Familie
Wie erkläre ich’s meinem Kind?

Warum der Tempelberg für Muslime und Juden so wichtig ist

Von Jonathan Raspe
© dpa, FAZ.NET

Wenn in den Nachrichten wieder vom Nahostkonflikt die Rede ist, geht es meist auch um den Tempelberg in Jerusalem. Das gerade einmal vierzehn Hektar große Plateau im Osten der Altstadt hat durch seine Rolle als ewiger Zankapfel zwischen Israelis und Palästinenser eine traurige Dauerpräsenz in den Nachrichtenspalten erlangt. Dabei ist der Tempelberg für Muslime und Juden, aber auch für Christen ein heiliger Ort von besonderer Bedeutung.

Wer nach Jerusalem fährt und den Tempelberg besuchen möchte, wird schnell stutzig. Eigentlich ist bereits der Name – eine Übersetzung des hebräischen Begriffs “Har ha-Bait“ – eine Übertreibung. Der sogenannte Berg ist nur ein Hügel unter vielen in Jerusalem, und auch kein besonders hoher. Von seiner Umgebung wird das Plateau jedenfalls deutlich überragt. Warum wird ausgerechnet ein derart unscheinbarer Ort von so vielen Menschen aus so unterschiedlichen Gründen verehrt?

Gottes Wohnstätte auf Erden

Im Judentum wird der Tempelberg üblicherweise mit zwei Orten in Verbindung gebracht, die in der Bibel eine überragende Rolle spielen. Zum einen erkennen manche Juden in ihm den Berg Moriah, auf dem einst der Stammvater Abraham seinen Sohn Isaak als Beweis seiner Gottesfürchtigkeit zum Opfer darbringen sollte. Erst im letzten Moment, heißt es in der Bibel, griff Gott durch einen Engel ein. Isaak wurde verschont, und Moriah galt fortan als Symbol des Bundes zwischen Gott und den Juden.

© Johannes Thielen, FAZ.NET

Noch wichtiger ist aber für viele Juden, dass nach ihrer Überlieferung Gott selbst den Hügel zu seinem Wohnsitz auf Erden bestimmt haben soll. Die Bibel erzählt, dass König Salomo deshalb an diesem Ort einen Tempel als Mittelpunkt der jüdischen Religion errichten ließ. Im Vorhof der Kultstätte wurden regelmäßig Tiere geopfert. Im Tempel befand sich das sogenannte „Allerheiligste“ – eine Kammer, in der die Steintafeln mit den Zehn Geboten aufbewahrt wurden und deren Betreten wegen der Präsenz Gottes streng verboten war.

Nach der Zerstörung durch die Babylonier 586 v. Chr. wurde der Tempel nach Überzeugung der Juden an der gleichen Stelle wiedererrichtet. Unter Herodes im ersten vorchristlichen Jahrhundert erheblich ausgebaut, wurde das Gotteshaus 70 n. Chr. nach einem jüdischen Aufstand von den Römern endgültig niedergebrannt. Viele orthodoxe Juden erwarten, der Messias werde nach seiner Ankunft den Tempel ein drittes Mal errichten. Andere, radikalere Gruppen hoffen, der Messias werde erscheinen, sobald der Tempel wieder aufgebaut werde. Bis heute beten gläubige Juden an den Überresten der westlichen Stützmauer des antiken Tempelplateaus, der sogenannten „Klagemauer“.

© dpa, reuters

Mohammeds Himmelfahrt

Für Muslime ist der Tempelberg ähnlich wichtig. Nicht umsonst wird der Berg auf Arabisch als „Al Haram al Scharif“ bezeichnet – zu Deutsch „das edle Heiligtum“. Nach islamischer Überlieferung reiste der Prophet Mohammed in einer Nacht von Mekka nach Jerusalem, um vom Tempelberg aus in den Himmel aufzusteigen. Die Himmelfahrt Mohammeds ist in verschiedenen Varianten ein wichtiger Bestandteil des islamischen Glaubens.

Über dem Felsen, von dem der Prophet in den Himmel aufstieg, wurde bereits gegen Ende des siebten Jahrhunderts eine hölzerne Kuppelkonstruktion errichtet: der Felsendom, in dem der nackte Stein des Berges bis heute zu besichtigen ist. Gläubige Muslime erkennen auf der Oberfläche des Felsens den Fußabdruck des Propheten.

Auf dem Tempelberg steht neben dem Felsendom – der streng genommen gar keine Moschee ist – die Al-Aqsa-Moschee, deren Ursprünge ähnlich weit zurückreichen. Anders als der prächtige, mit blauen Keramikfliesen und einer vergoldeten Kuppel geschmückte Felsendom wirkt der Bau von außen eher unauffällig. Doch der Schein trügt: Nach der Al-Haram-Moschee in Mekka und der Prophetenmoschee mit dem Grab Mohammeds in Medina ist die Al-Aqsa-Moschee das drittwichtigste Gotteshaus im Islam. Die Bedeutung des Tempelbergs für Muslime wird auch dadurch deutlich, dass zu Lebzeiten Mohammeds die Gläubigen sich beim Gebet zunächst noch nach Jerusalem ausrichteten – und nicht nach Mekka.

Konkurrenz belebt das Geschäft

Forscher glauben, dass es gerade die Verehrung durch fremde, konkurrierende Kulte war, die den Tempelberg in der Vergangenheit für die Menschen so interessant machte. Im Laufe der Jahrhunderte wechselte die Herrschaft über den Tempelberg viele Male. Jede Gruppe, die Jerusalem eroberte, interpretierte das lokale Heiligtum auf neue Art und Weise. Ob Juden, Griechen, Römer, Muslime oder christliche Kreuzfahrer: Sie alle nahmen – teilweise sogar ganz explizit – bereits vorhandene örtliche Traditionen in ihre eigenen Kultpraktiken auf.

So vermutet man heute, dass die Juden die Verehrung des Tempelbergs von heidnischen Stämmen übernahmen, die hier ihre Kultstätte hatten. Später ließen sich die muslimischen Baumeister des Felsendoms wahrscheinlich auch von dem Glauben inspirieren, der Felsen habe zuvor im jüdischen Tempel als Opferaltar gedient – oder gar das „Allerheiligste“ markiert. Die Kreuzritter wiederum wandelten den Felsendom und die Al-Aqsa-Moschee in Kirchen um. Schließlich spielte der Tempelberg auch im Neuen Testament als Wirkstätte Jesu eine bedeutende Rolle.

Wenig Hoffnung auf Frieden

Während des sogenannten „Sechs-Tage-Krieges“ 1967 eroberte Israel das Westjordanland und die östliche Hälfte Jerusalems mit der Altstadt, die zuvor Teil Jordaniens waren. Zum Tempelberg hat die israelische Regierung seither ein zwiespältiges Verhältnis. Einerseits wurde der Platz vor der Klagemauer zu einem national-religiösen Denkmal ausgebaut, auf dem zum Beispiel Soldaten vereidigt werden.

Andererseits rührte die Regierung die muslimische Hoheit über den Tempelberg selbst nicht an: Aus Rücksicht auf die Befindlichkeiten der Palästinenser, aber auch, weil viele religiöse Juden das Betreten des ehemaligen Tempelgeländes wegen der dortigen göttlichen Präsenz ablehnen. Bis heute ist es nur Muslimen gestattet, auf dem Tempelberg zu beten, auch wenn Nichtmuslime das Plateau als Touristen besuchen dürfen.

Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS
Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

Die ganze F.A.Z. jetzt auch im Web, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken. Hier geht’s zum Test.

Mehr erfahren

Doch immer mehr radikale, nationalreligiöse Juden wollen den Tempelberg für jüdische Betende öffnen – notfalls mit Gewalt. In der Vergangenheit deckten die israelischen Behörden Anschlagspläne jüdischer Extremisten auf, Felsendom und Al-Aqsa-Moschee zu sprengen, um anschließend den jüdischen Tempel wieder aufzubauen. Immer wieder dringen einzelne Juden auf den Tempelberg vor, um dort verbotenerweise zu beten.

Nach Jahrzehnten der schleichenden Verdrängung durch jüdische Siedler in Ost-Jerusalem verdächtigen viele Palästinenser die israelische Regierung, insgeheim auf eine Änderung der bestehenden Regelung auf dem Tempelberg hinzuarbeiten, selbst wenn diese stets das Gegenteil beteuert. Die Behauptung, hier habe früher der jüdische Tempel gestanden, lehnen sie als erfundenen Vorwand ab. Selbst christlichen Palästinensern gilt der Tempelberg als nationales Symbol gegen die israelische Besatzung.

Für eine endgültige Friedensregelung, die zurzeit in weiter Ferne scheint, wird man auch eine Lösung für den Tempelberg finden müssen. Es ist unvorstellbar, dass Palästinenservertreter einen eigenen Staat ohne den Tempelberg akzeptieren werden. Andererseits beharren die meisten Israelis auf Jerusalem als „ungeteilte Hauptstadt“ ihres Landes – also inklusive der 1967 eroberten und 1980 annektierten Altstadt. Derzeit wird im israelischen Parlament über einen Gesetzentwurf beraten, der eine Rückgabe Ostjerusalems und der Altstadt in Zukunft deutlich erschweren würde. Es ist wie so oft in der Welt: Je länger ein Konflikt andauert, desto stärker werden die Radikalen auf beiden Seiten.

Quelle: FAZ.NET
  Zur Startseite

Themen zu diesem Beitrag:
Jerusalem | Mekka | Juden | Muslime | Tempelberg