Wie erkläre ich’s meinem Kind?

Was Frankreich für uns bedeutet

Von Livia Gerster
 - 13:00

Man kann sich das heute bei uns gar nicht mehr vorstellen: Ein Volk überfällt das andere, das andere Volk wehrt sich, und es ist Krieg. Krieg heißt zum Beispiel: Deutsche Männer, die Frauen und Kinder zuhause haben, schießen auf französische Männer, die Frauen und Kinder zuhause haben. Kanonen, Panzer und Flugzeuge mit Bomben zerstören Häuser, in denen Menschen wohnen. Sie zerstören Kirchen und Museen mit alten Kunstschätzen, Schulen, Kindergärten und Universitäten, ja sogar Krankenhäuser und Altenheime. In den zoologischen Gärten sterben Tiere, in den Ställen der Bauern sterben Schweine, Kühe und Kälber. Am Ende, nach einem Jahr, nach vier Jahren oder nach sieben Jahren und Hunderttausenden oder Millionen Toten und Verletzten, wenn alles in Trümmern liegt, gewinnt das überfallene Volk, nimmt dem anderen Volk große Gebiete weg, bestraft es für den Überfall, demütigt es so sehr, dass dieses auf Rache sinnt, eine neue Armee aufbaut, neue Panzer, Kanonen, Bomben kauft und nach einiger Zeit wieder in den Krieg zieht.

So war das in der Vergangenheit lange üblich zwischen Deutschen und Franzosen, und man versteht heute eigentlich schon fast nicht mehr, warum das die Menschen mitgemacht haben beiderseits des Rheins, wo doch allen zu allen Zeiten klar war, dass ein Krieg nur Verlierer kennt, Tote, Verletzte, Hungernde, Verarmte.

Aber lange Zeit haben Väter ihren Söhnen und Lehrer ihren Schülern erzählt, dass es „süß“ sei, „auf dem Feld der Ehre für das Vaterland zu sterben“. Die jungen Männer glaubten ihnen und zogen begeistert in den Krieg gegen ein Volk, das der „Feind“ war, und Frankreich galt in Deutschland als der „Erbfeind“.

Wie der Hass in die Köpfe kam

Diese Erbfeindschaft wurde gelehrt, unterrichtet, bedichtet und besungen. Ein Dichter wie Theodor Körner schrieb im Jahr 1813 Verse, für die man ihn heute als Hassprediger bezeichnen würde, zum Beispiel: „Ha, welche Lust, wenn an dem Lanzenknopfe ein Schurkenherz zerbebt, und das Gehirn aus dem gespaltnen Kopfe am blutgen Schwerte klebt!“

Die Schurken, das waren die Franzosen, die man nur hassen könne, ja hassen müsse, wie Ernst Moritz Arndt, ebenfalls ein Dichter, im selben Jahr, also 1813, ausführte: „Es ist eine unumstößliche Wahrheit, dass alles, was Leben und Bestand haben soll, eine bestimmte Abneigung, einen Gegensatz, einen Hass haben muss; dass jedes Volk sein eigenes innigstes Lebenselement hat, es ebenso eine feste Liebe und einen festen Hass haben muss, wenn es nicht in gleichgültiger Nichtigkeit und Erbärmlichkeit vergehen und zuletzt mit Unterjochung endigen will.“ Und darum, so fuhr Arndt fort, wolle er „den Hass gegen die Franzosen, nicht bloß für diesen Krieg, ich will ihn für lange Zeit, ich will ihn für immer.“

Sie haben dem besiegten Feind die Hand gegeben

Er hat ihn bekommen. Mehrfach im 19. Jahrhundert. Zweimal im 20. Jahrhundert. Und nicht nur zwischen Deutschen und Franzosen, denn meistens blieb es nicht bei den Kriegen zwischen Deutschland und Frankreich. Meist wurden auch andere mit hineingezogen, Engländer, Polen, Österreicher, Spanier, Italiener, zuletzt zweimal sogar die ganze Welt. Nach dem letzten dieser großen Kriege, als der Welt erst auf dem Trümmerfeld des besiegten Deutschlands das ganze Ausmaß des nationalsozialistischen Grauens bewusst wurde, da schien eine Versöhnung undenkbar.

Doch dann geschah ein Wunder, und Frankreich reichte seinem Feind die Hand. Viele waren damals natürlich skeptisch. Sie wollten den Nachfolgern der Nazis nicht so eine Chance zu geben. Zu groß war die Angst, dass sich „das böse Gesicht“ der Deutschen wieder zeigen könnte. Doch die Optimisten haben gewonnen. Nach dem deutschen Kanzler Konrad Adenauer und dem französischen Präsidenten Charles de Gaulles haben sich auch die nachfolgenden Staats- und Regierungschefs immer wieder die Hand gegeben und sogar umarmt.

Weil sie sich aufeinander verlassen

Seitdem ist die deutsch-französische Freundschaft eine Selbstverständlichkeit geworden, Routine fast schon, aber doch Ursache und Gewähr für mehr als siebzig Jahre Frieden in Westeuropa. Deshalb lernen die meisten Kinder in Deutschland nach Englisch immer noch Französisch in der Schule, und viele französische Kinder lernen Deutsch. Deshalb gibt es Schulaustausch-Programme und später, an der Universität, kann man in Frankreich ein Auslandssemester machen oder gleich einen deutsch-französischen Studiengang wählen. Es gibt auch einen Fernsehsender für die beiden Länder, Arte, der auf Deutsch und Französisch zu empfangen ist. Und es gibt unzählige Vereine, Gesellschaften und Institutionen, die die beiden Ländern miteinander verzahnen.

Dieses europäische Team aus Deutschland und Frankreich hat mit der Zeit weitere Freunde um sich versammelt. Immer mehr Länder, die sich früher bekriegt und bekämpft haben, haben sich zusammengeschlossen zu einer Gemeinschaft, der Europäischen Union. Weil sie sich gegenseitig aufeinander verlassen, sich helfen, und verschiedene Verabredungen miteinander haben, an die sich alle halten müssen, gibt es in Europa keine Kriege mehr. Deshalb kann man einfach über die Grenze fahren, und in Italien oder Frankreich Urlaub machen, ohne seinen Pass mitzunehmen. Und deshalb kann man auch in vielen dieser Länder mit dem Euro zahlen.

Angst vor alten Zielen auf neuen Wegen

Die Kinder, die in diese europäische Friedensgemeinschaft hineingeboren werden, halten das für ganz normal, denn sie haben es ja nie anders erlebt. Doch das Band, das die Länder zusammenhält, wird seit einiger Zeit immer lockerer. Die Briten wollen plötzlich nicht mehr Teil der Gemeinschaft sein, weil sie denken, dass sie allein besser dran sind. Und auch in Frankreich gibt es viele, die so denken.

Sie stört, dass sie plötzlich zum Juniorpartner von Deutschland geworden sind, das wirtschaftlich seit seiner Wiedervereinigung immer stärker geworden ist. Und sie haben manchmal das unbestimmte Gefühl, dass sie nicht mehr der Mittelpunkt Europas sind, seit lauter neue Länder im Osten zur EU hinzugekommen sind. Sie denken dann an früher, an die Deutschen mit den Pickelhauben, die immer nur Krieg führen wollten, und fragen sich, ob diese nicht auch heute wieder zum alleinigen Anführer der EU werden wollen.

Lieber ohne Pass in der Hand und Hass im Herzen

Die Deutschen reden dann spöttisch von den Befindlichkeiten der „Grande Nation“, die ihrer ruhmreichen Vergangenheit nachtrauere und einen neuen Platz in der globalisierten Welt für sich suche. Und die Franzosen reden von Angela Merkels „politique à la Bismarck“, die allen anderen wie ein tyrannischer Oberlehrer ihr Spardiktat aufzwingen wolle.

Deshalb jubeln heute viele der Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen zu, die sagt, sie wolle nicht die Vizekanzlerin von Merkel sein, sondern das Land zu alter Größe zurückführen – am besten ohne die EU.

Was dann passieren würde, wenn nicht nur die Briten, sondern auch die Franzosen die EU verlassen würden, weiß keiner genau. Aber wenn man an früher denkt, an die Erbfeindschaft und die Kriege, dann will man doch lieber, so wie heute, ohne Pass in der Hand und Hass im Herzen über die Grenze, will sich im Erasmus-Semester oder im Urlaub an der Küste verlieben und hinterher den anderen erzählen, wie das geht mit dem „Savoir Vivre“. Wie toll so eine europäische Gemeinschaft ist, das wissen viele vielleicht erst, wenn es sie nicht mehr gibt.

Quelle: FAZ.NET
Autorenbild/ Livia Gerster
Livia Gerster
Redakteurin im Ressort Politik der F.A.Z.
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