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Warum die Bomben aus dem Krieg noch so gefährlich sind

Von Ulf von Rauchhaupt
© Picture-Alliance, FAZ.NET

Fünfzigtausend Menschen müssen in Hannovers Innenstadt am Sonntagmorgen von 9 Uhr an ihre Häuser verlassen, damit einige Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg entschärft werden können. Vergammelt denn auch Sprengstoff nicht irgendwann? Tatsächlich, auch Bomben und Granaten werden mit der Zeit schlecht. Leider macht sie das nicht harmloser – im Gegenteil. Daher müssen auch 72 Jahre nach dem Ende des Krieges immer wieder Wohngebiete vorübergehend evakuiert oder Straßen gesperrt werden, weil man auf eine alte Bombe gestoßen ist. Von den im Zweiten Weltkrieg auf deutsche Städte, Fabriken und Gleisanlagen abgeworfen Sprengkörpern sind damals etwa 13 Prozent nicht explodiert. In großen Städten wie Berlin oder Hamburg müssen daher heute noch mehr als dreitausend unentdeckte Blindgänger herumliegen. Im ganzen Land sind es schätzungsweise um die Hunderttausend.

Sie schlummern im Boden und kommen meistens bei Bauarbeiten zum Vorschein. Spezialisten müssen sie dann entschärfen. Das ist eine gefährliche Arbeit. Zuletzt starben im Juni 2010 in Göttingen drei erfahrene Sprengmeister bei der Explosion einer Fliegerbombe. Sechs weitere Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Manche der Bombensplitter flogen über hundert Meter weit. Darum wird jetzt in Hannover die Stadt im Umkreis von ein bis zwei Kilometer um die Fundstelle evakuiert.

Bis die kleinste Bewegung reicht

Hinter dem Göttinger Unglück steckte wahrscheinlich ein Langzeit-Zünder. Der enthält ein kleines Glasfläschchen mit einer Flüssigkeit namens Aceton – die auch in Nagellackentfernern enthalten ist und genauso riecht – und ein Stapel Plastikscheibchen. Wenn die Bombe auf dem Boden aufschlägt, zerbricht das Fläschchen und das Aceton frisst sich langsam durch das Plastik bis es einen Zündmechanismus freigibt, der dann den Sprengstoff zur Explosion bringt.

© Johannes Thielen, FAZ.NET

Die Idee dahinter ist ziemlich gemein: Die Bombe sollte erst Stunden oder Tage nach dem Luftangriff hochgehen, um Lösch- und Aufräumarbeiten der Angegriffenen zu behindern. Die Verzögerung kann aber auch viele Jahrzehnte dauern, wenn die Bombe so zum Liegen kam, dass das Aceton in die falsche Richtung floss. Dann nagt nur der Zahn der Zeit an den Plastikscheiben, bis die kleinste Störung reicht, um die Zündung einzuleiten oder die Bombe ganz von allein hochgeht. Jedes Jahr kommt es irgendwo auf dem Gebiet des ehemaligen Deutschen Reiches zu solch einer spontanen Explosion.

Die Zündladungen verändern sich

Doch auch die Alterung der Sprengstoffe ist ein Problem. Zwar sind diese Substanzen an sich sehr haltbar, doch das ändert sich, wenn der Bombenkörper durchrostet und Wasser, Sauerstoff oder Mikroorganismen eindringen. Dann bilden sich Substanzen, welche den Sprengstoff empfindlicher machen, lange bevor er unwirksam wird.

Geschafft: Ein Bombenentschärfer hält den Zünder einer Fliegerbombe in der Hand, die im Dezember 2013 in Nürnberg neben dem Hauptbahnhof gefunden worden war.
© Picture-Alliance, FAZ.NET

Mehr Kopfzerbrechen bereitet den Spezialisten vom Kampfmittelräumdienst allerdings die Zündladungen. Denn anders als das Schwarzpulver in Feuerwerkskörpern oder die Knallplättchen in Spielzeugpistolen sind die üblichen Sprengstoffe durch Feuer oder Schlag nicht zur Explosion zu bringen. Sie müssen vielmehr mit einer kleinen Menge empfindlicheren Explosivstoffs gezündet werden. Es handelt sich dabei um spezielle Salze, bei denen zum Beispiel der Aufprall eines mit einer gespannten Feder gehaltenen Bolzens ausreicht, um sie detonieren zu lassen. Diese Salze aber verändern sich mit der Zeit. Zum Beispiel werden die Kristalle, aus denen sie bestehen, immer weniger aber dafür größer, wodurch sie immer sensibler werden. Dadurch wächst die Empfindlichkeit der verrottenden Bombenzünder von Jahr zu Jahr. Auch wenn immer mehr der unentdeckten Blindgänger geborgen werden und ihre Zahl daher in Zukunft immer weiter abnimmt, werden die verbleibenden für ihre Entdecker immer gefährlicher.

Quelle: FAZ.NET
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Hannover | Bombe | Krieg