Wie erkläre ich’s meinem Kind?

Wenn Freunde beim Fußball Gegner sind

Von Tobias Rabe
 - 17:08

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In ein paar Tagen beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland. Dann laufen im Fernsehen von mittags bis abends fast pausenlos Spiele. In manchen davon werden Fußballer, die abseits des Rasens gute Freunde sind, kurioserweise zu Gegnern.

Cristiano Ronaldo hat erst vor kurzem mit Real Madrid zum dritten Mal in Serie die Champions League gewonnen und diesen Titel mit seinen Teamkollegen gefeiert. Bei der WM aber spielt Ronaldo für sein Heimatland Portugal – und trifft gleich im ersten Vorrundenspiel auf Spanien und damit auf einige seiner Mitspieler aus Madrid wie Sergio Ramos. Solche Situationen kommen oft vor, denn die besten Spieler der Welt haben zwei Mannschaften, die ihres Vereins und ihres Landes.

Viele sagen, wenn sie auf die komische Konstellation angesprochen werden, oft diesen Satz: „Für 90 Minuten ruht unsere Freundschaft.“ Aber ist das wirklich so einfach? Kann man einfach so vergessen, dass der Spieler in dem anderen Trikot eigentlich ein ziemlich netter Kerl ist, mit dem man viel Zeit verbringt und häufig zusammen um den Sieg kämpft?

Für manche ist das tatsächlich gar nicht so schwer, zumal sie auch im Training ab und zu gegeneinander spielen. Man freut sich sogar, weil man die Stärken und Schwächen des anderen genau kennt und sich überlegen fühlt. Und schließlich möchte jeder am liebsten selbst mit seiner Mannschaft gewinnen, denn das macht am meisten Spaß. Das ist wie beim Sport in der Schule, wenn der beste Freund in der anderen Mannschaft ist.

Nur wenige Spieler, für die Fußball ein Beruf ist und mit dem sie viel Geld verdienen, können damit nicht so gut umgehen. Noch spezieller wird es, wenn der Gegner nicht nur ein Freund, sondern jemand aus der eigenen Familie ist. Auch das kommt vor, wie bei den Weltmeisterschaften 2010 und 2014. Jérôme Boateng spielte für Deutschland gegen seinen Halbbruder Kevin-Prince Boateng, der für Ghana auflief. Vor acht Jahren gewann Jérôme das Spiel mit 1:0, vor vier Jahren gab es ein 2:2.

Beide waren sehr motiviert, denn sie wollten dem anderen unbedingt zeigen, wer der Bessere der Geschwister ist – wie sie das schon früher auf dem Bolzplatz in Berlin getan hatten. Schlimmer ist solch ein Bruderduell für die Eltern: Wem sollen sie die Daumen drücken? Die meisten hoffen auf ein Unentschieden und darauf, dass sich keiner verletzt.

Es hat sogar einige Vorteile, wenn unter Spielern eine Freundschaft herrscht: Zum einen wird das Duell dann fairer, weil niemand dem anderen mit Absicht einen unsportlichen Tritt versetzt, um die Freundschaft nicht aufs Spiel zu setzen. Zudem kann man ehrlicher Trost spenden: Kurz bevor Deutschland 2014 den WM-Titel gewann, gab es den erstaunlichen 7:1-Sieg im Halbfinale. Für die Deutschen war das ein sehr schöner, für die Brasilianer ein extrem trauriger Tag.

Bastian Schweinsteiger und Thomas Müller gingen nach dem Abpfiff zu ihrem Gegenspieler Dante und trösteten ihn. Denn bei Bayern München standen sie kurz zuvor gemeinsam mit ihm in einer Mannschaft auf dem Platz. Sie nahmen den deprimierten Brasilianer in den Arm, wie es nur gute Freunde oder Familienangehörige machen. Und zu guter Letzt kann man sich immer wieder von den sportlichen Wettkämpfen erzählen. Denn das macht fast genauso viel Spaß wie gewinnen.

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Quelle: FAZ.NET
Tobias Rabe
Verantwortlicher Redakteur für Sport Online.
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