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Warum uns das Insektensterben beunruhigen sollte

Von Joachim Müller-Jung
 - 10:21
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Viele denken, der Klimawandel ist das schlimmste, was der Erde passieren kann. Dass die Erde austrocknet oder von Wirbelstürmen und Sturmfluten zerstört wird. Wieder andere glauben das gleiche von der dreckigen Luft, und nochmal andere sind sich sicher, dass die Erde bald im Plastikmüll erstickt. Kann gut sein, dass das alles ganz schlimm wird. Für vieles gibt es Anzeichen, dass die Umwelt leidet und die Menschen mit ihr.

Wenn man aber nach klaren Beweisen dafür sucht, dass sich die Umwelt auf unserem Heimatplaneten immer schneller ändert, muss man raus in die Natur – und sie mit wachen Augen und Ohren erforschen. Dann kann man selber erleben, was Insektenforscher aus Krefeld zusammen mit holländischen Biologen genau dokumentiert haben: Die Insekten verschwinden. Das heißt, die Zahl der Insekten wird immer weniger. Fast dreißig Jahre lang haben die Wissenschaftler jedes Jahr in unserer Kulturlandschaft ihre Fluginsektenfallen auf üppigen grünen Streifen zwischen den Feldern und Gewässern aufgestellt. Ihre Sammlung zeigt: Selbst in solchen geschützten Naturflächen ist im Sommer nur noch ein kümmerlicher Rest übrig. Nur eins von vier oder ursprünglich fünf Insekten ist übrig.

Das gleiche gilt für die Vielfalt. Es gibt lange nicht mehr so viele Arten von Insekten, weniger Schmetterlingsarten, weniger Wespen- und Hummelarten, auch weniger Käfer und Nachtfalter und Mückenarten. Um fast die Hälfte ist in einigen dieser Tiergruppen die Vielfalt eingebrochen – und das in so kurzer Zeit, wie es in der Geschichte der Erde wahrscheinlich selten passiert ist.

Intensivlandwirtschaft und Klimawandel

Wie aber kommt das, und weshalb sollte uns das Verschwinden des Ungeziefers stören, schließlich sind den meisten Menschen die Insekten am Gartentisch sowieso eher lästig? Die erste Frage ist schwer, die zweite leichter zu beantworten. Was dieses extreme Insektensterben ausgelöst hat, bleibt ein Rätsel, es gibt einige Verdächtige: Pflanzenschutzmittel, die „Chemie-Keule“ auf dem Acker, sind ein Kandidat. Viele Insekten sind Schädlinge, die chemisch mit Insektengiften bekämpft werden. Vielleicht leiden die Nicht-Schädlinge aber eben auch viel mehr durch das Spritzen der Felder als gedacht. Bei Bienen und Hummeln gibt es diesen Verdacht schon lange.

Insektensterben
Zahl der Insekten um 75 Prozent gesunken
© dpa, reuters

Gut möglich, dass auch zu viel Dünger, Gülle vor allem, auf die Felder kommt, und das Nährstoffgleichgewicht im Wasser und auf dem Acker stört. Die Zusammensetzung der Pflanzen wird dadurch auch in den Grünstreifen verändert, die die Bauern nicht bearbeiten. Und da viele Insekten wahre Spezialisten sind, die nur bestimmte Pflanzen als Nahrungsquelle oder Lebensraum akzeptieren, haben sie keine Lebensgrundlage mehr. Genauso gut aber könnte es sein, dass die Grünstreifen in der Kulturlandschaft zu spärlich sind, dass überhaupt zu viele Felder zu groß und zu monoton mit immer denselben Nutzpflanzen besetzt werden, oder aber die wärmeren Winter, die heftigeren Hitzewellen oder die zunehmende Nässe, die allesamt mit dem Klimawandel einhergehen, machen den Insekten zu schaffen.

Wie gesagt, die Forscher konnten da keine einzelne Ursache entdecken. Viel wahrscheinlicher ist es, dass die heutige Intensivlandwirtschaft insgesamt und dazu der Klimawandel die Lebensräume der Insekten immer stärker verarmen lässt. Die Bauern sind in dem Agrarsystem quasi dazu angehalten, möglichst immer mehr zu ernten, um ihren Wohlstand zu halten.

Wir würden auf den Weiden in Kuhfladen versinken

Wohlstand ist das Stichwort für die zweite Frage: Warum sollte uns das Insektensterben kümmern? Kurz gesagt: Weil die Bienen, Hummeln und Co quasi die fleißigsten und zuverlässigsten (und oft auch die einzigen) Arbeiter in der Natur sind. Arbeiter, die sogar quasi umsonst für den Menschen arbeiten. Drei Viertel aller Kulturpflanzen, von denen wir uns ernähren, wachsen nur mit der Unterstützung der Insekten. Die Tiere bestäuben die Blüten der Nahrungspflanzen (und die Blüten von 90 Prozent aller Wildpflanzen) und sorgen so dafür, dass überhaupt Früchte entstehen und weitergezüchtet werden kann. Mehr als 300 Milliarden Euro, so viel wie ganz Deutschland jedes Jahr für die Gesundheit in Kliniken, Apotheken und bei Ärzten ausgibt, erwirtschaften die Insekten als Bestäuber.

Klar, viele Insekten sind auch Schädlinge, aber die meisten Arten sind ausgesprochen nützlich, um die Stabilität der Ökosysteme zu sichern. Viele sind Nützlinge, weil sie etwa Schädlinge wie Blattläuse kurz halten, weil viele Insektenlarven auch Parasiten sind und ihrerseits von Schädlingen leben. Insekten sind quasi kostenlose Pflanzenschutzmittel, die natürlichsten Pflanzenschutzmittel, die die Erde selbst hervorgebracht hat. Sie halten auch den Planeten sauber. Wir würden auf den Weiden in Kuhfladen versinken, wenn wir nicht mehr mit der Arbeit der Mistkäfer rechnen könnten! Insekten sind, so gesehen, entscheidende Fäden in einem komplizierten Netzwerk, die unseren Kosmos zusammen halten. Das Insektensterben wird deshalb nicht nur von Naturforschern, sondern von vielen Verantwortlichen in der Gesellschaft und Politik als höchst alarmierende Bedrohung unserer eigenen Zivilisation eingestuft.

Noch mehr Antworten auf neugierige Kinderfragen
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Quelle: FAZ.NET
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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