umfrage aus dem Jahr 2012 ergab, das 70,7% der Reisenden im Alter von 50 bis 59 nie Heimweh bekommen, während es bei den befragten 18- bis 29-jährigen nur 57,2% waren. Selbst das Schöne tröstet junge Menschen nicht über den zeitweiligen Verlust des Vertrauten hinweg. Man fühlt sich schnell verloren unter lauter „Fremden“ – vor allem als junger Mensch. Kinder haben noch eine besonders tiefe Verbundenheit zu ihrem Zuhause: dem eigenen Haus, den Menschen dort, dem Kirschbaum im heimischen Garten.

Heimweh hat natürlich auch viel mit Heimat zu tun. Heimat ist ein vielgebrauchter und sich in seiner Bedeutung stets ändernder Begriff, der sich auch nur schwer bedeutungsgleich in andere Sprachen übertragen lässt. Da ist oft von „Vaterland“ die Rede, aber das spiegelt nicht genau das schwer zu fassende Empfinden wieder. Die Heimat kann vieles sein – sie muss nicht einmal geographisch genau festgelegt sein. Die Heimat setzt sich eher aus sozialen und gesellschaftlichen Konstanten, an Dingen, die die Identität eines Einzelnen prägen, zusammen. Und der Verlust dieses Umfeld macht vor allem Kindern zu schaffen.

Und dann vergießt man als Kind eben auch mal eine Träne im Venedig-Urlaub, beim Schlecken einer eigentlich sehr leckeren Kugel Zitroneneis. Wichtig dabei ist nur, das Eis trotzdem zu genießen. Und das Schöne an Zuhause ist ja, dass es nach dem Urlaub auch noch da ist. Sogar die Schule. Von der aus kann man dann den Zwillingsbruder des Heimwehs kennenlernen: das Fernweh.

Quelle: FAZ.NET
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