Wie erkläre ich’s meinem Kind?

Hilfe, wer reizt da meine Nase?

Von Joachim Müller-Jung
 - 20:07

Da sind sie wieder: Die Leute mit den roten, triefenden Nasen. Sie können einem wirklich leid tun. Völlig ausgeliefert sind sie. Endlich wieder Sonne, und dann so was: Unentwegt reiben sie sich die Augen, kratzen sich, schniefen, husten, einige bekommen hässliche rote Augenränder oder Flecken. Und dann diese Anfälle: Niesen und krümmen sich, als hätten sie ein Maschinengewehr verschluckt. Allergien sind eine schreckliche Krankheit. Das heißt: Eigentlich sind es viele Krankheiten. Allen Allergien gemeinsam ist, dass der Körper wie aus dem Nichts überreagiert.

Genauer gesagt ist es das Immunsystem, das überreagiert. Experten sprechen gerne vom Entgleisen des Immunsystems. Aber wie kann das passieren? Schließlich haben wir das Immunsystem, die „Körperabwehr“, um uns genau davor zu schützen: vor Krankheiten. Im Blut patroulliert von unserer Geburt an ein Heer von Immunzellen und Botenstoffen, mit denen diese Blutzellen kommunizieren und uns schützen sollen. Schützen vor Eindringlingen in den Körper – Viren,. Bakterien, Pilzen und ganz allgemein vor kleinsten Fremdkörpern aller Art. Und genau da liegt das Problem: Es sind so viele Fremdkörper, dass das Immunsystem bei manchen Menschen regelrecht durcheinandergerät. Es ist verwirrt. Es kann nicht mehr zwischen Gut und Böse unterscheiden. Alles, was zum eigenen Körper gehört ist gut, alles von draußen ist böse. Das lernt unser Körper schon vor der Geburt. Es wird trainiert. Erst recht nach der Geburt, wenn wir atmen, alles mögliche schlucken, uns verletzen, und damit immer wieder winzige Fremdkörper aufnehmen.

Die Immunzellen entsorgen diesen Ballast. Aber sie sind nicht perfekt. Vor allem dann nicht, wenn die Stoffe, die zum Beispiel über die Nasenschleimhaut in den Körper eindringen, eigentlich völlig harmlos sind, aber als böse Eindringliche erkannt werden von unseren Immunzellen. Dann schlagen diese “Wächter“ Alarm. Sie bilden ganz fix und in großer Zahl bestimmte Proteine, Antikörper oder auch Immunglobuline genannt, die wie ein Schlüssel zum Schloss (dem eingedrungenen Fremdkörper) passen, und dazu schütten die Immunzellen im Blut Botenstoffe aus: Histamin zum Beispiel. Diese Moleküle erweitern die Blutgefäße, damit immer mehr Immunzellen zur Attacke rekrutiert werden können. Das Ende vom Lied ist: die Nase schwillt an. Auch das Nervensystem wird alarmiert: Ausstoßen das Zeug, also Luft holen und rauspressen: niesen. Immer wieder niesen.

Heuschnupfen heißt diese Allergie. Sie ist sehr häufig. Manche Menschen niesen nicht, sie reagieren nur durch tränende Augen, sie niesen gar nicht, oder ihre Atemwege verkrampfen, wenn es ganz schlimm wird und sie die Fremdkörper beim Einatmen tief einsaugen. Dann wird die Überreaktion allergisches Asthma genannt. Ein Drittel der Heuschnupfen-Patienten entwickeln irgendwann ein solches Asthma. Manche Menschen reagieren auch nur im Gaumen allergisch, zum Beispiel auf Stoffe, die in Nüssen enthalten sind oder bestimmten reifen Obstsorten. Fast jeder Allergiker hat ganz spezielle Stoffe, auf die er oder sie allergisch reagiert. Oft sind es Pollen, und die treten eben vor allem jetzt auf, wenn die Bäume und Sträucher anfangen zu blühen und Pollen mit dem Wind freisetzen. Die Hasel hat schon geblüht, Esche und vor allem die Birke kommen jetzt in den nächsten Tagen, wenn es auch in der Nacht spürbar wärmer wird. Pollen sind eigentlich winzig, völlig harmlos, sie sind aber auch deshalb so unangenehm für das Immunsystem, weil sie quasi nach dem Auftreffen auf der Nasenschleimhaut platzen und ihre ganzen Fremdstoffe freisetzen. Darunter sind viele Moleküle, die das Immunsystem alarmieren.

Allen gemeinsam ist diesen sogenannten Kontaktallergien, ob Pollen- oder Nahrungsmittelallergie, dass immer mehr Menschen offenbar davon betroffen sind. Vor dreißig Jahren war nicht einmal jeder zehnte Mensch Allergiker, inzwischen ist es schon jeder Siebte. Wie es dazu kommen konnte, ist nicht sicher. Eine interessante These ist, dass der Mensch heutzutage nicht mehr so stark von Würmern und Parasiten befallen wird, vor allem in den wohlhabenden Ländern, in denen viel für Sauberkeit und Hygiene getan wird. Die Immunglobuline vom Typ E (es gibt einige andere, mit Buchstaben gekennzeichneten Typen), die bei den Allergien gebildet werden, sind ursprünglich nämlich genau dafür in unserem Immunsystem zuständig: Für die Parasitenabwehr. Und weil es weniger Parasiten gibt, reagieren die Immunglobuline jetzt auf ähnlich aussehende, aber völlig harmlose Fremdkörper. Sämtliche, eine Allergie auslösende Fremdkörper nennt man Allergene. Eine andere Idee, warum es mehr Allergien gibt, hat auch mit Hygiene zu tun – und zwar übertriebener Hygiene im Haushalt und beim Spielen: Weil schon die Kinder nicht mehr mit Dreck in Verbindung kommen, viele auch nicht mit mal mit einem einzigen Tier (deshalb: „Dreck- und Urwaldhypothese“), wird das Immunsystem zu wenig trainiert. Und zwar genau in dem Alter, wenn das Immunsystem mit möglichst vielen Allergenen in Kontakt kommen sollte – und lernen sollte, diese zu tolerieren. Es ist buchstäblich unterfordert – und bleibt es auch später. Für beide Theorien gibt es medizinische Indizien, ganz sicher ist sich die Wissenschaft da aber noch immer nicht.

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Das Auftreten Allergien zeigen jedenfalls eines ganz klar: Das Immunsystem des Menschen ist sehr kompliziert und schon sehr ausgefeilt – wie eine großartig trainierte Fußballmannschaft, die ihre Gegner im Griff hat. Aber eben leider nicht zu jeder Zeit und nicht vollkommen perfekt. Jedes Spitzenteam hat Schwachstellen, das Zusammenspiel funktioniert selten absolut lückenlos. Und manchmal ist da auch bei dem einen oder anderen Spieler wirklich der Wurm drin. In dem Fall hat die Fußballmannschaft das Glück auswechseln zu dürfen. Das ist mit den Immunzellen im Körper leider nicht so einfach möglich. Unsere Aufstellung in der Körperabwehr muss das ganze Leben den Laden sauber halten.

Quelle: FAZ.NET
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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