Wie erkläre ich’s meinem Kind?

Warum es bei Demonstrationen zu Gewalt kommt

Von Fridtjof Küchemann
 - 13:33

Demonstrationen sind ja an sich schon aufregend: Man geht auf die Straße, um anderen zu zeigen, was einem wichtig ist. Weil man findet, dass es allgemein nicht wichtig genug genommen wird. Dass andere es auch wichtig finden sollten. Dass andere wissen sollten, dass man es wichtig findet – zum Beispiel Leute, die daran etwas ändern können. Das ist aufregend, selbst wenn es einfach nur darum geht zu zeigen, dass man etwas mag, was es gibt, wie bei „Pulse of Europe“. Oder wenn man zum Beispiel feiern will, dass man hierzulande heutzutage offen zeigen kann, als Mann einen Mann oder als Frau eine Frau zu lieben, ohne deshalb Angst vor Gewalt haben zu müssen – wie beim Christopher Street Day.

Manchmal demonstrieren Leute auch für etwas, das den Mächtigen nicht gefällt, oder sogar gegen das, was die Mächtigen selbst so machen. Dann wird das Ganze gleich noch um einiges aufregender. Es kann Ärger geben: Wenn die Demonstranten auf Leute treffen, die überhaupt nicht ihrer Meinung sind. Wenn sie sich gegenseitig in ihrer Wut so bestärken, dass einige von ihnen aggressiv werden. Oder weil sie nervös werden, sich bedrängt und bedroht fühlen, wenn Polizisten dafür sorgen sollen, dass Wut nicht in Gewalt umschlägt. Es gibt manchmal sogar Leute, innerhalb und außerhalb der Gruppe der Demonstranten, die sind richtig auf Gewalt aus. Dabei macht die Gewalt nicht nur Autos und Fensterscheiben und Straßenschilder und Mülleimer kaputt, sondern sie beschädigt auch die Botschaft der Demonstration.

Die Bilder, die im Kopf bleiben

Der türkische Politiker Kemal Kilicdaroglu ist gerade Hunderte von Kilometern zu Fuß zu einem Gefängnis gegangen, um dagegen zu protestieren, dass ein anderer Politiker aus seiner Partei dort eingesperrt worden ist. Diesem „Marsch für Gerechtigkeit“ haben sich viele Tausende Türken angeschlossen. Schnell ging es nicht mehr allein um die Ungerechtigkeit gegen den inhaftierten Politiker, sondern um viele Ungerechtigkeiten, unter denen die Menschen in der Türkei leiden, seit der türkische Präsident sich immer mehr zum Alleinherrscher ihres Landes macht – Hunderte Politiker und Journalisten sind ins Gefängnis geworfen worden, Tausende Lehrer, Richter und Staatsanwälte entlassen, das Parlament hat eigentlich nichts mehr zu sagen, und jedem, der doch noch etwas sagt, wirft Präsident Erdogan schnell vor, er sei für Terrorismus. Auch Kemal Kilicdaroglu. Auf ihrem langen Weg sind die Demonstranten von Leuten am Straßenrand bejubelt worden – und von anderen mit Steinen beworfen. Wenn sie angefangen hätten, sich zu wehren statt sich nur zu schützen, hätte es schnell zu Gewalt kommen können.

In Hamburg haben sich Ende vergangener Woche Staats- und Regierungschefs aus den wichtigsten und mächtigsten Ländern der Welt zum G-20-Gipfel getroffen. Während sie zusammengesessen und beraten haben, wie sie noch besser zusammenarbeiten können, haben draußen Leute gestanden und protestiert, weil sie finden, dass die Mächtigen nur dafür sorgen, dass sie noch mächtiger werden und die Reichen noch reicher, statt sich auch genügend um die Armen und den Frieden und die Umwelt zu kümmern. Die Bilder dieser Proteste werden uns noch lange beschäftigen, und es sind leider nicht die Bilder all der Leute, die friedlich demonstriert haben, sondern es sind die Bilder von brennenden Autos und ausgeplünderten Geschäften, von Steine werfenden Vermummten und Wasserwerfern der Polizei, die auf die Gewalttäter gerichtet sind.

Bilder sollen zeigen, wie schlimm es ist

Dass es bei Demonstrationen zu Gewalt kommt, liegt meist nicht nur daran, dass der Anlass der Proteste aufregend und umstritten ist. Sondern daran, dass es Leute darauf anlegen, dass es zu Auseinandersetzungen kommt – die verschiedensten Leute aus den unterschiedlichsten Gründen. Ein bisschen ist es wie bei Streitereien unter Gleichaltrigen, wo es dann nachher darum geht, wer angefangen hat. Auch da ist die Frage nach dem eigentlichen Anfang ja schon kniffelig – geht es darum, wer als erstes zugeschlagen hat, oder zählt auch schon die Provokation?

Bei gewalttätigen Protesten geht es nicht nur darum, wer angefangen hat, sondern auch um die Frage, wer welche Gesetze und Vorschriften verletzt hat. Wer schuld daran ist, dass es so schlimm geworden ist. Und ob das alles nicht zu verhindern gewesen wäre. Manche Leute sagen, in Hamburg hätten die Polizisten nur darauf gewartet, dass die Demonstranten mit Steinen werfen und Sachen kaputtmachen – um einen Grund dafür zu haben, ihrerseits brutal gegen die Demonstranten vorzugehen. Sie behaupten, dass die Mächtigen alle Leute hassen, die mit ihrer Macht nicht einverstanden sind, und dass die Polizei tut, was die Mächtigen wollen. Dabei sind manche Leute extra dafür nach Hamburg gereist, um mit der Polizei zu kämpfen und überhaupt ordentlich Krawall zu machen.

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Es gibt Leute, die behaupten, es hätten sich bei Demonstrationen sogar schon Leute als Demonstranten verkleidet und mit Steinen geworfen, obwohl denen gar nicht wichtig ist, worum es bei der Demonstration eigentlich geht, bloß damit es Ärger gibt und Straßenkämpfe. Die wollen dann entweder nachher sagen: Schaut mal, wie brutal die Polizei war, die Politiker, die dafür verantwortlich sind, müssen zurücktreten. Oder: Guckt mal, wie brutal die Demonstranten sind, denen geht es doch gar nicht um ihre Sache, sondern nur ums Kaputtmachen, am besten, man sperrt die alle ein.

Wenige Leute machen viel kaputt

Bei dem „Marsch für Gerechtigkeit“, der am Sonntag in Istanbul angekommen ist, war die Gefahr groß, dass Präsident Erdogan und seine Anhänger so etwas behaupten. Schließlich haben sie ja schon gesagt, dass die Demonstranten den Terrorismus unterstützen. Kemal Kilicdaroglu hat den Leuten, die mit ihm gegangen sind, zur Sicherheit immer wieder gesagt, dass sie sich nicht provozieren lassen sollen, sondern am besten applaudieren. Das ist natürlich gar nicht so einfach.

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Am Wochenende ist es ein Jahr her, dass einige Soldaten versucht haben, die Macht in der Türkei an sich zu reißen. Das ist dort nicht das erste Mal passiert, und diesmal hat es auch nicht geklappt. Erdogan hat diesen Putschversuch aber zum Anlass genommen, noch härter als zuvor gegen seine politischen Gegner vorzugehen. Er wird es weiter tun, falls es jetzt zum Jahrestag zu Protesten kommt – und je gewalttätiger sie sind, um so leichter kann er begründen, warum er das macht.

Wenn es bei Demonstrationen zu Gewalt kommt, leiden viele: All die Demonstranten, die sich einfach nur friedlich für eine Sache einsetzen wollen, die ihnen am Herzen liegt. Ihrer Sache, die jetzt in den Nachrichten mit Gewalt verbunden und deshalb kritischer gesehen wird. Alle Unbeteiligten, die zufällig da wohnen oder vorbeikommen, wo es die Krawalle gibt. Und auch die Polizisten.

Quelle: FAZ.NET
Fridtjof Küchemann  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Fridtjof Küchemann
Redakteur im Feuilleton.
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